Der Kampf um die Einkaufstouristen

Im schweizerisch-deutschen Grenzraum buhlen zwei Städte und ein Investor um das Geld der Einkaufstouristen. Die Deutschen versuchen, die Konkurrenz in die Schranken zu weisen.

Hochbetrieb vor allem dank Kunden aus der Schweiz: Kassen im Einkaufszentrum Lago in Konstanz (D). Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Hochbetrieb vor allem dank Kunden aus der Schweiz: Kassen im Einkaufszentrum Lago in Konstanz (D). Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Jetzt, vor Weihnachten, stauen sich jeden Tag Autos mit Schweizer Kennzeichen und rauchenden Auspuffen vor dem Konstanzer Einkaufszentrum Lago. Fast bis zur Autobahnausfahrt. Das Lago ist der Star unter den deutschen Einkaufszentren: In keinem anderen war die Mieterschaft in den vergangenen Jahren so zufrieden wie hier. Und in keinem anderen sind die Umsätze pro Quadratmeter so hoch, wie Peter Herrmann, Manager des Lago, sagt. Auch dank der Kundschaft aus der Schweiz. Konkrete Zahlen will er nicht nennen. Nur dass ­jeder dritte Kunde aus der Schweiz kommt.

In zwei Jahren könnte die Auto­kolonne vor dem Lago aber merklich kürzer sein: In Singen, 30 Autominuten von Konstanz entfernt, ist ein Einkaufszentrum namens Cano geplant. Und es soll mit 16'000 Quadratmetern noch grösser werden als das Lago. Seit die Pläne bekannt sind, ist die Beziehung zwischen den beiden Städten disharmonisch. Das Konstanzer Parlament forderte die Stadtregierung bereits ultimativ dazu auf, rechtlich gegen das Projekt vorzugehen. Diese hofft zwar auf eine «Verständigungslösung», wie sie auf Anfrage schreibt. Einfach wird es jedoch nicht, wenn man die Vorgänge der letzten Wochen in Erinnerung ruft: Die Gutachter der Stadt Konstanz warfen den Gutachtern der Stadt Singen vor, sie würden im Bebauungsplan tiefstapeln und zu bescheidene Umsätze prognostizieren. Daraufhin schaltete sich die Stadt Konstanz selber ein und forderte von Singen, das Zentrum deutlich zu verkleinern. Auf 10'000 Quadratmeter.

Singen will Zürcher anlocken

In Singen denkt man nicht daran: «Die 16'000 Quadratmeter bleiben», sagt Oberbürgermeister Bernd Häusler. Das Zentrum müsse so gross sein, damit es eine gewisse Anziehungskraft entwickle; sie soll so stark sein, dass auch Zürcherinnen und Zürcher angezogen werden.

Offiziell begründet Konstanz die Einmischung damit, dass das Einkaufszentrum «den Zielen des Landesentwicklungsplans widerspricht». Welche Befürchtungen und welchen Ärger diese spröde Verlautbarung verdeckt, zeigt das Protokoll einer Sitzung, zu der sich der Konstanzer Bürgermeister und Parteienvertreter vor ein paar Wochen zusammenfanden. Natürlich ging es um Geld. Der SPD-Vertreter befürchtete, dass es zu einem ruinösen Wettbewerb komme, wenn die Schweizer Kundschaft einmal «wegbrechen» sollte. Es ging aber auch um das Konkurrenzverhältnis zwischen den beiden Städten. Der Vertreter der Freien Wähler Konstanz monierte, dass ihnen Singen den Rang eines Oberzentrums streitig machen wolle. «Das missfällt Konstanz.» Die Sitzung endete unter anderem damit, dass die Gutachter weitere Gutachten forderten.

Tatsächlich wurde Singens Oberbürgermeister bereits aufgefordert, seine Stadt zum Oberzentrum zu machen. Dieser winkt zwar ab. Im Gespräch kann er aber kaum verbergen, dass er Sympathien hat für die Idee. Dass das junge und kleine Singen Konstanz den Rang abläuft, der alten Reichsstadt, die mit dem Konstanzer Konzil von 1414 bis 1418 an der Weltgeschichte mitschrieb. Wirtschaftlich habe Singen sie bald eingeholt, sagt Bernd Häusler. «Und mit dem Einkaufszentrum können wir die Strahlkraft unserer Stadt noch verstärken.»

Deutsche machen Opposition

Nun könnte aber beiden Einkaufsstandorten von unerwarteter Seite Konkurrenz erwachsen: von der anderen Seite der Grenze. In Wigoltingen, auf Thurgauer Boden, ist ein grosses Outlet geplant. Im Endausbau ist es so gross wie die Einkaufszentren von Singen und Konstanz zusammen: 30'000 Quadratmeter. Es könnte dereinst nicht nur Schweizer Einkaufstouristen auf dem Weg nach Deutschland abfangen, sondern auch Deutsche in den Thurgau ziehen: Das Outlet namens Edelreich soll ein eleganter Bau werden, in dem Luxusmarken Kleider und Schuhe zu stark reduzierten Preisen verkaufen.

Bei der ersten Gelegenheit haben die Deutschen Einsprache gegen das Outlet erhoben. Dessen Besucher könnten einen Rückstau bis nach Konstanz verursachen, begründete der Regionalverband Hochrhein-Bodensee im Namen der Städte Konstanz, Singen und Radolfzell. Dessen Vorsitzende, Landrätin Marion Dammann, räumt aber auch ein, dass der Verband verhindern will, dass den Städten Umsätze verloren gehen. Insbesondere in Konstanz könnte die ­attraktive Situation des Einzelhandels «empfindlich gestört» werden, lässt sie ausrichten. Mit der Folge, dass viele Geschäfte schliessen müssten.

Jürg Klopfenstein, Investor des Outlets, kann nur den Kopf schütteln: «Die Deutschen nehmen gerne Schweizer Franken. Aber wenn Deutsche auch einmal Geld in die Schweiz bringen könnten, dann machen sie Opposition.» Die deutsche Intervention empfindet er als Anmassung, die Nachbarn hätten keine Legitimation, sich einzumischen. 2010 haben sie bereits gegen den ersten Gestaltungsplan Einsprache erhoben; dazu sahen sie sich als Mitglied des Vereins Agglomeration Kreuzlingen-Konstanz berechtigt. Und obwohl die Gemeinde Wigoltingen nicht darauf eingetreten ist, legte der Verband Anfang Jahr auch gegen den überarbeiteten Gestaltungsplan Einsprache ein.

Dennoch sagt Klopfenstein: «Ich bin froh um die Einsprachen aus Deutschland.» Nach jeder Einsprache kämen nicht nur Fernsehstationen aus der Schweiz, sondern auch aus Deutschland zu ihm nach Wigoltingen. Und machten seine Pläne den deutschen Konsumenten bekannt.

Das Risiko Wechselkurs

Das Outlet Edelreich kann gemäss Klopfensteins Fahrplan frühestens 2020 eröffnen. Er selbst arbeitet seit 2005 daran – dem Projekt war wegen des erwarteten Verkehrs Opposition aus der Nachbar­gemeinde erwachsen. Klopfenstein arbeitet eng mit den Betreibern des Outlets Fashion Fish in Schönenwerd zusammen und könnte nach eigenen Angaben schon heute die ersten 20'000 Quadratmeter vermieten. Er rechnet, dass er bis zu 140 Millionen in das Outlet investieren und 250 Personen beschäftigen wird.

Welches der drei Einkaufszentren einmal gewinnt und welches verliert, hängt jedoch von einer Grösse ab, die sie nicht beeinflussen können: vom Wechselkurs. Nur weil sich der Franken 2016 leicht abschwächte, hat das Lago dieses Jahr zwei Prozent weniger Umsatz gemacht, wie Manager Peter Herrmann sagt. So rüstet er sich bereits heute für die Konkurrenz in Singen, Wigoltingen und im Internet und investiert weitere 6 Millionen Euro in sein Zentrum.

Erstellt: 18.12.2016, 22:34 Uhr

Deutsches Grenzgebiet

«Der Einkaufstourismus ist rückläufig»

Mit Bertram Paganini* sprach Janine Hosp

«Der Einkaufstourismus stagniert auf hohem Niveau», teilten deutsche Zollämter kürzlich für 2015 mit. Gilt das auch für 2016?
Wir haben noch keine offiziellen Zahlen. Aber nach Auskünften, die ich von Handel und Zoll bekomme, stagniert der Einkaufstourismus nicht nur, sondern ist rückläufig. 2015, als die Schweiz die Eurountergrenze aufgab, erlebten wir allerdings ein fast historisches Hoch. Das werden wir kaum mehr erreichen.

Aber der Franken ist nicht schwächer als vor einem Jahr.
2015 hatten wir zeitweise einen Wechselkurs von 1:1. Das hatte eine andere ­Signalwirkung. Zudem strengt sich der Schweizer Detailhandel sehr an. Nicht nur die Einkaufstouristen setzen ihn unter Druck, sondern auch Aldi und Lidl. Die treten preisaggressiv auf und bauen ihr Netz ständig aus. Drogerie­waren sind in Deutschland zwar nach wie vor deutlich günstiger, aber bei elektronischen Geräten ist die Preisdifferenz nicht mehr gross. Vor allem Schweizer aus einer grösseren Entfernung kommen nicht mehr so oft über die Grenze, weil sich der Weg weniger lohnt.

Wie wichtig ist Kundschaft aus der Schweiz für das Grenzgebiet?
Sehr wichtig. Der Detailhandelsumsatz unserer Region beläuft sich auf 4,5 Milliarden Euro. Wir nehmen an, dass ­davon 1,6 Milliarden von Schweizern stammen. Das sind fast 4 von 10 Euros.

In Singen soll ein grosses Einkaufszentrum gebaut werden. Besteht die Gefahr, dass bald Läden leer stehen?
Wir haben schon heute Überkapazitäten, vor allem bei Möbel- und Lebensmittelgeschäften. Das Cano in Singen wird den Wettbewerb zusätzlich verschärfen. Wir gehen aber davon aus, dass es vor allem das Singener Gewerbe und weniger das Angebot in Konstanz konkurrenziert.

Und welchen Einfluss hat das geplante Outlet im Thurgau?
Das kommt auf dessen Angebot an. ­Läden mit Kleidern, Schuhen und Drogeriewaren sind sicher eine Konkurrenz für den Konstanzer Detailhandel.

Sie sagten, es bestünden heute schon Überkapazitäten. Wegen der Schweizer?
Ja. Wir haben in der Region 1,3 Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche. Ohne den Einkaufstourismus wären es wohl nur 800'000 Quadratmeter.

Was geschieht, wenn der Franken schwächer wird?
Der Wechselkurs ist eine wichtige Stellgrösse – schliesslich kaufen die Schweizerinnen und Schweizer vor allem hier ein, weil es günstiger ist. Die ganze ­Region bekäme eine Abschwächung zu spüren. Zwar lag der Wechselkurs bei Einführung des Euros schon bei 1.65 Franken und die Region konnte ­damit leben – die Schweizer gaben 400 bis 500 Millionen Franken statt wie heute 1,6 Milliarden aus. Aber damals hatten wir einige Hunderttausend Quadratmeter weniger Verkaufsfläche.

*Bertram Paganini ist Geschäftsführer der Geschäftsstelle der Industrie- und Handelskammer in Konstanz (D).

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