Der Kiosk hat seine Unschuld verloren

Das Handy-Tracking zeigt: Unsere Daten sind wertvoll. Darum müssen wir lernen, bewusster damit umzugehen. Aber es braucht auch neue Regeln.

Überwachung ohne Einverständnis: Kiosk am Hauptbahnhof Zürich. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Überwachung ohne Einverständnis: Kiosk am Hauptbahnhof Zürich. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

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Einige verbinden den Kiosk mit dem Kauf des ersten «Bravo»-Musikhefts. Andere denken an die süssen Würmli für 5 Rappen oder die sauren Zungen für 10. Und viele haben die eigene Kiosk-Anekdote. Meine geht so: Als Achtjähriger schickte mich meine Mutter zum Einkaufen. Zur Belohnung durfte ich danach das übrige Geld ausgeben, vielleicht für ein paar Würmli. Doch die Mutter hatte sich in der Banknote geirrt. Das Kleingeld reichte für Panini-Bilder. Beinahe so viele, um zwei Alben zu füllen.

Diese Woche hat der Kiosk seine Unschuld verloren. Die Valora, der schweizweit grösste Filialenbetreiber, hat zugegeben, Kioskkunden heimlich auszuspionieren. Wer heute mit dem Handy in der Tasche im Zürcher HB Zigaretten kauft, wird registriert. Ebenso, wer im Caffè Spettacolo Kaffee bestellt oder beim Brezelkönig vorbeischaut. Diese Läden gehören ebenso Valora.

Wie das mit lieb gewonnenen Sachen so ist: Wenn sie sich verändern, kann die Zuneigung schnell in Ablehnung umschlagen. Davon sind die Kommentarspalten der Artikel über die Datensammelei von Valora voll. Einer schreibt: «Absolut daneben. Vertrauen in die Valora haben? Ich werde dort nie mehr einkaufen.» Von 2500 befragten Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Lesern gaben 93 Prozent an, mit dem Handytracking nicht einverstanden zu sein.

Im Internet ist die Sammelei Alltag

Es gibt allerdings eine einfache Erklärung dafür, warum die Valora mit den Handydaten der Kunden experimentiert: Tut sie es nicht, stirbt sie. Denn dann tut es ein Konkurrent.

Im Internet gilt das schon lange. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Internetfirmen unsere persönlichen Daten sammeln. Wir bekommen ja etwas zurück: Suchmaschinen, Onlinekarten, Chats, Videotelefonie. Fälle wie die von Valora zeigen, dass die Grenzen zwischen virtueller und realer Welt immer durchlässiger werden. Jetzt beginnt eben auch der Kiosk, das Feld für sich zu entdecken. Die Datensammelei kann der Valora zu allerlei Einsichten helfen: zu bestimmten Zeiten mehr Mitarbeiter im Laden anzustellen, das Kaffeeangebot zu verbessern, neue Zeitungen ins Angebot zu nehmen, andere zu entfernen, dem verschnupften Pendler beim Vorbeigehen ein Päckchen Taschentücher zu schenken.

Alles also nur halb so schlimm? Natürlich nicht. Die Valora ist genauso wenig wie Facebook oder Google ein Wohlfühlverein. Es geht der Firma um Profit. Je besser sie den Kunden kennt, desto mehr Geld kann sie mit ihm machen. Unsere Daten sind für sie Gold wert. Deshalb sollten Firmen wie Valora dazu verpflichtet werden, Auskunft zu geben, wenn sie Daten sammeln. Auch wenn diese angeblich anonymisiert sind. Und Kunden, die ihre Daten preisgeben, sollten zu jeder Zeit wissen, was genau gesammelt wird, und sie sollten Zugriff darauf haben.

Neuer Schweizer Datenschutz

Überhaupt sollten Firmen die Daten ihrer Kunden nicht besitzen, sondern nur lizenzieren. Der Besitzer könnte so stets genau bestimmen, wofür seine Daten verwendet werden, wofür nicht und was wieder gelöscht werden muss. Der Bundesrat hat diese Woche die längst fällige Diskussion mit einem Vorschlag zur Totalrevision des ­Datenschutzgesetzes lanciert. Die Vernehmlassung dazu wird uns das ganze kommende Jahr begleiten. Grundsätzlich geht es darum, die Schweizer Datenschutzpraxis ins digitale Zeitalter zu hieven. Wenn Firmen weiterhin wahllos Kundendaten sammeln, auswerten und kombinieren dürfen, ohne uns zu fragen, und erst recht, ohne uns dafür zu bezahlen, kann das nicht im Sinne einer gesunden Gesellschaft sein. So können am Ende nur die Unternehmen profitieren.

Doch eine Gesetzesänderung ist nur das eine. Wir müssen als Konsumenten lernen, bewusster mit unseren Daten umgehen. Sonst könnte es uns immer wieder so ergehen wie mir als Achtjährigem: Kurzfristig freute ich mich über das volle Panini-Album. Langfristig aber wurde mir das Sackgeld zusammengestrichen, und ich ärgerte mich darüber, so viel Geld für Fussballbilder ausgegeben zu haben, die ich gar nicht brauchte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2016, 19:47 Uhr

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