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Der Krampf mit den Pharmageldern

Die Industrie legt zum zweiten Mal ihre Zahlungen an Ärzte und Organisationen offen. Insbesondere Novartis hat einen grossen Schritt in Richtung Transparenz gemacht.

Nicht alle Ärzte geben sich transparent: Chirurg in einer Privatklinik. Foto: Simon Tanner
Nicht alle Ärzte geben sich transparent: Chirurg in einer Privatklinik. Foto: Simon Tanner

Novartis ist auf gutem Weg, Roche tritt an Ort, Bayer auch, aber auf tiefem Niveau, und GlaxoSmithKline (GSK) bleibt Musterknabe. So lautet eine erste Bilanz der erneuten Charmeoffensive der Pharmaindustrie. Vor einem Jahr legten rund 60 Schweizer Firmen erstmals ihre jährlichen Zahlungen an Ärzte, Apotheker, Kliniken und Organisationen offen. Nun tun sie es zum zweiten Mal. Heute Freitagabend endet die Frist für die Veröffentlichung. Allerdings haben bereits viele Firmen in den letzten Tagen ihre Zahlungen von 2016 offengelegt.

Die bezahlten Summen dürften sich dabei wieder in den Grössenordnungen vom Vorjahr bewegen: 15 Millionen Franken für medizinische Fachpersonen, 75 Millionen Franken für Organisationen und gegen 50 Millionen für Forschung. Insgesamt also wieder rund 140 Millionen Franken.

Die Offenlegung ist in der Schweiz im sogenannten Pharmakooperationskodex geregelt. Es handelt sich um eine Initiative der Industrie selber, verordnet vom Europäischen Pharmaverband Efpia, der damit einer strikteren gesetzlichen Regelung zuvorkommen will. Die Idee ist eigentlich, dass Kongressgebühren, Übernachtungskosten oder Beratungshonorare aller Ärzte und jeder Organisation öffentlich zugänglich sind. Bis jetzt ist dies bloss die Idealvorstellung. In der Praxis geschieht die Offenlegung erst halbherzig. Doch dieses Jahr zeichnet sich eine merkliche Verbesserung ab. «Es braucht weiterhin viel Überzeugungsarbeit», sagt Jürg Granwehr vom Branchenverband Scienceindustries, der die Transparenzinitiative in der Schweiz ­vorantreibt. «Wir sind auf den Goodwill der Pharmafirmen wie auch der Ärzte und Organisationen angewiesen.»

Keine Zusammenarbeit mehr

Der Hauptkritikpunkt betrifft die unvollständigen Angaben: Wie viel Geld geflossen ist, wird nur offengelegt, wenn der betroffene Arzt oder die Organisation einwilligt. Dies hat 2016 dazu geführt, dass bei den Ärzten nur rund die Hälfte aller Beträge namentlich zugeordnet waren. Wenn jemand nicht auf den Listen erscheint, kann dies deshalb bedeuteten, dass er kein Geld erhalten hat – oder dass er die Zahlungen nicht offenlegen will. Das findet auch Scienceindustries nicht gut. «Unser Ziel ist, dass die Offenlegungsraten steigen», sagt Granwehr. «100 Prozent wäre zwar ideal, wird aber fast nicht möglich sein.» Der Branchenverband hält es im internationalen Vergleich für beachtlich, wenn jeweils 80 Prozent der Ärzte und Apotheker in eine Offenlegung einwilligen. Bei Firmen mit deutlich tieferen Werten habe man das Gespräch gesucht, so Granwehr.

Allerdings ist vollständige Transparenz durchaus möglich. Bei der ersten Offenlegung erreichten dies immerhin acht Firmen. Darunter das Unternehmen GSK, das diesen Erfolg gekonnt für seine Imagewerbung nutzt. «Seit 13 Jahren sind wir Vorreiter, was Transparenzinitiativen betrifft», schreibt Medienfrau Sonja Luz. Man setze auf eine konsequente «No consent – no contract»-Strategie. Das heisst, GSK arbeitet nur mit Ärzten zusammen, die einer namentlichen Veröffentlichung zustimmen.

Die gleiche Strategie fährt seit Anfang 2016 auch Novartis. Dadurch haben dort diesmal 95 Prozent der Ärzte ihre Zahlungen offengelegt. Wegen der Grösse des Unternehmens könnte dies Signalwirkung haben. «Wir bemühen uns weiterhin, diese Zahl auf hundert zu bringen», schreibt Sileia Urech von der Kommunikation. Mancher Arzt würde sein Einverständnis nachträglich zurückziehen, was man aus Datenschutzgründen akzeptieren müsse, so Urech. «Allerdings ist eine weitere Zusammenarbeit mit diesem Arzt dann nicht mehr möglich.»

So ein striktes Vorgehen lehnt Roche noch ab. Dort ist man mit 82 Prozent Offenlegung kaum besser als vor einem Jahr. Auf Anfrage gibt man sich zufrieden mit diesem Wert. Ein Beispiel für eine anhaltend schlechte Rate ist Bayer. Dort dümpelt man bei der zweiten Veröffentlichung bei 40 Prozent.

Bei der ersten Offenlegung der Pharmagelder wurde auch kritisiert, dass die Zahlungen verteilt auf gut 50 Firmenwebseiten veröffentlicht wurden. Journalisten der Zeitschrift «Beobachter» und der Rechercheplattform «Correctiv» haben deshalb die Informationen unter dem Titel «Franken für Ärzte» in einer öffentlichen Datenbank zusammengeführt. Allerdings: Wenn ein Arzt darin nicht erscheint, lässt sich wegen der unvollständigen Transparenz nicht unterscheiden, ob er kein Geld erhalten oder auf Datenschutz beharrt hat. «Beobachter» und «Correctiv» haben deshalb unlängst «Null-Franken-Ärzte» lanciert. Ärzte, die überhaupt kein Geld von Pharmafirmen angenommen haben, können dies öffentlich machen, wenn sie sich dort eintragen.

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