Der lange Abschied vom Monopol

1998 wird die Swisscom durch ein Gesetz ins Leben gerufen. Seither agiert die ehemalige Telecom im offenen Markt. Doch richtig entfalten konnte sie sich nicht.

Auch heute ist die Swisscom de facto immer noch ein Staatsbetrieb: Telefonkabinen der PTT am Bahnhof Stadelhofen 1996. Foto: Keystone

Auch heute ist die Swisscom de facto immer noch ein Staatsbetrieb: Telefonkabinen der PTT am Bahnhof Stadelhofen 1996. Foto: Keystone

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Konzerne haben Gründungsgeschichten, nicht so die Swisscom. Der Telecomriese ist ein Produkt politischen Willens und wirtschaftlichen Drucks. Doch genauso ist die Swisscom ein Kind der Liberalisierung und Vernetzung der europäischen Telecommärkte in den Achtziger- und Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts.

Mit 51 Prozent des Kapitals im Besitz des Bundes ist die Swisscom allerdings de facto noch ein Staatsbetrieb. Frei entfalten konnte sich der «blaue Riese» in den zwanzig Jahren seit Entstehung nur beschränkt. Bis heute muss er sich im Spannungsfeld entfesselter digitaler Märkte und dem öffentlichen Grundauftrag beweisen. Und das wird immer schwieriger.

PTT-Erbe, Liberalisierung

Kein Gründer, sondern ein trockenes Gesetz ruft die Swisscom ins Leben: Am 1. Januar 1998 tritt das neue Fernmeldegesetz in Kraft. Damit wird die Swisscom endgültig in die unternehmerische Unabhängigkeit entlassen. Zuvor wird die Deregulierung des Schweizer Telecommarkts vorbereitet. Das Telecom-PTT-Monopol spaltet sich darauf in zwei Einheiten auf: die Schweizerische Post und die Swisscom.

Was heute naturgegeben scheint, war es damals nicht. Patronales Denken lässt staatliche Institutionen wie die PTT lange unantastbar erscheinen. Viele sehen die PTT als Pfeiler des Bundesstaates wie die Armee oder die Eisenbahn. Seit 1852 der erste Telegraf den Dienst zwischen Zürich und St. Gallen aufnahm, hat sich der Kommunikationsmarkt drastisch verändert.

In den Neunzigerjahren ist Festnetztelefonie omnipräsent, der Mobilfunk setzt zu seinem Siegeszug an. Im November 1997 gibt es in der Schweiz schon eine Million Natel-Kunden. Auch Internetanschlüsse finden den Weg in immer mehr Haushalte. Als Beschleuniger der Deregulierung kommt die unbefriedigende Ertragslage der PTT hinzu, ihre Ineffizienz, ihre Richtungslosigkeit.


Die Meilensteine

1996-1998 Deregulierung des Telecommarktes. Aufspaltung von Telecom PTT in Post und Swisscom.

1998-1999 Tony Reis wird Swisscom-CEO. Kotierung der Aktien. Übernahme der deutschen Debitel.

ab 1999 Versuchte Auslandexpansion unter dem neuen CEO Jens Alder. Verkauf Debitel-Beteiligung.

2004-2006 Gescheiterte Übernahmen von Telekom Austria, Cesky Telecom und Eircom. Abgang Alder.

2006 Amtsantritt Carsten Schloter. Privatisierungsbestrebungen durch Parlament abgelehnt.

2007-2010 Swisscom übernimmt Mehrheit an Fastweb. Fastweb ein Problemkind: Skandale.

2010-2013 Konzernumbau, Ausbau des Digital-TV- und Bündelangebots. Tod Schloters.

2013-2015 Urs Schaeppi übernimmt. Kauf Publigroupe, Zusammenschluss local.ch und search.ch.


Druck kommt auch aus dem Ausland. In den USA und Grossbritannien beginnt die Marktliberalisierung bereits 1984. Die EU beschliesst zehn Jahre später ähnliche Schritte. Die Schweiz will den Anschluss nicht verpassen und schafft es, 1998 zeitgleich mit der EU ihren Fernmeldemarkt vollständig zu öffnen.

Für den damals zuständigen Bundesrat Moritz Leuenberger ist spätestens Ende 1996 klar, dass das Monopol unterwandert werde und deshalb die Liberalisierung der konsequente nächste Schritt sei. Gleichzeitig erklärt Leuenberger aber auch zum politischen Ziel, «die Grundversorgung in diesem Land zu garantieren». Für die Swisscom hat das bis heute konkrete Konsequenzen: Jede Schweizer Gemeinde muss an Festnetz und Breitbandinternet angebunden sein. Auch finanziell muss die Swisscom liefern. Die strategischen Ziele, die der Bund bis 2021 vorgegeben hat, verlangen die langfristige Steigerung des Unternehmenswerts, eine stete Dividendenpolitik sowie eine Verschuldungsobergrenze bis maximal dem 2,1-Fachen des Betriebsgewinns auf Stufe Ebitda. Eine Expansion ins Ausland ist nur bedingt möglich.

Wachstumsschmerzen

Der Übertritt der Monopolistin in die freie Marktwirtschaft verlangt ihr Ende der Neunzigerjahre viel ab. Die Organisation muss markttauglich werden, 4000 der damals gut 22'000 Stellen gehen verloren. Swisscoms Angebot muss sich gegen Konkurrenz von neuen Playern wie Diax, Sunrise, Orange, aber auch kleinen wie Econophone behaupten. Die Aufgabe, die Swisscom fit zu machen, fällt dem ersten CEO zu, Tony Reis.

Ende der Neunzigerjahre gelten Telecomaktien als durchaus attraktive Hightechwerte. Vorerst kommen 34,5 Prozent des Swisscom-Kapitals in der Schweiz und in New York an die Börse. Mit einem Platzierungsvolumen von 8 Milliarden Franken zum Aktienpreis von 340 Franken ist es 1998 der grösste Börsengang Europas. Am ersten Handelstag gewinnen die Swisscom-Papiere 11 Prozent. Sie werden sich in drei Jahren zu Zeiten der Dotcomblase im Wert auf 750 Franken mehr als verdoppeln. Mit jugendlichem Elan versucht die Swisscom, auch im Ausland Fuss zu fassen. Um in Deutschland zu einer UMTS-Konzession zu kommen, kauft die Swisscom für 2,6 Milliarden Franken dem Autokonzern Daimler Chrysler eine Mehrheitsbeteiligung an Debitel ab, die damals grösste netzunabhängige Telecomfirma Europas. Ein Flop – die Swisscom muss das Deutschland-Abenteuer 2004 mit 3,3 Milliarden Franken Verlust beenden. Die Grabrede für dieses verlustreiche Investment hält Jens Alder, der Ende 1999 von Tony Reis übernommen hatte.

Das Unternehmen

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Die Ex-Monopolistin spürt den wachsenden Wettbewerb. Die Preise stehen unter Druck, der Betriebsgewinn erodiert. Auch Alder sucht das Heil im Ausland. Zuerst versucht er es mit der Übernahme von Telekom Austria, scheitert aber am Widerstand der österreichischen Politik. Auch um eine Mehrheitsbeteiligung an der tschechischen Cesky Telecom bemüht er sich, zieht aber gegen die spanische Telefonica den Kürzeren. Und bei seinem letzten Streich – dem geplanten Kauf der irischen Eircom – greift der damalige Bundesrat Christoph Blocher in letzter Minute ein und verhindert die Transaktion. Alder geht.

Nachfolger wird Carsten Schloter, seit 2001 Chef von Swisscoms Mobilfunksparte. Er bringt nie dagewesene Dynamik in den zur Genügsamkeit neigenden Konzern. Die Gewinnsituation entwickelt sich derweil weiter rückläufig, der Umsatz erodiert. Schloter geht in die Offensive, baut das eigene Digital-TV-Angebot aus und will damit Kunden binden, forciert zudem die Bündelangebote. Nicht mehr im Datenvolumen will die Swisscom ihre Preismacht ausspielen, sondern im Netzzugang; Bandbreite wird dabei immer wichtiger. Die Swisscom investiert bis heute viel in die eigene Netzinfrastruktur.

Besitzstandswahrung

Schloter schafft, was Alder dreimal versucht hat: einen Zukauf im Ausland. 2008 kauft die Swisscom für 6,9 Milliarden Franken 82,4 Prozent am italienischen Netzbetreiber Fastweb. Kernstück ist ein 22'000 km langes Glasfasernetz für Internet und Digital-TV. Der Bund legt sich nicht quer. Es ist der grösste Deal der Swisscom-Geschichte. Doch Kritik ist nicht weit. Fastweb ist technologisch top, aber unprofitabel. Hinzu kommen Verstrickungen des Fastweb-Gründers Silvio Scaglia in einen Geldwäscherei-Skandal. Trotzdem ist Fastweb auf lange Sicht ein Erfolg und für die Swisscom ein Wachstumstreiber. Die italienische Tochter ist dennoch immer wieder Gegenstand von Verkaufsgerüchten.

Schloter krempelt die Swisscom in seiner Amtszeit auch massiv um. Die Bereiche Swisscom Mobile und Fixnet verschwinden, man richtet sich «konvergent» auf Kundengruppen aus und spart damit Backoffice-Kosten. Finanziell kann Schloter ausser 2011 stets Wert schaffen, die Dividende bis auf 22 Franken pro Aktie erhöhen. Schloters Ära nimmt 2013 ein abruptes Ende (vgl. Text unten).

Swisscoms Heilbringer hinterlässt eine grosse Lücke, die Nachfolger Urs Schaeppi, ehemaliger Vertrauter und Leiter des Schweizer Geschäfts, zu schliessen hat. Ausser dem Kauf von Publigroupe und dem Zusammenschluss des Verzeichnisgeschäfts local.ch und Search.ch im Jahr 2015 profiliert sich Schaeppi als Garant für Kontinuität.

Schloters Erbe wirkt indes nach. Fastweb und Bündelangebote verlangsamen die Umsatzerosion im Stammgeschäft. Unter Schaeppi haben auch neue Geschäftsbereiche wie Cloud- und IT-Dienste wie Cybersecurity ihren Platz im Portfolio gefunden. Mehr als Massnahmen, um den Besitzstand zu wahren, sind das aber bislang nicht.


Der Rastlose: Carsten Schloter

Zweifel gibt es keine, Carsten Schloter ist Swisscoms prägendste Figur. Von 2006 bis zu seinem Tod 2013 ist er der Lenker und Denker des Konzerns. Seine visionären Ideen und sein Charisma verleihen dem deutschen Manager Wirkungs- und Strahlkraft, die weit über das Unternehmen hinausreicht. Als Tempomacher der gemächlichen, oftmals schwerfälligen Swisscom legt er sich vierzehn Stunden am Tag sechs Tage die Woche ins Zeug. Auch von den Leuten um sich herum verlangt er bedingungslosen Einsatz.

Obschon getrieben, zuweilen verbissen, wirkt er stets offen und sympathisch. Auch die Belegschaft mag ihn. Schloter entwickelt die Swisscom auch kulturell weiter, führt das Duzen ein, verzichtet auf ein eigenes Büro. Er kontrastiert mit seinem farblosen Vorgänger Jens Alder, den er an der Swisscom-Spitze ablöst. Alder hatte sich nie als Identifikationsfigur für die Schweizer Bevölkerung angeboten. Nicht so Schloter. Der Deutsche setzt sich mit Leib und Seele für den Staatskonzern ein. Vorstösse, welche die Swisscom heute noch erfolgreich machen, wie Swisscom TV, die Flatrate- und Bündelangebote oder auch die Akquisition von Fastweb, sind ohne Schloters Klarsicht und Entschlossenheit nicht denkbar.

Den Ausgleich holte er sich im Extremsport: Für Carsten Schloter gab es meist nur Schwarz oder Weiss. Foto: Keystone

Bevor er 2006 den Topjob landet, leitet er fünf Jahre lang die wichtige Mobilfunksparte. Zum Konzern stösst er zur Jahrtausendwende. In den Neunzigerjahren ist er für die deutsche Debitel tätig, welche die Swisscom später übernimmt; zuerst in Frankreich, später am deutschen Konzernsitz. Geboren wird er in Bayern, in der Kleinstadt Erlenbach am Main. Den Grossteil seiner Jugend verbringt er aber in Paris, studiert dort Betriebswirtschaft. Daraufhin heuert er Mitte der Achtzigerjahre bei Mercedes-Benz in Frankreich an. Der eloquente Schloter beherrscht die deutsche, die französische und die englische Sprache nahezu perfekt. Den Ausgleich holt er sich im Extremsport. Doch nicht seine betrieblichen Verdienste werden sich in die kollektive Erinnerung einbrennen, sondern sein unerwartetes, brutales Ableben.

Der erfolgreiche Schloter, der für die bodenständige Swisscom eine Nummer zu gross schien, begeht im Juli 2013 Suizid. Er ist 49-jährig, lebt getrennt von Frau und drei Kindern. Er soll ein gespanntes Verhältnis zum VR-Präsidenten Hansueli Loosli gehabt haben. Die wahren Gründe für den Entschluss bleiben im Dunkeln. In einem Interview kurz vor dem Tod sagt er mit für einen Manager ungewohnter Offenheit: «Es kommt irgendwann ein Punkt, wo Sie das Gefühl bekommen, nur noch von einer Verpflichtung zur nächsten zu rennen, das schnürt Ihnen die Kehle zu.»

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 05.12.2018, 16:17 Uhr

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