Der Mann, der Visionen ausdruckt

Der 3-D-Drucktechnologe Jan Appenzeller erleichtert das Leben von Architekten und Werbern. Und er macht Oldtimerfahrer glücklich.

Drei Fragen an 3-D-Druck-Experte Jan Appenzeller. Video: Urs Jaudas


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Der Geschäftssitz in der Rapperswiler Altstadt ist karg eingerichtet. Auf der einen Seite des Raumes befinden sich Computerarbeitsplätze. Auf der anderen Seite stehen auf den ersten Blick ziemlich unscheinbare Maschinen. Einige davon sind kaum grösser als Kaffeemaschinen für den Hausgebrauch. Anders als bei diesen wurde hier der Fokus nicht auf das äussere Design gelegt. Technisch allerdings haben die Geräte es in sich. Mit ihnen fertigen Jan Appenzeller, sein Geschäftspartner und ein stundenweise beigezogener Mitarbeiter ihre Produkte. Sie arbeiten als 3-D-Drucktechnologen.

Ein offiziell anerkannter Beruf ist das nicht, eine Ausbildung dafür gibt es auch nicht. Worum es geht, liegt dagegen auf der Hand: Appenzeller druckt Gegenstände. Genauer gesagt, lässt er Maschinen schichtweise Masse auftragen, bis ein dreidimensionaler Körper entstanden ist. Er muss die Maschinen auch richtig einstellen, sie programmieren und überwachen. Wie ein traditioneller Drucker, der Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher herstellt und nach einer vierjährigen Berufslehre ein eidgenössisch anerkanntes Diplom bekommt. Dennoch hat Appenzeller mit ihm nur wenig gemeinsam. Nicht nur, weil er nicht auf Papier druckt.

Retter verlorener Ersatzteile

Appenzeller hat eine Lehre als Elektroniker gemacht und in einem Produktionsbetrieb gearbeitet. Zum 3-D-Druck gefunden hat der 24-Jährige über Schulprojekte für die Berufsmaturität. Beigebracht hat er sich das Fachwissen dafür weitgehend selbst. Aus Freude am Tüfteln und mit einem riesigen Interesse an der neuen Technologie.

Von seinen Fähigkeiten wollten bald Bekannte und Freunde profitieren, aber auch Unternehmen. Daraus entstanden erste Aufträge. Schliesslich hat sich Appenzeller zusammen mit Aljoscha Benisowitsch selbstständig gemacht – jenem Kollegen, mit dem er zuvor bereits zahlreiche Schulprojekte bestritten hatte. In Rapperswil gründeten die beiden vor etwas mehr als zwei Jahren das Unternehmen Drei-De.

«Die meisten Leute haben eine falsche Vorstellung davon, was es für ein qualitativ hochwertiges Druckobjekt alles braucht.»Jan Appenzeller

Drei-De druckt unter anderem Prototypen von Spritzgussteilen für Industrieunternehmen. Oder produziert Kleinserien von Kunststoffkomponenten. Aber auch Architekturmodelle oder Teile davon lassen sich auf den 3-D-Druckern herstellen. Oder Schriftzüge, dreidimensionale Logos und andere Dinge zu Marketingzwecken.

Eine eigentliche Marktlücke glaubt Appenzeller mit seiner Firma aber woanders gefunden zu haben: in Reproduktionen von Kunststoff- oder Metallteilen, die nicht mehr hergestellt werden. So hat Drei-De etwa für ein denkmalgeschütztes Haus originalgetreue Fenstergriffe produziert. Oder nicht mehr verfügbare Plastikteilchen für Oldtimerautos nachgedruckt.

«Nie nach Schema A oder B»

«Die Möglichkeiten, die der 3-D-Druck eröffnet, sind sehr breit», sagt Appenzeller. Mit seiner Firma bietet er momentan zwei verschiedene Druckverfahren an: einerseits das sogenannte Fused Deposition Modeling, bei dem schmelzfähiger Kunststoff schichtweise zu einem Gegenstand aufgetragen wird. Anderseits Stereolithografie, bei der dünne Schichten von Kunstharzen aufeinandergelegt und mit Laser gehärtet werden.

Wer nun glaubt, Appenzellers Aufgabe bestünde lediglich darin, beim Computer einen Knopf zu drücken und zu warten, bis der Drucker einen fertigen Gegenstand ausspuckt, irrt. «Aufträge laufen eigentlich nie einfach nach Schema A oder B ab», sagt Appenzeller. Sprich: Bis die Idee eines Kunden umgesetzt ist, braucht es Kreativität, viel technisches Wissen, Erfahrung und immer wieder eine Portion Tüftelei.

Vorerst konzentriert sich Jan Appenzeller auf die Zukunft seines Unternehmens, indem er sein Studium als Wirtschaftsingenieur abschliesst. Foto: Urs Jaudas

Konkret müssen Pläne und Ideen zuerst mit einer CAD-, also einer Design-Software modelliert werden, ehe sie mit speziellen Programmen in für die 3-D-Drucker brauchbare Baupläne übertragen werden können. Entscheidend für das Endprodukt sind auch die Materialwahl und die zahlreichen technischen Einstellungen am Drucker. «Die meisten Leute haben eine falsche Vorstellung davon, was es für ein qualitativ hochwertiges Druckobjekt alles braucht», sagt Appenzeller. Er ist froh um seinen beruflichen Hintergrund als Elektroniker. Dieser habe ihm schon mehrfach geholfen, wenn es darum ging, die Druckgeräte zu kalibrieren oder zu reparieren.

Keine Angst vor Hobbydruckern

Wie sich sein Beruf in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird, weiss auch er nicht. Der Jungunternehmer ist aber sicher, dass ihm «Hobbydrucker» dereinst nicht den Rang ablaufen werden. Zwar gibt es längst 3-D-Druckgeräte für den Privatgebrauch, deren Einsatzbereich ist aber eingeschränkt. Respektive die Handhabung für den Druck komplexerer Gegenstände für einen Laien schlichtweg zu kompliziert.

Dennoch dürfte die Entwicklung des 3-D-Drucks sprunghaft weitergehen und sich auch – je nach Anwendungsgebiet – weiter spezialisieren. War die Methode ausserhalb einzelner Fachgebiete noch vor einem Jahrzehnt kaum ein Thema oder wurde sie in der öffentlichen Wahrnehmung als Science-Fiction-Hirngespinst taxiert, etabliert sich die Technologie nun.

Davon dürfte auch Appenzeller profitieren. Vorerst konzentriert er sich auf die Zukunft seines Unternehmens, indem er sein Studium als Wirtschaftsingenieur abschliesst. Auch Benisowitsch, sein Geschäftspartner bei Drei-De, investiert in seine Ausbildung. Einst machte er eine Lehre als Automatiker, demnächst beginnt er ein berufsbegleitendes Studium in Wirtschaftsrecht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2017, 22:08 Uhr

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