Der «Pharma Bro» ist nicht zu bremsen

Martin Shkreli steht wegen Betrugs vor Gericht. Das scheint ihn wenig zu stören.

Martin Shkreli (r.) mit seinem Anwalt Benjamin Brafman. Foto: Lucas Jackson (Reuters)

Martin Shkreli (r.) mit seinem Anwalt Benjamin Brafman. Foto: Lucas Jackson (Reuters)

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Martin Shkreli steht nicht wegen seiner Preistreiberei mit einem Aidsmedikament vor Gericht, die ihn zum «meistgehassten Mann in Amerika» (BBC) machte. Vielmehr muss sich der als «Phama Bro» bekannte Unternehmer wegen Betrugs verant­worten und eine Haftstrafe von bis zu 20 Jahren gewärtigen. Der Prozess ist so seltsam wie der Angeklagte. Zu beurteilen ist die Frage, ob Investoren ­betrogen werden können, obwohl sie Gewinne einstreichen.

Der 34-jährige Shkreli geniesst die erneute Aufmerksamkeit sichtlich und scheint darauf aus, die Geschworenen zu verwirren. Der Prozess in Brooklyn startete bereits unter ominösen Bedingungen. Die Anwälte mussten mehr als 300 potenzielle Geschworene anhören, bevor sie sich auf zwölf einigermassen unparteiische Laienrichter und sechs Stellvertreter einigen konnten. Ungewöhnlich viele mussten abgewiesen werden, weil sie offen zugaben, den schrecklichen Shkreli hinter Gitter bringen zu wollen, koste es, was es wolle. Nach drei Tagen endlich konnte es losgehen.

Doch nun machte der Angeklagte selber Schwierigkeiten. Kaum war ein Prozesstag vorbei, kehrte er nach Hause zurück und kommentierte auf Facebook die handelnden Figuren. Die Staats­anwälte seien von «Junior Varsity»-Qualität, also Nachwuchs. Die Medien würden Fake-News verbreiten. Seine durchaus zahlreichen Gegner auf Facebook beleidigte er mit sexistischen Sprüchen und Anspielungen auf ihren Intellekt. Daneben gilt Shkreli unter Freunden und Fans als Genie und Charmeur.

Vergangene Woche taucht er in der Mittagspause im Pressezentrum des Gerichts auf. Als wäre nichts geschehen, will er von den Journalisten bestätigt haben, dass sein Auftreten formidabel und die Belastungszeugen lamentabel ge­wesen waren. Erst als sein Anwalt erscheint, schweigt Shkreli. Das Gericht belegt ihn mit einem Redeverbot ausserhalb, da es befürchtet, er könnte die ­Geschworenen beeinflussen. Sein Mandant sei halt ein «schräger Vogel», sagte Anwalt Benjamin Brafman. Shkreli sei emotional angeschlagen, da er sich als vorverurteilt betrachte.

Bekannt und berüchtigt wurde Shkreli als Chef der Biotechfirma ­Turing. Dort kaufte er für wenig Geld die Rechte an einem Aidspräparat auf und hob den Preis über Nacht von 13,5 Dollar auf 750 Dollar pro Pille an. Auf den extremen Aufschlag angesprochen, gab er sich damals noch locker. Er gehorche lediglich den Gesetzen des freien Marktes, sagte er. Eigentlich hätte er mehr verlangen ­sollen, wenn es nach dem Willen seiner Investoren gegangen wäre. Bei einer Anhörung vor dem Kongress wies er die Fragesteller eiskalt ab und warf Senator Bernie Sanders auf Twitter vor, keine Ahnung vom Medikamentenmarkt zu haben. Solche und weitere Attacken ahndete Twitter mit einem Publikationsverbot, das er aber mit Tarnnamen mehrmals unterlief. Den Titel des «Pharma Bro», des Bösewichts einer ganzen Branche, blieb danach an ihm hängen.

Es geht um den Charakter

Der Prozess ist auch ein Charakterprozess. Die Staatsanwälte versuchen, ihn als gerissenen, selbstsüchtigen Schwindler zu zeichnen. Sie hoffen, Parallelen zum Jahrhundertbetrüger Bernie Madoff ziehen zu können. Zwar ist die Deliktsumme mit elf Millionen um ein Vielfaches kleiner als im Fall Madoff, doch das Vorgehen erinnert an einen Pyramidenbetrug. Bevor Shkreli mit ­seinen Preisexzessen begann, leitete er die kleine Biotechfirma Retrophin. Deren Ex-Verwaltungsratspräsident Steven Richardson machte vor Gericht belastende Aus­sagen. Shkreli habe seine Stellung als Chef von Retrophin missbraucht und innerhalb der Firma einen versteckten Hedgefonds betrieben. Dabei verschob er angeblich Millionenbeträge zwischen der Firma, seinen Bankkonten und seinen eigenen Investoren. Mit der einen Hand nahm er Geld von neuen Anlegern entgegen und verteilte es umgehend an frühere Anleger. Fehlte das Geld, so versuchte er, misstrauisch gewordene In­vestoren mit Retrophin-Aktien zufriedenzustellen.

Dieser Schwindel hatte für einige Anleger indessen überraschend positive Folgen, da die Retrophin-Papiere stark zulegten und das Drei- bis Vierfache ihres Preises abwarfen. Das ist ein sehr un­gewöhnlicher Betrug. Es ist, als ob ein Dieb nach seinem Beutezug das Haus der Beraubten aufräumt und einen Blumenstrauss mit Dankeskarte zurücklässt. Die Verteidigung plädiert deshalb auf Freispruch. Die angeblich betrogenen Anleger seien gut betuchte Personen, die keinen Grund hätten, zu klagen.

Auch Shkreli ist zuversichtlich. Ein Freispruch ist nicht auszuschliessen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2017, 23:30 Uhr

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