Der Schwatz als Einkaufserlebnis

Immer mehr Supermärkte nutzen Selbstbedienungskassen. Doch das könnte auf Dauer eine der wichtigsten Konsumentengruppen vergraulen.

Für ältere Kunden bietet der Einkauf die Aussicht auf soziale Kontakte. Foto: Urs Jaudas

Für ältere Kunden bietet der Einkauf die Aussicht auf soziale Kontakte. Foto: Urs Jaudas

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Endlich ohne das wissende Grinsen der anderen Kunden Kondome kaufen. Endlich ungeduscht und unerkannt am Samstagmorgen Milch posten. Endlich nicht mehr ewig in der Schlange stehen – und dann hektisch einpacken müssen, weil sich die Ware des nächsten Kunden schon bedrohlich schnell auf dem Fliessband nähert. Es gibt viele Gründe, warum Kunden das Bezahlen an einer Selbstbedienungskasse vorziehen. Sogar einen Vergnügungsaspekt hat das Ganze: Bei einer Umfrage der Marktforschungsfirma Marketagent nannten die meisten Teilnehmer als Grund für die Nutzung des Self-Checkout neben der Zeitersparnis den Spass am Scannen.

Doch es gibt auch Kunden, denen es vor dem Vormarsch der Selbstbedienungskassen graut. Die britische Universität Hertfordshire hat über einen Zeitraum von neun Monaten 23 Haushalte von 60- bis 90-Jährigen auf ihr Kaufverhalten analysiert. Das Ergebnis: Die ältere Kundschaft wünscht sich weiterhin Kassen, an denen sie von Menschen bedient wird. Die Studienautoren schlagen daher vor – technischer Fortschritt hin oder her –, gesonderte «Langsam-Kassen» für diese Kunden anzubieten.

Der Wunsch nach Kassierinnen hat verschiedene Gründe. Gewisse ältere Kunden erklären, sie seien eingeschüchtert von den technischen Anforderungen der Selbstbedienungskassen, und es sei peinlich, wenn man die anderen Kunden aufhalte. Die Studienautoren machten aber auch einen weiteren Grund aus. Der Einkauf ist für viele ältere Menschen eine soziale Aktivität, bei der sie mit anderen Leuten in Kontakt kommen. Das ist nicht nur in Gross­britannien so, sondern überall.

Soziale Kontakte sind wichtig

«Wenn wir von einem Einkaufserlebnis sprechen, reden wir eben auch von sozialen Kontakten», sagt auch Peter Burri Follath, Sprecher der Seniorenorganisation Pro Senectute. Gleichzeitig will er die Selfservice-Kassen nicht schlecht­reden. Denn: «Es gibt auch den Aspekt, dass man durchs Selberscannen mental fit bleibt. Ein Leben lang lernen ist gut fürs Hirn», so Burri Follath. Doch ganz auf die bedienten Kassen verzichten dürfe man nicht. Ein Laden ohne menschliche Arbeitskräfte sei vielleicht effizient. «Aber was ist dann der Vorteil zur Onlinebestellung?»

Die Bedürfnisse älterer Menschen zu ignorieren, ist laut Burri Follath kurzsichtig. Denn zum einen sind diese wegen des demografischen Wandels eine stark wachsende Kundengruppe. Zum anderen haben sie mehr Zeit – auch zum Einkaufen. Ob man die Älteren als Kunden gewinnt, hängt nicht nur von der Aus­gestaltung des Kassiervorgangs ab. Laut Burri Follath spielten auch die Ladeneinrichtung und das Sortiment eine Rolle.

Das ist auch den Schweizer Detailhändlern klar. So hätten sich etwa viele Kunden gewünscht, dass in Verkaufsstellen Sitzbänke platziert werden, damit sie sich beim Einkaufen eine kurze Pause gönnen können, berichtet eine Coop-Sprecherin. Das habe man beim neuen Ladenkonzept berücksichtigt, das erstmals in Zumikon umgesetzt wurde. Bis Ende 2017 sollen 200 Sitzbänke in Coop-Filialen in der ganzen Schweiz stehen.

Grössere Schrift

Auch bei der Migros setzt man auf Sitzgelegenheiten, Toiletten und grössere Parkplätze, um bequem aussteigen zu können. «Zudem nutzen wir in unseren Läden Licht, das nicht blendet, oder verwenden keine Leuchtschriften, die nicht gut lesbar sind», so eine Sprecherin. Auch bei den Produkten nehme man auf diese Kundengruppe Rücksicht. «Für Ältere oder Menschen mit einer Rheumaerkrankung ist es wichtig, dass sich die Produkte einfach öffnen lassen.» Viele Produkte seien darum mit einem einfachen Öffnungsmechanismus ausgestattet. Zusätzlich ist bei älteren Kunden wichtig, dass die Produktangaben gut lesbar sind. «Beispielsweise haben wir über hundert Reinigungsprodukte der Marke Miobrill mit einer grösseren Schrift versehen», so die Migros-Sprecherin.

Laut Burri Follath von Pro Senectute sind es aber nicht nur Senioren, die sich das soziale Einkaufserlebnis wünschen. Auch andere Konsumenten seien daran interessiert. «Events in Läden und kleinere Läden, nahe bei den Menschen, boomen ja nicht umsonst.»

Erstellt: 26.03.2017, 21:24 Uhr

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