Der stille Boom der gefährlichen Faser

Donald Trump hält Asbest für wenig schlimm, Russland und China verwenden die Faser weiterhin: Sie bauen gigantische Asbestdeponien.

Asbestfasern gelten als nahezu unzerstörbar. Foto: Borislav Dopudja (Alamy Stock Photo)

Asbestfasern gelten als nahezu unzerstörbar. Foto: Borislav Dopudja (Alamy Stock Photo)

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Asbest hat die Menschen schon immer fasziniert. Es ist ein faseriges Mineral, das nicht brennt, das sich aber zu Fäden spinnen und zu Stoffen weben lässt. Das Gewebe hält die Wärme, schützt gleichzeitig vor Feuer und scheint somit fast unzerstörbar. Im alten Ägypten wurden die Toten in Asbesttücher eingehüllt, die Römer liebten Servietten und Tischtücher aus Asbestfasern. Zur Reinigung konnte man sie einfach ins Feuer werfen und schon waren sie wieder schneeweiss. Man stelle sich vor: unzerstörbare Textilien und der Ofen als Waschmaschine – zu gut, um wahr zu sein.

Denn schon damals waren seltsame Erkrankungen von Sklaven bekannt, die in den Minen arbeiteten und früh starben. Und es gab sogar schon primitive Atemschutzmasken. Mittlerweile ist klar, was das Sklavensterben in den römischen Minen auslöste: Mikroskopisch feine Partikel setzten sich in der Lunge fest und lösen Krebs aus. Das passiert zwar oft erst nach Jahrzehnten, dann aber meist schnell und tödlich.

Trump zeigt sich als Fan von Asbest

Trotz den frühen Bedenken überwogen die Vorteile. Asbest wurde zum Material des frühen 20. Jahrhunderts. Die mineralische Wunderfaser verstärkte Blumenkübel, Bremsbeläge, Dächer oder Bodenbeläge. Sie isolierte die Hitze in den Kesseln von Dampfschiffen und Dampflokomotiven, schützte Schiffe und Eisenbahnwaggons vor Feuer, verbesserte die Akustik in Kirchen, hielt Bügeleisen heiss und schützte im Brandfall Stahlträger vor übermässiger Hitze und verhinderte damit den Einsturz des Gebäudes.

Donald Trump ist als Kind des Asbestbooms in den USA ein grosser Fan des krebserregenden Materials.

Ein New Yorker Immobilienmagnat namens Donald Trump verstieg sich sogar zur Behauptung, dass das World Trade Center nach den Anschlägen des 11. September 2001 nicht eingestürzt wäre, hätten die Verantwortlichen ein paar Jahre zuvor nicht mit grossem Aufwand den Asbest aus den beiden Türmen entfernt.

Zwar wird Asbest in der Schweiz immer mit der Familie Schmidheiny assoziiert, in Tat und Wahrheit ritten die Schmidheinys mit ihren Zementwerken nur auf der globalen Asbestwelle mit – und gehörten zu den ­Ersten, die aus dem Asbest aussteigen wollten, als sich die Gefährlichkeit des Materials abzuzeichnen begann.

Wird auf Filmsets als künstlicher Schnee eingesetzt: Asbestfasern. Bild: Keystone.

Der Siegeszug der Superfaser war vor allem eine amerikanische Erfolgsstory. In den USA wurde das Material geradezu exzessiv verbraucht – selbst in seiner reinen Form als künstlicher Schnee für Filmsets und zur Dekoration von Christbäumen. Weihnachtsbilder aus den 1950er-Jahren zeigen die typischen, idealisierten US-Mittelklassefamilien in Wohnzimmern, dick eingeschneit mit Asbest. Kein Wunder also, ist Donald Trump als Kind des grossen Asbestbooms in den USA ein grosser Fan des krebserregenden Materials. Selbst in Babypudern wurde der gefährliche Stoff verwendet. Die überlebenden Opfer haben gerade eben eine Milliarden-Wiedergutmachung gerichtlich zugesprochen erhalten.

Gigantische Asbestdeponien

Während Nachbar Kanada, einst einer der grössten Asbestproduzenten der Welt, in diesem Jahr seine Asbestgesetzgebung massiv verstärken will, wollen die USA nun ihre Vorschriften eher lockern. Im Auftrag des US-Präsidenten wurde die US-Umweltbehörde beauftragt, den Asbestbann nicht auf weitere Produkte auszudehnen. Für die verbliebenen Asbestproduzenten bedeutet das aber, dass die US-Regierung zu verstehen gibt, Asbest sei nun doch nicht so schlimm, wie alle sagen. Der weltgrösste Asbesthersteller, das russische Unternehmen Uralasbest, bedankte sich artig für die Werbung aus Washington. Es druckte das Konterfei von Donald Trump auf seine Asbestballen-Verpackungen mit dem Vermerk: «Für gut befunden von Donald Trump, dem 45. Präsidenten der USA».

Der Baustoff erlebt noch immer einen stillen Boom, weil er in Russland, Indien und China kaum verboten ist.

Dagegen ist Asbest in 55 Ländern weitgehend verboten. Lediglich in der Chlorkali-Chemie hat es noch ein kleines, schwindendes Plätzchen als Material für Membranen. Doch auch hier gibt es mittlerweile Ersatzstoffe. Diese haben aber alle die gleichen Nachteile: Sie sind teurer und nicht so gut wie Asbest. Bremsbeläge ohne das umstrittene Material halten weniger lange, und der Brand- und Hitzeschutz ist ebenfalls teurer und weniger effizient.

Deshalb erlebt der Baustoff noch immer einen stillen Boom, weil er vor allem in Russland, Indien und China nicht oder kaum verboten ist. Das hat durchaus Konsequenzen. Neubauten, ob Wohnhäuser Fabriken, Hotels oder Prestige-Hochhäuser sind dort gigantische Asbestdeponien. Investitionen in Immobilien, aber auch in Firmen, welche Immobilien in diesen Ländern besitzen, bergen in sich deshalb immer das versteckte finanzielle Risiko von möglichen Asbestsanierungen oder entsprechenden Klagen, sobald die Gesetzgebung verschärft wird.

In China drohen Hunderttausende Krebsfälle

Gerade in China, wo in den vergangenen Jahrzehnten besonders viel Asbest verbaut wurde, dürfte das Problem gravierend werden. Aufgrund der kommunistischen Ein-Kind-Politik altert die Bevölkerung dort überdurchschnittlich stark und schnell. Hunderttausende ehemaliger Arbeiter dürften nun an Asbestose erkranken und das Problem einer alternden, kranken Bevölkerung noch verstärken.

Die lange, traurige Geschichte von Asbest, sie ist also noch lange nicht zu Ende.

Erstellt: 13.08.2018, 21:26 Uhr

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