Der CS-Taktierer hält sich oben

CS-Präsident Urs Rohner muss der Welt die Überwachungsaffäre erklären. Dass er Tidjane Thiam verschonte, sagt auch viel über ihn aus.

Urs Rohner bleibt im ganzen Chaos so knitterfrei wie sein dunkelblauer Massanzug. <nobr>Foto: Daniel Winkler</nobr>

Urs Rohner bleibt im ganzen Chaos so knitterfrei wie sein dunkelblauer Massanzug. Foto: Daniel Winkler

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Seit Tagen hatte die Welt auf eine Erklärung der Credit Suisse gewartet. Endlich sollte die Beschattungsaffäre ihres Ex-Managers Iqbal Khan aufgearbeitet werden. Entsprechend voll war an diesem Dienstagmorgen der Besprechungssaal unweit des Paradeplatzes.

Alle Augen waren auf einen Mann gerichtet: Urs Rohner, Präsident des Verwaltungsrats. Er musste jetzt Antworten liefern, hinstehen.

Ist es glaubhaft, dass Bankchef Tidjane Thiam von der Beschattung, die ­seine Nummer zwei, Pierre-Olivier Bouée, angeordnet hatte, nichts wusste? «Wir ­haben null Belege dafür, dass er davon Kenntnis hatte», sagt Rohner. Nein, der persönliche Zwist zwischen Thiam und Khan sei nicht der Grund für die Beschattung gewesen. Die Fragen perlen an ­Rohner, dem Juristen, ab. Nach 35 Minuten beendet er die Medienkonferenz. ­Rohner bleibt im ganzen Chaos so knitterfrei wie sein dunkelblauer Massanzug.

Einfache Lösung statt grosses Risiko

Der Zürcher ist seit dem Jahr 2011 Verwaltungsrat der Credit Suisse. In dieser Zeit hat er so manche Krisen überstanden, so zum Beispiel den US-Steuerstreit, der die Bank 2,8 Milliarden ­Dollar kostete. Rohner, der pro Jahr 4,5 Millionen verdient, gilt als begnadeter Taktierer, der es immer wieder schafft, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Grosse Risiken scheut er dabei meist. «Sein Überlebenswille kontrastiert mit seinen Fähigkeiten, zu gestalten», sagt ein ehemaliger Spitzenmanager der Bank.

Urs Rohner am 1. Septebmer 1999 als frischgebackener Vorstandsvorsitzender der ProSieben Media AG. Foto: Thomas Koehler (EPA/DPA/Keystone)

Auch bei der peinlichen Überwachungsaffäre geht der zweifache Schweizer Meister im Hürdenlauf den einfachen Weg: Thiams Nummer zwei und der Sicherheitschef müssen gehen, sie haben die Beschattung angeordnet. Auch wenn es keine Belege gibt, dass Thiam selbst von der Aktion Kenntnis hatte, so hätte der Bankpräsident dennoch die Möglichkeit gehabt, anders zu entscheiden: indem er gesagt hätte, dass der CEO am Ende für alles, was in seinem Hause passiert, verantwortlich ist.

Das wäre in der Schweiz ohne Zweifel als starkes Durchgreifen bewertet worden. Doch wäre diese grosse Lösung die riskantere gewesen: Rohner hätte einen CEO abgeschossen, den er selbst geholt hat und der nach wie vor grossen Rückhalt unter den Grossaktionären geniesst. Dann wäre es wohl auch für Rohner möglicherweise eng geworden.

Eine Hintertür bleibt offen

So hat sich noch vor der Veröffentlichung des internen Untersuchungsberichts der Grossaktionär Harris Associates klar hinter Bankchef Thiam gestellt: «Wir denken, es wäre ein Schaden für Credit Suisse und ihre Stakeholder, wenn die Bank wegen dieser Affäre ein Mitglied des Senior Managements verlieren würde.»

Auf den ersten Blick kettet sich ­Rohner nun auf Gedeih und Verderb an seinen Bankchef. Auf die Frage, wie lange Thiam noch an der Spitze bleiben könne, sagte Rohner: «Aus meiner Sicht noch lange.» Doch Taktierer Rohner lässt sich auch an dieser Stelle eine Hintertür offen: «Das Wichtigste ist, dass der Verwaltungsrat für jede Position in der Geschäftsleitung und im Verwaltungsrat selber einen Nachfolgeplan hat. Den haben wir.»

Thiams Berufung ist Rohners einzige Entscheidung, mit der er die Bank nachhaltig prägte.

Wie sich die Machtbalance zwischen dem Vorsitzenden Thiam und Rohner verschiebt, ist nun offen. Thiam gilt als angezählt, dass er ahnungslos war, glauben nicht einmal die grossen Investoren: «Ich kann nicht glauben, dass das Topmanagement nicht auf dem Laufenden war», sagt ein Manager eines internationalen Fondshauses, das Credit-Suisse-Aktien hält. Dass Thiam Rohner eines Tages an der Spitze des Verwaltungsrates folgen wird, gilt nun als sehr unwahrscheinlich.

Letztlich ist aber die Berufung von Tidjane Thiam an die CS-Spitze Rohners einzige Entscheidung, mit der der 59-Jährige die Bank nachhaltig prägte. Als die UBS sich 2012 vom Investmentbanking lossagte und sich auf die Vermögensverwaltung konzentrierte, machte der damalige CS-Chef Brady Dougan weiter, als wäre nichts gewesen. Laut Bankkennern hatte auch Rohner bereits Ideen für einen Bankumbau gehabt, doch er setzte sich nicht durch. Wichtige Jahre gingen verloren.

Urs Rohner mit seiner Frau Nadja Schildknecht auf der Hochzeit von Tina Turner in Küsnacht. Foto: Doris Fanconi

2015 erfolgte dann der Überraschungscoup: Sichtlich stolz präsentierte Rohner Tidjane Thiam als künftigen CEO. Den Franzosen mit Wurzeln in der Elfenbeinküste umgab die Aura des Erfolgsmanagers. Thiam hatte den Aktienkurs seines vorherigen Arbeitgebers, des Versicherers Prudential, um über 200 Prozent gesteigert. Dieses Wunder sollte er nun bei der CS wiederholen. Thiam senkte zwar die Kosten um über vier Milliarden Franken und fokussierte die Grossbank stärker auf das Kerngeschäft, die Vermögensverwaltung – doch auf eine nachhaltige Kurssteigerung warten die Anleger noch heute.

«Ganz sicher eine weisse Weste»

Das gilt auch für die Amtszeit von Urs Rohner: Als er 2011 die Leitung des Verwaltungsrates übernahm, kostete eine Aktie noch fast 40 Franken. Heute sind es weniger als 12. Dies scheint jedoch an Rohner abzuprallen. Ein Ex-CS-Manager erklärt: «Die Grossaktionäre aus Katar achten mehr auf die Dividende, und die Scheichs haben eine hohe Leidensfähigkeit.»

Auch die Milliardenbusse im US-Steuerstreit konnte Rohner nichts anhaben. Dabei warf das US-Justizministerium der Grossbank 2014 sogar mangelnde Kooperation vor – für den Spitzenjuristen Rohner eine schallende Ohrfeige. Rohner sagt den legendär gewordenen Satz: «Persönlich haben wir ganz sicher eine weisse Weste.»

Nun muss Rohner dafür kämpfen, dass von seiner Amtszeit an der Spitze der zweitgrössten Schweizer Bank mehr als dieser Satz und die wenig überzeugende Aufarbeitung der Affäre Khan übrig bleibt. Die Zeit wird langsam knapp.

Erstellt: 03.10.2019, 00:41 Uhr

Die fünf wichtigsten Stationen in Rohners Karriere

2000 – Sprung nach Deutschland
Der 41-jährige Zürcher Anwalt und wird zur Überraschung aller Vorstandsvorsitzender des TV-Senders Prosieben. Die Empfehlung kam vom Teleclub-Chef. Urs Rohner, unerfahren in dieser Branche, bringt die Fusion mit Sat 1 über die Bühne. Sein Abgang nach vier Jahren soll bedauert worden sein.

2004 – Die CS holt ihn zurück
Die Credit Suisse macht Urs Rohner zum Chefjuristen mit Einsitz in der Konzernleitung. Er ist nun auch für die Kommunikation und die strategische Geschäftsentwicklung verantwortlich. Bald gilt der Neue als Kandidat für die Posten weiter oben. Bei der Ablösung von CEO Oswald Grübel wird er aber übergangen.

2009 – Im VR angekommen
Die CS ist einigermassen heil durch die Finanzkrise gekommen, es herrscht aber Unsicherheit, wie es weitergehen soll. Dann wird entschieden: Rohner wird Vizepräsident des Verwaltungsrats. Zwei Jahre später übernimmt er das Präsidium. Der Zürcher wird damit Vorgesetzter von CEO Brady Dougan.

2014 – Streit mit den USA
Die USA statuieren an der CS ein Exempel. Die Schweizer Bank muss wegen Beihilfe zum Steuerbetrug eine Busse von 2,8 Milliarden Dollar zahlen. Als Präsident muss Urs Rohner dafür geradestehen, über seinen Rücktritt wird debattiert. Rohners Aussage «Wir haben eine weisse Weste» sorgt für Unmut.

2015 – Der neue CEO
Im März präsentiert Urs Rohner seinen neuen CEO, Tidjane Thiam. Der Versicherungsmann, geboren in der Elfenbeinküste, ist eine überraschende Wahl. Thiam senkt die Kosten massiv und stabilisiert die Bank. Dann fliegt die Beschattung von Iqbal Khan auf. Und Rohner muss sich als Mediator beweisen. (cix)

Thiam meldet sich zu Wort

Der Untersuchungsbericht der Kanzlei Homburger hatte Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam von einer Mitverantwortung für die Beschattung von Ex-Bank-Manager Iqbal Khan freigesprochen. Nun hat sich Thiam selbst zu Wort gemeldet. «Der Bericht bestätigt, dass die Überwachung Iqbal Khans ein Einzelfall war, und die Verantwortlichen wurden vollständig zur Rechenschaft gezogen», schreibt Thiam in einem internen Memo, aus dem die Agentur «Bloomberg» zitiert. «Schwierige Fragen mit Blick auf die Unternehmens­kultur und ethische Standards sind ­auf­gekommen. Der Verwaltungsrat hat sich diesen Fragen schnell angenommen.» Thiam machte indes keine An­gaben, wann er von der Beschattungsaktion erfahren hat.

Der CS-Chef bemüht sich nun darum, Schlüsselmitarbeiter in der Vermögensverwaltung zum Dableiben zu bewegen, vor allem in Wachstumsmärkten wie Brasilien. Julius Bär hatte sich in den vergangenen Wochen bei Credit Suisse bedient: Fünf Topbanker, die Kunden in Brasilien betreuen, fangen am 1. November bei Bär in Zürich an. Anfang September hatte die Bank ein Team in Portugal von Credit Suisse abgeworben. (ali)

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