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«Der Teufel hat jetzt auch E-Mail»

Siemens-Chef Joe Kaeser twittert zur Flüchtlingskrise. Prompt bekommt er Morddrohungen.

MeinungThomas Fromm
Er lädt nicht nur wirtschaftliche, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung auf seine Schultern: Joe Kaeser, Chef von Siemens. Foto: PD
Er lädt nicht nur wirtschaftliche, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung auf seine Schultern: Joe Kaeser, Chef von Siemens. Foto: PD

Neulich hat Joe Kaeser seine Mitarbeiter über den hausinternen Social-Media-Kanal gefragt, wie sie es finden, dass er sich so oft politisch äussert. Wollen die Kollegen einen Siemens-Chef, der Haltung zeigt? Oder hätten sie lieber einen, der Politik und seinen Chefposten klar trennt? Die Antwort, heisst es aus Konzernkreisen, war eindeutig: Etwa 90 Prozent der Befragten finden es richtig, dass Kaeser ein politischer Vorstandschef ist.

Er selbst hatte die Frage übrigens schon vor einem Jahr in einem Social-Media-Post beantwortet: «Ein CEO kann, darf, soll politisch sein. Manchmal muss er sogar politisch sein, wie ich finde.» Am Wochenende nun ging Kaeser wieder einmal in die politische Offensive und nutzte dabei wie schon so oft zuvor Twitter, um Tagesaktuelles zu veröffentlichen. Diesmal allerdings lagen die Dinge etwas anders als in der Vergangenheit: Der Siemens-Chef veröffentlichte eine Morddrohung aus mutmasslich rechtsextremen Kreisen. Absender: adolf.hitler@nsdap.de. Betreff: «An Joe Kaeser».

In der vom Siemens-Chef veröffentlichten Hassmail heisst es unter anderem wörtlich: «Typen wie Dich brauchen dringend eine Behandlung wie Lübcke.» Eine Anspielung auf den Politiker Walter Lübcke, der Anfang Juni durch einen Kopfschuss getötet worden war, und damit auf einen Fall, bei dem die Bundesanwaltschaft von einem politischen Mord mit rechtsextremem Hintergrund ausgeht.

Er ist unter seingesgleichen der Einzige

Die Frage ist nun, wie der Siemens-Chef damit umgeht. Ziemlich ironisch: Es gebe «Anzeichen, dass sogar in der Hölle die Digitalisierung Einzug gehalten hat», kommentierte der 62-Jährige. Und schreibt: «Der Teufel hat jetzt auch E-Mail. Unten ist seine Botschaft an mich. Meine Botschaft zurück: #neverforget #NieWieder #NazisRaus.» Im Anschluss an den Tweet machte Kaeser auch noch klar, dass Siemens von sich aus keine Anzeige erstattet hat. Die Staatsanwaltschaft war also von sich aus in dem Fall tätig geworden.

Im Netz gab es Beifall und Unterstützung für den Siemens-Chef und die Frage eines Twitter-Nutzers, wo denn eigentlich all die anderen Spitzenmanager seien. Tatsächlich ist der Siemens-Chef mit seinen pointierten Stellungnahmen zu aktuellen Themen eine Ausnahme unter seinesgleichen. Viele Unternehmenslenker sagen sich: Warum soll ich mich politisch äussern, wenn das meine Kunden abschrecken könnte? Geschäft geht vor Politik.

Einen Wirbel ausgelöst hatte der Siemens-Chef schon im Juni, als er sich via Tweet hinter Kapitänin Carola Rackete stellte, die mit ihrem Schiff und 40 Migranten trotz Anlegeverbot in den Hafen des süditalienischen Lampedusa einlief. Anschliessend kritisierte Kaeser ihre Verhaftung. Menschen, die Leben retteten, sollten nicht verhaftet werden. Anders als «Menschen, die töten und Hass säen und fördern».

Menschen, die Hass säen – das konnte man durchaus auf den italienischen Innenminister Matteo Salvini beziehen, der Rackete unter anderem als «reiche und verwöhnte deutsche Kommunistin» verunglimpfte. Der Siemens-Chef kommentiert, wenn es sein muss, also auch die Ausbrüche römischer Politiker. Er lädt nicht nur betriebliche, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung auf seine Schultern.

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