Kiosk verfolgt Kunden via Handydaten

Sie wollen sich im Caffè Spettacolo im Zürcher HB schnell einen Kaffee zum Mitnehmen holen? Schön, doch die Betreiberfirma strebt eine Vertiefung der Beziehungen zu Ihnen an.

Waren Sie nicht eben im Spettacolo gegenüber? Die Handysensoren wissen es. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Waren Sie nicht eben im Spettacolo gegenüber? Die Handysensoren wissen es. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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Gemäss einem Bericht der Zeitung «Schweiz am Sonntag» führt das Kioskunternehmen Valora mit Sitz in Muttenz BL am Zürcher Bahnhof ein Pilotprojekt zur Erfassung der Laufwege ihrer Kunden durch. Sie will wissen, woher ihre Kunden kommen und wohin sie ihren Kaffee Crème mitnehmen.

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Möglich machen dies die Mobiltelefone, die wir in unseren Handtaschen und Hosensäcken mitführen. Um nach verfügbaren WLAN-Netzen zu suchen, senden Handys ein Signal aus, das erfasst und verfolgt werden kann – man spricht von «Tracking». Valora hat gemeinsam mit einem deutschen Start-up-Unternehmen ihre diversen Geschäfte im Zürcher Hauptbahnhof – K-Kioske, Press & Books, Brezelkönig und Caffè Spettacolo – mit Sensoren ausgerüstet, die diese Handysignale empfangen und speichern. Anonymisiert, wie Valora-Sprecher Kilian Borter auf Anfrage betont; niemand werde mit Rufnummer erkannt.

Rabatt direkt aufs Handy?

Ziel der Aktion ist es, etwas über Mehrfachkunden zu erfahren: «So sehen wir, ob der Kunde nach dem Kaffeekauf im Spettacolo auch noch einen Brezelkönig besucht und wie treu er uns ist», zitiert die «Schweiz am Sonntag» Cyril Dorsaz, den Digital Innovation Manager von Valora. Langfristig könne dem Kaffeekunden dann vielleicht ein Rabattangebot für die Brezel aufs Handy geschickt werden, so Dorsaz weiter.

Informiert wird die Kundschaft bis jetzt noch nicht über die Datenabschöpfung; entsprechende Hinweistafeln an Kiosken oder Kaffeetheken fehlen. Bei Valora heisst es, man prüfe derzeit die «aktive Information». Die Reaktion der Öffentlichkeit auf erste Presseberichte aber ist klar negativ: «Inakzeptabel», «unverschämt», «Valora-Kioske meiden», kommentierten am Sonntag die Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Auch Sara Stalder, die Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, nennt das Vorgehen von Valora «störend». Als Kunde eines Kiosks müsse man nicht davon ausgehen, über den einmaligen Kontakt hinaus erfasst zu werden. «Wenn an die erste Transaktion noch weitere geschäftliche Interessen gehängt werden, ist das problematisch.»

Grundsätzlich sind Tracking und Auswertung von Handysignalen in Schweizer Geschäften erlaubt. Im vergangenen Jahr erfasste der Detailhändler Manor über Mobiltelefone die Laufwege der Kundschaft in seinem Basler Warenhaus. «Dabei ging es aber nur um Kunden im Innern des Hauses», sagt Manor-Sprecherin Elle Steinbrecher. Zudem habe ein Schild bei den Rolltreppen die Kundschaft auf das Projekt hingewiesen und Zweifelnden zum Deaktivieren der WLAN- und Bluetooth-Funktionen am Handy geraten. Nach einigen Wochen sei das Projekt wieder beendet und nicht wieder aufgenommen worden, so Steinbrecher. Offenbar überwog die heftige Kritik der Öffentlichkeit den Nutzen.

Ortung jenseits des Lokals

Die SBB konnten gestern Sonntag keine Stellung nehmen zum Verhalten der Valora. Sie werden sich aber mit der Frage befassen müssen, ob es in Ordnung ist, wenn die Bewegungen von Bahnreisenden in Zürich über die Grenzen eines Valora-Verkaufslokals hinaus via Smartphone geortet werden. Die exakte Reichweite der von ihr montierten Sensoren vermochte Valora gestern auf Anfrage nicht zu beziffern. Mitgeteilt wurde nur: «Valora ist ausschliesslich an den Signalen innerhalb ihrer Verkaufsstellen interessiert. Wir können technisch aber nicht ausschliessen, dass auch Signale ausserhalb registriert werden.»

In den USA ist das Tracking von Ladenkunden schon weiter verbreitet als in Europa. Warenhäuser messen etwa, wie viele Kunden respektive Mobiltelefone vor dem Betreten des Geschäfts bereits draussen vor den Schaufenstern verharrt haben. Diese Daten sollen Auskunft geben über die Attraktivität einer Dekoration. Weiter messen die Warenhäuser, wie viele Kunden früher schon einmal im Laden waren, also Rück­kehrer sind, und wie lange sie sich jedes Mal im Geschäft aufhalten. Firmen wie Shoppertrax und Retail Next bieten die entsprechende Technologie an.

Und das ist erst der Anfang. In Grossbritannien experimentieren Warenhäuser mit Gesichtserkennungssoftware. Überwachungskameras sollen männliche Kunden erkennen, sodass diesen in Zukunft Werbe-SMS für Rasierklingen gesandt werden können.

In der Schweiz steht demnächst die Revision des Datenschutzgesetzes an. Sara Stalder vom Konsumentenschutz fordert, dass die Wahrung der Privatsphäre da nicht nur dem Kunden überlassen wird, sondern dass die Verkäufer in die Pflicht genommen werden: «Es geht nicht an, dass man als Handynutzer in der Stadt die ganze Zeit mit dem ­­An- und Abstellen gewisser Funktionen beschäftigt ist. Das ist nicht praktikabel.»

Handy daheim lassen

Zumal auch die Abschaltung der WLAN-Funktion nicht absolute Sicherheit ­bietet. Neuere Mobiltelefone senden ihr Signal, die Geräte-MAC-Nummer, auch dann aus, wenn die WLAN-Funktion deaktiviert ist. Dies dient der Lokalisation des Geräts auf Karten und anderen ­positionsabhängigen Apps.

Eine Lösung können wohl Apps bieten, welche das MAC-Signal verschlüsseln beziehungsweise eine ständige Änderung der Zahlen bewirken. Wer aber wirklich sicher unentdeckt Kaffee trinken oder ein paar Hemden anprobieren will, dem bleibt nur eines: Handy ausschalten oder daheim lassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2016, 20:51 Uhr

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