Dicke Ballonpost für den SBB-Chef – folgt jetzt ein Streik?

In Bern, Zürich und Olten ging das SBB-Personal gestern auf die Strasse. Es demonstrierte für bessere Bedingungen beim Lohn – und denkt laut über Streik nach. Die Politik ist alarmiert.

«Jetzt reichts!»: SBB-Angestellte schicken beim Zürcher Hauptbahnhof symbolische Botschaften auf dem Luftweg zu Andreas Meyer. Foto: Doris Fanconi

«Jetzt reichts!»: SBB-Angestellte schicken beim Zürcher Hauptbahnhof symbolische Botschaften auf dem Luftweg zu Andreas Meyer. Foto: Doris Fanconi

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Der Seitenhieb auf SBB-Chef Andreas Meyer war beabsichtigt: Gegen 150 Eisenbahner liessen gestern Nachmittag vor dem SBB-Hauptsitz in Bern Postkarten in die Luft steigen, die an roten Ballonen befestigt waren. Adressiert waren die Schreiben an «unseren CEO, der zurzeit an einem unbekannten Ort ist». Meyer gönnt sich eine Auszeit. Am ehesten sei er deshalb auf dem Luftweg zu erreichen. Auf der Rückseite der Postkarten wurden die Angestellten deutlicher: «Kürzungen, Abbau, Verschlechterungen. Jetzt reichts! Das lassen wir uns nicht gefallen!» Zur Protestaktion aufgerufen hatte die Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV.

Weitere Kundgebungen fanden in Zürich, Olten, Lausanne, Genf und Bellinzona statt. Laut SEV-Angaben nahmen schweizweit 1400 Personen teil. Hintergrund ist, dass der Gesamtarbeitsvertrag Ende Jahr ausläuft. Die SBB wollen ein neues Abkommen verhandeln, das aus Sicht der Gewerkschaft Verschlechterungen mit sich bringt. «Es geht jetzt ans Eingemachte. Deshalb habe ich an der Protestaktion teilgenommen», sagte ein SBB-Reiseverkäufer am Rande der Veranstaltung gegenüber dieser Zeitung. Er werde in diesem Jahr 60 und müsste beispielsweise bei den Ferien Einbussen hinnehmen, falls sich die SBB durchsetzten.

Schnellerer Aufstieg gefordert

Ein wichtiger Streitpunkt ist das Lohnsystem. Die Arbeitnehmerverbände verlangen, dass junge Mitarbeiter beim Salär einen schnelleren Aufstieg schaffen können. Damit sollen Berufseinsteiger dazu bewogen werden, länger fürs Unternehmen zu arbeiten. Die SBB lehnen das ab, weil sie dafür eine höhere Lohnsumme aufwerfen müssten.

Konkret geht es bei den Forderungen um den Erfahrungsteil, der SBB-Mitarbeitern beim Lohn zusteht. Andere Kriterien sind die Funktion und die einmalige Leistungsbereitschaft. Beim Erfahrungsteil bestimmen das Mitarbeitergespräch und die Personalbeurteilung, in welchem Umfang eine Lohnerhöhung gewährt wird. Der Anteil der Erfahrung macht 45 Prozent am Gesamtlohn aus. Zur Veranschaulichung: Ein Zugbegleiter beginnt mit einem Einkommen von 59'300 Franken jährlich. Dank des Erfahrungsteils hat er die Aussicht, bis zu 85'900 Franken zu verdienen. «Bis der Zugbegleiter da angekommen ist, dauert es aber 20 Jahre und länger», sagte SEV-Vizepräsident Manuel Avallone. Deshalb fordert die Gewerkschaft, dass die SBB den lohnmässigen Aufstieg verbessern.

Mit den Demonstrationen wollen die Angestellten den Druck auf den staatsnahen Betrieb erhöhen. Bereits wird an der Basis laut über einen Streik nachgedacht, sollte die SBB-Führung nicht einlenken. Alles nur ein Schachzug im Verhandlungspoker? Oder herrschen in der Schweiz bald Zustände wie in Frankreich? Dort protestieren die Bahnmitarbeiter seit April mit der längsten Streikwelle seit Jahrzehnten gegen die Reformpläne der Regierung.

SBB kritisieren Gewerkschaft

Die SBB äusserten sich erstaunt über das Vorgehen der Gewerkschaft. «Wir haben nicht vor, die Details der Verhandlungen zum Gesamtarbeitsvertrag in der Öffentlichkeit zu diskutieren», sagte SBB-Sprecher Daniele Pallecchi. Zur Streikandrohung sagte er: «Unterschiedliche Positionen während der Verhandlungen und Interessenkonflikte dürfen nicht auf Kosten der Bahnkundschaft gehen. Sie sollen im Gespräch geklärt werden.»

Ein Bahnstreik im Bahnland Schweiz: Für Verkehrspolitiker ist das eine beunruhigende Vorstellung. Nationalrat Martin Candinas (CVP) bezeichnete allein schon die Androhung explizit als falsch: «Die Arbeitsbedingungen bei den SBB bleiben im Vergleich zu anderen Branchen so gut, dass das Personal jetzt nicht mit diesem Mittel drohen sollte.» Die SBB stünden in harter Konkurrenz zu anderen Bahnen und dem Individualverkehr. Es müsse daher möglich sein, dass die SBB den Gesamtarbeitsvertrag in gewissen Punkten justieren wollten.

Mit breiter Unterstützung dürfen die SBB-Angestellten von linker Seite rechnen. «Die SBB-Spitze muss die Anliegen des Personals ernst nehmen und den Angestellten gegenüber Wertschätzung zeigen», sagte Edith Graf-Litscher (SP), Präsidentin der nationalrätlichen Verkehrskommission. Die Aktion der SBB-Angestellten sei deshalb ein wichtiges Zeichen gegenüber der Führungsriege.

Erstellt: 18.06.2018, 22:02 Uhr

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