Die Ausweitung der Sterbehilfe

Der Verein Exit debattiert darüber, auch gesunde Alte ohne Krankheitsdiagnose in den Freitod zu begleiten.

Nicht krank, aber des Lebens müde: Der Verein Exit diskutiert über den Zugang zu Sterbehilfe für gesunde Alte. Foto: Getty Images

Nicht krank, aber des Lebens müde: Der Verein Exit diskutiert über den Zugang zu Sterbehilfe für gesunde Alte. Foto: Getty Images

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«Alterssuizid» – der Begriff bestimmt zusehends die Sterbehilfedebatte. Betagte Menschen, die selbstbestimmt sterben wollen, sollen Suizidhilfe beanspruchen können, auch wenn sie nicht todkrank sind. An der Generalversammlung vom 17. Juni wird der Verein Exit einen entsprechenden Antrag seines Mitglieds Klaus Hotz diskutieren, über den neulich die «SonntagsZeitung» berichtete. Er trägt den Titel «Erleichterter Zugang zum NaP für Betagte». NaP steht für das Sterbemittel Natriumpentobarbital.

Im Fokus stehen dabei nicht Betagte, die aus emotionalen Gründen, aus einem Verlustschock heraus, sterben möchten. Vielmehr sollen gesunde, aber lebensmüde alte Menschen einen von Exit begleiteten Freitod in Anspruch nehmen können – auch ohne ärztliche Krankheitsdiagnose. Dazu soll eine Kommission gebildet werden. Exit, so Hotz, sei in dieser Frage auch nach aussen zu wenig klar und weise noch immer Menschen ab, die im Alter selbstbestimmt sterben wollten. Fernziel sei es, die Heilmittelordnung so abzuändern, dass das Barbital auch ohne ärztliches Rezept von Nichtärzten abgegeben werden könne.

Nach heutigem Recht strafbar

Könnte Exit überhaupt beschliessen, das Sterbemittel NaP ohne Diagnose abzugeben? Laut Bernhard Rütsche, Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Universität Luzern, wäre das nach der Rechtssprechung des Bundesgerichts rechtswidrig. Ein Arzt, der an einen gesunden Menschen NaP abgebe, könne sich wegen Verletzung von Sorgfaltspflichten strafbar machen. «Für die Verschreibung von NaP muss zwingend eine Krankheit vorliegen.» Auch wenn das Bundesgericht die Abgabe des Medikaments für Menschen geöffnet habe, die nicht am Lebensende und terminal krank, sondern psychisch schwer krank seien.

Auf politischer Ebene aber könnte man laut Rütsche ein Suizidhilfegesetz – ausserhalb des Strafrechts – machen und darin verankern, dass das Barbital auch an gesunde Menschen abgegeben werden kann, unter der Bedingung freilich, das sie autonom und urteilsfähig sind. Laut Rütsche ist es aber schwierig, für eine gesetzliche Regelung der Suizidhilfe einen politischen Konsens zu finden.

«Bald reicht die Lebensmüdigkeit als Kriterium.»Markus Zimmermann, Theologe und Ethiker

Gemäss dem auf Pharmarecht spezialisierten Juristen Frank Thomas Petermann hingegen wäre eine indikationslose Abgabe schon heute möglich – gestützt auf das Bundesgerichtsurteil von 2007, wonach der urteilsfähige Mensch Art und Zeitpunkt seines Todes selber wählen dürfe. Dazu müsste man die Betäubungsmittelverordnung geringfügig ändern. Was für Rütsche jedoch problematisch wäre ohne demokratische Absicherung. Antragsteller Hotz teilt die Meinung von Petermann. Mit seinem Antrag wolle er Klarheit schaffen und Exit dazu veranlassen, bei Ethikern und Juristen Gutachten einzuholen.

Für den Theologen und Ethiker Markus Zimmermann, Vizepräsident der Nationalen Ethikkommission, steht der Exit-Antrag klar für eine unerwünschte Ausweitung der Suizidbeihilfe auf Menschen, die ursprünglich nicht im Blick waren. «Das geht Schritt für Schritt immer weiter: Bald wird die Begleitung dementer Menschen diskutiert, dann reicht die Lebensmüdigkeit als Kriterium.» Zudem findet er das Altersbild, das im Antrag zum Ausdruck kommt, katastrophal: «Wenn Menschen, die unter 80 sind, massiv leiden müssen, um begleitet zu werden, dann kommt darin eine unglaubliche Abwertung menschlichen Lebens über 80 Jahren zum Ausdruck.» Dies erzeuge einen grossen gesellschaftlichen Druck auf die Betagten.

Der Bund soll entscheiden

Ethiker Zimmermann könnte sich vorstellen, dass man die Suizidbeihilfe den Ärzten teilweise aus der Hand nimmt und das Dossier dem Bundesamt für Justiz oder Gesundheit überträgt. Dort solle dann entschieden werden, wer die Kriterien erfülle und wer nicht. Jedenfalls brauche es kein ärztliches Wissen, um einem 80-Jährigen, der ansonsten nicht behandlungsbedürftig sei, ein todbringendes Mittel zu verschreiben.

Ganz neu ist die Debatte nicht: Schon 2011 hatte Exit in ihre Statuten aufgenommen, sich für einen erleichterten Zugang zum Sterbemittel einzusetzen. Und 2014 hat man explizit das Wort Altersfreitod in die Statuten eingefügt. Seither sei man dabei, das Thema zu enttabuisieren und zu liberalisieren, und versuche den Zugang zum Sterbemittel NaP zu erleichtern, sagt Exit-Sprecher Jürg Wiler. Bereits heute fänden bei Exit ein Viertel der Begleitungen im Bereich des Altersfreitods statt: Exit begleite immer öfter polymorbide Menschen, die verschiedene Gebrechen hätten, ohne aber an einer unmittelbar zum Tod führenden Krankheit zu leiden.

Die wichtige Rolle der Ärzte

Beim Wunsch, NaP auch ohne ärztliche Diagnose oder gar ohne Rezept abzugeben, sei Exit aber zurückhaltend, sagt Wiler. «Da sehen wir ein gewisses Risiko, mit diesem Anliegen an die Bevölkerung oder an die Politik zu gelangen.» Dies auch aufgrund einer Umfrage, die Exit letztes Jahr unter dem Titel «Was erwartet die Bevölkerung vom Arzt am Lebensende?» in Auftrag gegeben hatte. Die Resultate zeigten, dass die Erwartungen an den Arzt hoch seien; dass er gerade am Lebensende eine der wichtigsten Vertrauenspersonen sei. «Je älter jemand ist und je länger jemand einen Arzt hat, desto eher will er auch in Zukunft bei ihm bleiben und das aufgebaute Vertrauen nicht aufgeben.»

Darum hat Exit das Projekt «Info Ärzteschaft» aufgegleist: Ab diesem Sommer wird die Sterbehilfeorganisation Ärzten über Weiterbildungen grundlegendes Wissen zur Suizidhilfe vermitteln, für sie eine Auskunftsstelle aufbauen und bei Standesorganisationen Lobbyarbeit leisten. Das Projekt ist Teil des Engagements, Verständnis für den Alterssuizid zu wecken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2017, 23:32 Uhr

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