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China stellt die westliche Industrie in den Schatten

An der Berufs-WM in Abu Dhabi messen die Industrienationen ihre Leistungsfähigkeit. Die Schweiz behauptet sich gegen eine starke asiatische Konkurrenz an der Weltspitze.

Der Bündner Automobiltechniker Riet Bulfoni (Diplom) am zweiten Wettkampftag in Abu Dhabi. Foto: Michael Zanghellini (Keystone)
Der Bündner Automobiltechniker Riet Bulfoni (Diplom) am zweiten Wettkampftag in Abu Dhabi. Foto: Michael Zanghellini (Keystone)

Der Stress war für Marco Michel enorm: Seine Testanlage wollte einfach nicht funktionieren, dabei tüftelte der gelernte Spezialist für Aviation Polymechaniker/Automation schon vier Tage daran. Der Kernser, der bei Ruag Aviation arbeitet, sollte bei den Berufsweltmeisterschaften in Abu Dhabi eine digitalisierte, automatische Sandförderanlage bauen. Stundenlang suchte Michel nach dem Fehler – und fand ihn schliesslich: Ein Relais, das ihm die Veranstalter ausgehändigt hatten, war defekt. Es war also nicht Michels Schuld, dass die von ihm entworfene Förderanlage streikte. Daher gewährte die Wettkampfleitung dem 20-Jährigen zwei Stunden zusätzlich. Und belohnte am Ende seine Arbeit mit der Silbermedaille.

Schweiz ist Europameisterin

Schweizer Präzision und Stressresistenz wurden bei den Berufsweltmeisterschaften in Abu Dhabi gleich mehrfach ausgezeichnet: In 36 Berufsfeldern holte die Schweizer Delegation elf Gold-, sechs Silber- und drei Bronzemedaillen sowie dreizehn Diplome. Fünf Medaillen gingen an Frauen.

Mit 20 Medaillen im Gepäck nach Hause: Die Schweizer jubeln an der Berufs-WM in Abu Dhabi.
Mit 20 Medaillen im Gepäck nach Hause: Die Schweizer jubeln an der Berufs-WM in Abu Dhabi.
Michael Zanghellini, Keystone
Gewinner «Best of Nation»: Der Elektroinstallateur Beat Schranz am 1. Wettkampftag.
Gewinner «Best of Nation»: Der Elektroinstallateur Beat Schranz am 1. Wettkampftag.
Michael Zanghellini, Keystone
Carrosseriespengler Heiko Zumbrunn freut sich über seine Silbermedaille.
Carrosseriespengler Heiko Zumbrunn freut sich über seine Silbermedaille.
Michael Zanghellini, Keystone
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Mit diesem Ergebnis wurde die Schweiz erneut mit Abstand Europameisterin der Berufsbildung. Und weltweit ist sie nach China die Nummer zwei. Mit diesem Glanzresultat haben die Schweizer Berufsleute auch wieder die leistungsstarken Asiaten Korea und Taiwan hinter sich gelassen.

«Wir wussten nicht, wie wir uns gegenüber den Asiaten einreihen sollten, jetzt sind wir erleichtert», sagte Christine Davatz, die Vizedirektorin des Schweizerischen Gewerbeverbandes, die seit 19 Jahren die Schweizer Wettkampfteilnahme betreut. Denn von Mal zu Mal werden die World Skills Competitions härter. Die asiatischen Berufsleute – sie dürfen nirgends älter als 22 Jahre alt sein – werden immer besser trainiert und immer mehr auf den neusten Stand der Digitalisierung gebracht. In China und Korea kümmert sich gar die Regierung um das Training der Teilnehmer, es dauert zwei volle Jahre. Und wer in Korea eine Goldmedaille heimbringt, erhält von der Regierung ein Haus als Siegerprämie geschenkt.

«In Zukunft werden die Chinesen den Standard setzen»

China war an den vorletzten Berufsweltmeisterschaften im Jahre 2013 noch nirgends. An den letzten World Skills 2015 figurierte es noch hinter der Schweiz auf Platz 5. Jetzt ist es Weltspitze und angesichts der harten Selektion kaum mehr schlagbar. Für die Regierung Chinas gelten die World Skills als Gradmesser für internationale Kon­kurrenzfähigkeit und Innovation. Und sie sieht ihre Berufsleute als Botschafter für die Performance der Wirtschaft. «Die chinesischen Wettkämpfer werden sorgfältig selektioniert und top vorbereitet», meint anerkennend ein Experte aus der Jury, «in Zukunft werden die Chinesen den Standard setzen.»

Deutschland schaffte es mit nur drei Medaillen dagegen nicht unter die Spitzenränge. Die deutschen Berufsfachleute werden nicht vom Zentralverband des Deutschen Handwerks – dem Pendant zum Schweizerischen Gewerbe­verband –, sondern von einer unabhängigen, wirtschaftsferneren Organisation, Worldskills Germany, vorbereitet. In Deutschland gilt zudem die Berufs­bildung nach der Akademisierungswelle als Art Karrieresackgasse, in der Schweiz gibt es dagegen die Berufsmaturität und die Höhere Berufsbildung als Aufstiegsleiter.

Die Schweizer Wettkämpfer werden zudem von den Berufsverbänden vor­bereitet. Die Koordination liegt beim Schweizerischen Gewerbeverband. Auch die Industrieverbände wie zum Beispiel SwissMem bereiten ihre Wettkämpfer in den industriellen Berufen selber vor. Die Stärke der Schweiz liegt in ihrer praxisnahen Ausbildung der Lehrlinge und der jungen Berufsleute. Sie machen ihre duale Berufslehre meist in wettbewerbsorientierten Firmen und stellen sich früh der Konkurrenz. Das zahlte sich in Abu Dhabi aus, dort wurden die Projektaufgaben nur in Englisch vorgelegt, bloss eine mündliche Übersetzungshilfe war zugelassen.

Die zwei Schweizer Landschaftsgärtner/Gartenbauer Benjamin Räber und Nils Bucher mussten aufgrund eines Plans einer wohl praxisfernen japanischen Gartenbauarchitektin eine auf Wüstensand basierte Gartenanlage mit Mauern, Treppen, echten Palmen und Wüstenpflanzen errichten. Doch wegen Organisationsfehlern bei der Wettkampfleitung fehlte die Hälfte des nötigen Sands, es fehlten die Folien und die Abdeckplatten für die Gartenmauern. Trotz Stress wurden die beiden mit kreativen Lösungen Vizeweltmeister im Landschaftsgartenbau.

Schneider-Ammann sagte ab

Um die Austragungsorte findet mittlerweile ein hartes Ringen statt. Wie bei den Olympischen Spielen und den Fussballweltmeisterschaften werden die World Skills Competitions zum Vorzeige-Event von Potentaten. Diesmal war es der Scheich der Vereinigten Arabischen Emirate; im Jahr 2019 wird Wladimir Putin im russischen Kasan die World Skills eröffnen und 2021 der chinesische Staatschef in Shanghai.

Die Schweiz musste, wie schon berichtet, ihre Kandidatur für die World­ Skills 2021, die in Basel geplant war, zurückziehen. Bundesrat Johann Schneider-Ammann hatte einen Bundesbeitrag von 30 Millionen Franken beantragt. Doch der Bundesrat schmetterte den Plan ab. Dagegen will er die Olympischen Winterspiele mit einer Milliarde unterstützen. Nach der 30-Millionen-Pleite zog es Schneider Ammann vor, seinen geplanten Wettkampf- und Staatsbesuch in Abu Dhabi wieder abzusagen.

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