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Die Black Cabs werden grün

Das neue Modell der berühmten Londoner Taxis fährt elektrisch – ansonsten gibt es dort keine Zulassung mehr.

Die neuen, elektrischen Londoner Taxis werden in einer Fabrik nahe Coventry produziert. Foto: John Harris (REA, Laif)
Die neuen, elektrischen Londoner Taxis werden in einer Fabrik nahe Coventry produziert. Foto: John Harris (REA, Laif)

Eine Plattform summt durch die grosse Fabrikhalle. Auf ihr ist eine Autokarosserie befestigt, die nun automatisch zur nächsten Station der Produktionsstrasse gebracht wird. Auf ihrem Weg folgt die Plattform einem Band auf dem Boden. Das Autoskelett ist schwarz lackiert, der Innenraum ist ungewöhnlich geräumig.

Hier, im Dorf Ansty am Stadtrand von Coventry, wird eines der berühmten Londoner Taxis gebaut. Jene Ikonen, die zur Hauptstadt gehören wie Big Ben, das wechselhafte Wetter und ausländische Schüler auf Klassenfahrt. Am Rand der Halle ragt ein Hochregallager für Einzelteile bis zur Decke. Jedes der Black Cabs, wie die meist schwarzen Droschken genannt werden, besteht aus 2000 Teilen.

Noch sind die Regale gähnend leer. Die Serienfertigung beginnt erst im September, im Moment montieren Arbeiter und Roboter Probefahrzeuge. Sie trainieren, damit im Spätsommer alles glatt läuft. An einer Station wird die schwebende Karosserie auf Achsen und Antrieb herabgelassen und damit verbunden. «Hochzeit» heisst das. Die Arbeiter ermitteln gerade die optimale Höhe, in der die leichte Aluminiumkarosserie ihre Hochzeit beginnt.

Gehören zu London wie der Big Ben: Die Black Cabs. Foto: Tim Ireland/ Keystone
Gehören zu London wie der Big Ben: Die Black Cabs. Foto: Tim Ireland/ Keystone

Die moderne Fabrik hat der Hersteller der Black Cabs, die London Taxi Company (LTC), extra für dieses neue Modell, den TX5, hochgezogen. Der Vorgänger TX4 wird in einem kleineren Werk in Coventry gebaut, doch dort ist bald Schluss. Denn das kleinere Werk fertigt Dieseltaxis, und die haben im wichtigsten Markt, London, wegen neuer Regeln gegen die Luftverschmutzung keine Zukunft mehr.

Fabrik in chinesischer Hand

Der Nachfolger TX5 dagegen ist ein Hybridauto. Das Fahrzeug surrt mit Elektroantrieb durch die Stadt, ohne die Luft zu verpesten. Ein Benzinmotor schaltet sich nur ein, wenn wider Erwarten unterwegs die Batterie erschöpft ist. Die berühmten Black Cabs werden grün.

Eigentümer der Firma ist der Autokonzern Geely. Die englischen Ikonen sind also in chinesischer Hand. Vor der Fabrik weht neben der britischen die chinesische Flagge. Geely kaufte den ­Taxi-Spezialisten 2013 für elf Millionen Pfund aus der Insolvenz. Nun investierten die Chinesen 325 Millionen Pfund (407 Millionen Franken) in das Werk und in ein Entwicklungszentrum in Ansty sowie in das Design der Fahrzeuge. Allein die Fabrik ist grösser als vier Fussball­felder, insgesamt sollen an dem Standort mehr als 1000 Menschen arbeiten. Konnte das alte Werk 1500 Dieselautos im Jahr bauen, sind es in Ansty mehr als 20'000 Elektrosummer. Die will LTC weltweit verkaufen.

Der Verwaltungsratschef von LTC kennt die internationalen Märkte: Carl-Peter Forster war Chef von Opel, als die GM-Marke vor acht Jahren ums Über­leben kämpfte. Nun sitzt er im Aufsichtsgremium von Geely, von Geelys schwedischer Tochter Volvo und eben bei LTC. «Wir werden das Hybridtaxi erst in London einführen, dann in anderen britischen Städten, dann in Europa und schliesslich weltweit», sagt der 62-Jährige. Wie hoch der Exportanteil sein soll oder wann die Fabrik voll ausgelastet sein wird, verrät er nicht.

Nur noch elektrisch, please

Londons Verkehrsbehörde lässt von Januar an nur noch Taxis neu zu, die ausreichend weit ohne Abgase fahren können – und das heisst elektrisch. Daher ist der TX5 überlebenswichtig für LTC. 90 Prozent der 21 200 Taxis in London stammen aus Coventry. Daneben kreuzen umgebaute Mercedes Vitos herum, also Kleintransporter, sowie Wagen des kleinen Herstellers Metrocab. Nur sie erfüllen die «Conditions of Fitness», einen 13-seitigen Kriterienkatalog der Verwaltung, der etwa den engen Wendekreis festschreibt oder die Anforderung, dass Rollstuhlfahrer bequem in die Wagen rollen können. Der Staat subventioniert den Kauf eines Elektrotaxis mit bis zu 8800 Euro. Ausserdem sollen die laufenden Betriebskosten des TX5 niedriger sein als beim Dieselmodell. Den Preis gab LTC nicht bekannt.

Da auch andere Grossstädte gegen Luftverschmutzung vorgehen wollen, sieht Manager Forster weltweit gute Chancen für das grüne Taxi. «Wir hätten kein besseres Umfeld für den Start treffen können», sagt er. Sogar eine Stadt im Südwesten Deutschlands, Heimat grosser Autofirmen, plane bei Smog ein Fahrverbot für manche Dieselautos, sagt er – und meint Stuttgart, wo Daimler und Porsche residieren. Und am Amsterdamer Flughafen Schiphol dürfen nur Elektroautos den Taxistand ansteuern.

Allerdings haben Taxichauffeure in vielen Städten mit der Konkurrenz durch den Fahrdienst Uber zu kämpfen, der meist billiger ist als ein reguläres Taxi. In London etwa stagniert die Zahl richtiger Taxis seit Jahren, während Uber seit dem Start in der Stadt 2012 ­rasant wächst. LTC-Vorstandschef Chris Gubbey befürchtet jedoch nicht, dass das Taxigewerbe ausstirbt – und damit seine Zielgruppe. «Es wird auf dem Markt immer einen Platz für Uber und für richtige Premium-Taxis geben», sagt der frühere Manager von General ­Motors (GM).

Keine Freude am Brexit

Trotzdem verlässt sich die Firma nicht ausschliesslich auf den Taximarkt. LTC wird in Ansty gleichzeitig kleine Elektrolieferwagen fertigen, für Handwerker oder für Paketdienste. Schliesslich kaufen immer mehr Menschen im Internet ein, und die Sachen müssen in die Wohnung kommen. Wollen Städte Smog ­bekämpfen, könnten sie auch für diese Transporter strikte Vorgaben einführen. LTC passt für die Lieferwagen einfach nur die Karosserie der elektrischen Black Cabs an, der zusätzliche Aufwand ist überschaubar.

Ein unvorhergesehenes Ärgernis ist der EU-Austritt der Briten. «Wir spüren bereits negative Folgen», sagt Forster. Viele Zulieferteile kommen aus dem Ausland, und der Absturz des Pfundkurses seit Juni macht sie teurer. Das belaste die Gewinne, sagt der Deutsche. Er setze darauf, dass sich London und Brüssel auf einen Handelsvertrag einigen, welcher der Autobranche keine Nachteile beschert. Die Aussicht auf den Brexit «fühlt sich nicht angenehm an, aber es gibt nicht viel, was wir tun könnten», sagt er ein wenig resigniert.

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