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Digitale Revolution gefährdet auf dem Land mehr Jobs als in Städten

Eine Studie der Hochschule Luzern zeigt, wo Computer und Algorithmen Menschen am ehesten ersetzen.

Mit der Digitalisierung werden sich viele Berufe verändern. Und ein Teil der Stellen verschwindet gar ganz. Davon sind nicht alle Regionen gleich stark betroffen. Laut einer Studie der Hochschule Luzern wirkt sich der Strukturwandel in der Ostschweiz und im Raum Bern etwas stärker aus als in Zürich. Besonders markant ist der Unterschied zwischen den Städten und dem Land: In dünn besiedelten Regionen sind deutlich mehr Stellen gefährdet. Auch trifft der Wandel vor allem Menschen mit niedriger und mittlerer Bildung.

Wie kommen die Luzerner Forscher zu diesen Resultaten? Bei ihren Berechnungen stützten sie sich auf Vorarbeiten der Universität Oxford. Dort haben Carl Benedikt Frey und Michael Osborne für 702 Berufe abgeschätzt, mit welcher Wahrscheinlichkeit diese innerhalb von zwanzig Jahren computerisiert respektive automatisiert werden. Besonders gross ist die Gefahr etwa für Menschen, die per Telefon Waren und Dienstleistungen anpreisen. Auch Datenerfasser werden künftig deutlich weniger gefragt sein. Psychologen und Tänzer hingegen müssen sich keine grossen Sorgen machen. Sie werden kaum durch Roboter oder Algorithmen ersetzt.

Die Studie der Universität Oxford sorgte weltweit für grosses Aufsehen. Ivo Willimann und Stephan Käppeli von der Hochschule Luzern haben die Daten nun auf die Schweiz heruntergebrochen. Sie verknüpften dabei die bereits ermittelten Wahrscheinlichkeiten pro Beruf mit den Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung des Bundes. So konnten sie berechnen, wie sich die ­Digitalisierung auf die verschiedenen Regionen auswirkt. Und welche Einkommensklassen am stärksten betroffen sind.

Auch neue Stellen geschaffen

Die Erkenntnisse werden heute in der vom Bund herausgegebenen Zeitschrift «Volkswirtschaft» veröffentlicht. Redaktion Tamedia liegen sie bereits vor. Gesamtschweizerisch sind demnach 51 Prozent aller Arbeitsplätze gefährdet. Das klingt krass, doch es gilt dreierlei zu berücksichtigen:

  • Erstens wird längst nicht jeder Job, der grundsätzlich automatisierbar ist, in Zukunft tatsächlich von einem Computer oder einem Algorithmus ausgeführt. Solche Entscheide hängen wesentlich von den Kosten ab. Je teuerer die Automatisierung im Vergleich zu den heutigen Lohnkosten ist, desto eher werden Unternehmen an den Menschen festhalten.
  • Zweitens bezieht sich das Automatisierungspotenzial, das die Uni Oxford für 702 Berufe geschätzt hat, auf die heutigen Tätigkeitsprofile. In der Realität werden sich die Jobs verändern. Sie werden zunehmend Aufgaben umfassen, die nur schwer von Maschinen übernommen werden können. Etwa, weil Kreativität oder zwischenmenschliche Kontakte erforderlich sind.
  • Drittens wird die Digitalisierung nicht nur Arbeitsplätze verdrängen. Sie wird auch neue schaffen. Dies konnte man schon bei der Mechanisierung und Elektrifizierung beobachten. Heute arbeiten über 75 Prozent aller Beschäftigten im Dienstleistungssektor. Vor 200 Jahren waren es noch knapp 10 Prozent. Dafür ist der Anteil der Bauern von rund 60 auf 3 Prozent zurückgegangen.

Auch die digitale Revolution wird Gewinner und Verlierer hervorbringen. Besonders gefordert sind ländliche Regionen, in denen gemäss der Luzerner Studie 57 Prozent der Stellen gefährdet sind – verglichen mit 45 Prozent in städtischen Gebieten. Gar über 60 Prozent sind es in Regionen wie dem Entlebuch, dem Kandertal oder Appenzell Innerrhoden.

Aufs Erstellen einer exakten Rangliste haben die beiden Dozenten der Zentralschweizer Fachhochschule bewusst verzichtet. Denn die Berechnungen sind mit Unwägbarkeiten verbunden – etwa weil für gewisse Berufe in ­einigen Regionen nur wenige Daten vorhanden sind. Für die sieben Grossregionen weist die Studie dagegen Zahlen aus: Während in der Ostschweiz und dem Espace Mittelland 53 Prozent der Stellen gefährdet sind, kommen die ­Autoren für den Raum Zürich auf 47 Prozent.

Die Differenzen zwischen den Regionen sind vor allem auf die unterschiedliche Zusammensetzung der Bevölkerung zurückzuführen. In den Städten ist der ­Anteil der Akademiker mit 38 Prozent deutlich höher als auf dem Land, wo ­lediglich 17 Prozent aller Erwerbstätigen einen Hochschulabschluss haben. Das fällt ins Gewicht, weil akademische ­Tätigkeiten schwieriger automatisierbar sind. Folglich trifft der Strukturwandel die städtischen Gebiete auch weniger hart.

Dies erklärt auch, weshalb tiefere Einkommensklassen stärker betroffen sind als höhere. Jobs mit einem Nettoerwerbseinkommen von jährlich über 130'000 Franken sind laut der Luzerner Studie zu 28 Prozent gefährdet. Bei Einkommen unter 78'000 Franken sind es dagegen über 50 Prozent.

Die digitale Revolution trifft also vor allem die Schwächeren. Dies dürfte die Politik noch beschäftigen. Und es zeigt, wie wichtig gerade für Nicht-Akademiker das lebenslange Weiterbilden ist. Auf dass sie dereinst einen der neu entstehenden Jobs ausüben können.

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