Die Gier des Herrn Ghosn

Familienferien? Die Firma zahlt. Steuern? Ungern. Über das verschwenderische und offenbar kriminelle Vorgehen von Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn.

Lakonisch, mysteriös, auch unterhaltsam, nun gefallen: Carlos Ghosn. Foto: Kin Cheung (Keystone)

Lakonisch, mysteriös, auch unterhaltsam, nun gefallen: Carlos Ghosn. Foto: Kin Cheung (Keystone)

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Wenn Manager zu einem Diner in kleinem Kreis einladen, gibt es meistens was Feines zum Essen. Leider bekommt das nur kaum einer mit, weil zum interessanten Menü vor allem eher fade Botschaften gereicht werden. Meistens hat der Vorstandsvorsitzende, der in der Mitte der Tafel Platz genommen hat, am Ende weder Vor-, Haupt- noch Nachspeise angerührt. Aber er ist trotzdem zufrieden mit sich und dem Abend, denn er hat viel von Unternehmenszahlen und Strategien erzählt.

Der sehr reiche Mann, der seit Montag in einem japanischen Gefängnis sitzt und heute seinen Posten als Vorsitzender des Verwaltungsrats beim japanischen Autobauer Nissan verloren hat, weil er ein zu niedriges Einkommen angegeben, die Finanzbehörden gelinkt und Firmengelder veruntreut haben soll, ist da ganz anders. Er isst und trinkt gerne.

Als Carlos Ghosn vor ein paar Jahren beim Genfer Autosalon im kleinen Kreis Tartare de crevettes und Filet de boeuf servieren liess, hatte er vor allem eine Botschaft: «Bleiben Sie bequem!» Dann griff er selbst ordentlich zu. Ghosn kaute genüsslich, schenkte Rotwein nach, schaute mal auf seinen Teller und mal auf die Menschen um sich herum. Manchmal lehnte er sich breitbeinig zurück, manchmal wippte er auf seinem Stuhl, und wenn ihm irgendeine Frage nicht passte, blinzelte er den Fragesteller an und sagte: «So?» Dann kaute er weiter. Carlos Ghosn, Renault-Chef und Architekt der Auto-Grossallianz aus Renault, Nissan und Mitsubishi, wirkte an diesem Abend nicht wie ein Automanager. Eher erinnerte er an den brillanten Schauspieler Lino Ventura in einem französischen Siebzigerjahre-Krimi: lakonisch, mysteriös, dabei schon auch unterhaltsam.

Zuletzt sah man ihn häufig mit seinem Partner, Daimler-Chef Dieter Zetsche, auf den Bühnen der Automessen. Beide sprachen über die Zusammenarbeit ihrer Konzerne, über das Leben an sich und gingen sich dabei ostentativ auf die Nerven. Sie sassen da wie Jack Lemmon und Walter Matthau in «The Odd Couple». Man wusste: Wieder eines dieser Rollenspiele. Dann gab es Ghosn noch in der Rolle des harten Hundes und des pedantischen Zahlenfressers. Aber wo auch immer der 64-jährige Autoboss auftrat in den vergangenen Jahren, immer stand vor allem einer im Mittelpunkt: er selbst.

Vor ein paar Tagen ist eine weitere Rolle dazugekommen, und es dürfte die Rolle seines Lebens sein, weil sie die jahrzehntelange Karriere dieses mächtigen Rollenspielers beenden könnte. Es ist die Rolle des grossen Sanierers und erfolgreichen Managers, der am Flughafen Tokio-Haneda aus einem Privatjet des Modells Gulfstream G650 steigt und sogleich von Ermittlern empfangen wird.

Anders als im Restaurant und anders als beim Lemmon-Matthau-Spiel mit Zetsche ist die Sache diesmal sehr ernst für ihn. Denn die neueste Rolle des Carlos Ghosn ist, wie es gerade aussieht, die des ohne Not kriminell gierigen Managers.

Perfides Spiel auf Kosten des Arbeitgebers

Der frühere Audi-Chef Rupert Stadler ist gerade nach einem langen Sommer in Untersuchungshaft auf freien Fuss gekommen; der langjährige VW-Chef Martin Winterkorn sollte sich nicht mehr in den USA blicken lassen, weil die Justizbehörden dort einen Haftbefehl gegen ihn erlassen haben. Audi und VW: Da geht es um die Dieselaffäre und um betrügerische Abgasmessungen. Es geht um den ganz grossen Betrug am Kunden.

Bei Ghosn nun geht es um das ganz grosse Ding in eigener Sache: Der Grossverdiener und Globalmanager soll, berichten japanische Medien, ein perfides Spiel auf Kosten seines Arbeitgebers gespielt haben. Monatelang waren Nissan-Mitarbeiter Hinweisen nachgegangen, dass Ghosn unter anderem sein Einkommen bei der Tokioter Börse zu niedrig angegeben hatte. Seit 2011 soll Ghosn so an die 40 Millionen Euro Einkommen zu wenig angegeben haben. Dabei hat man wohl noch einige pikante Details zusätzlich gefunden.

So habe Nissan 2010 in den Niederlanden eine Firma gegründet, um damit in Start-ups zu investieren. Statt in junge, innovative Unternehmen aber soll ein grosser Teil des Kapitals – an die 20 Millionen Dollar – in Luxusimmobilien in Rio de Janeiro, Beirut, Paris und Amsterdam geflossen sein. Diese Immobilien habe Ghosn, der Mann mit französischem, libanesischem und brasilianischem Pass, privat genutzt. Instandhaltungs- und Renovierungskosten? Familienurlaube? Diverse Abendessen? Alles von der Firma bezahlt.

Nun ist es nicht so, dass Ghosn, zuletzt Präsident bei Nissan und Vorstandschef bei Renault, zu wenig Geld verdient hätte. 7,4 Millionen Euro bekam er im vergangenen Jahr als Renault-Vorstandschef und für den Job bei Nissan 9,2 Millionen Euro. Viele Franzosen fragten, ob der Boss dieser französisch-japanischen Autoallianz nicht etwas zu viel verdiene. Nach den neuen Vorwürfen lautet die Frage aber doch eher: Was bringt einen Menschen, der so viele Millionen verdient, dazu, zusätzlich in die Konzernkassen zu greifen und andere, ehrliche Steuerzahler zu betrügen?

Ghosn droht eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren. Dem Bündnis aber, das er geschaffen hat, droht der Bruch. Wie Nissan, Renault und Mitsubishi künftig zusammen paktieren sollen, wenn der Mann, der das alles aufgebaut und alle Strippen gezogen hat, im Knast sitzt, kann sich im Moment niemand vorstellen. Der Selbstdarsteller und Schauspieler Ghosn hat, so viel steht derzeit fest, so etwas wie einen internationalen Fall ausgelöst. Japans Wirtschaftsminister Hiroshige Sek? soll an diesem Donnerstag nach Paris reisen, um mit dem französischen Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire über die Zukunft der französisch-japanischen Autoallianz zu sprechen, «im Dienst der weltweiten Automobilindustrie», sagte Le Maire. Renault hat die Geschäfte derzeit an den Vizegeneraldirektor Thierry Bolloré übertragen. «Herr Ghosn ist heute nicht in der Lage, das Unternehmen zu führen», sagte der Minister.

So kann man sie auch umschreiben, die neueste Rolle des Grossmanagers Carlos Ghosn.

Erstellt: 22.11.2018, 14:29 Uhr

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