Die Homeoffice-Illusion

Heimarbeit ist selten befriedigend. In Gegenwart anderer arbeitet es sich angenehmer und produktiver.

Draussen wäre es so schön, geputzt werden sollte ebenfalls: Daheim ungestört zu arbeiten, ist schwierig. Foto: iStock

Draussen wäre es so schön, geputzt werden sollte ebenfalls: Daheim ungestört zu arbeiten, ist schwierig. Foto: iStock

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Homeoffice senkt die Bürokosten, tönt modern und ist gut fürs Employer-Branding. Aus diesen Gründen wird es heute von vielen Firmen empfohlen. Aber die Rechnung geht nicht auf: Den Verheissungen der Heimarbeit steht eine ganze Reihe von Nachteilen gegenüber.

Es ist eben nicht so, dass wir zu Hause in Ruhe und ungestört arbeiten. Die meisten von uns haben kleine Kinder, charmante Partner, redselige Mitbewohner oder lärmende Nachbarn. Die verlangen unsere Aufmerksamkeit, genau dann, wenn wir uns konzentrieren müssen. Klar, wer über fortgeschrittene Kenntnisse in persuasiver Kommunikation verfügt, kann die heimischen Stakeholder zähmen. Aber dann erwacht garantiert der innere Schweinehund. Und der weiss: Wir sind imstande, zu jeder Zeit jede beliebige Menge an Aufgaben zu erledigen – solange es nicht die Aufgaben sind, die erledigt werden müssen. Sondern Putzen, Aufräumen, Chatten, Chillen, Gamen. Da ist es einfacher, man geht ins Büro.

Wer all dies nicht kennt, hat oft ein anderes Problem: Zu Hause arbeiten wir mehr, als uns guttut. Es fällt uns schwerer, von der Arbeit loszulassen. Der tägliche Arbeitsweg, der Wechsel der Umgebung ist eben nicht immer nur ungesund – er ist wichtig, um Distanz zur Arbeit zu gewinnen. Es ist im Job wie im Sport: Wer Spitzenleistungen erbringen will, muss Ruhezeiten einhalten.

Alleinsein ist ungesund

Ausserdem: Menschen sind soziale Wesen, auch wir Büromenschen. Wir brauchen einander wie die Luft zum Atmen. Experimente haben gezeigt: Sind wir allein, werden wir bald unruhig und nervös. Bis wir es nicht mehr aushalten und das Experiment abbrechen. Wobei man von Glück reden kann, wenn es nur ein Experiment ist. Für viele ist Einsamkeit kein Experiment, sondern trauriger Alltag. Das ist der Hauptgrund, warum Co-Working-Spaces florieren: Wir halten es im Homeoffice nicht lange aus. Selbst Nomaden wollen nicht ewig allein umherziehen, auch digitale Nomaden nicht. Deshalb schlagen so viele von ihnen im Starbucks ihre Zelte auf. Nicht wegen des Kaffees, sondern um dem Alleinsein zu entkommen.

Ob im Co-Working-Space, im Café, in der Bibliothek oder im Grossraumbüro: In Gegenwart anderer arbeitet es sich angenehmer. Der persönliche Austausch ist gut für die Leistung und gut für die Gesundheit. Zwar sind E-Mail, Chat, Telefon und Skype wertvoll, um Zeit, Geld und CO2 zu sparen. Aber sie sind kein Ersatz für physische Präsenz. Selbst wenn einem die Gesprächspartnerin vom Bildschirm entgegenlächelt: mimische, gestische und akustische Feinheiten gehen verloren, die persönliche Begegnung wird auf den rationalen Informationsaustausch reduziert. Das ist der Grund, warum Politiker und CEOs in der Welt herumhetzen. Nicht weil sie das Fliegen lieben. Sondern weil wichtige Arbeit Anwesenheit erfordert.

Inoffizielle Begegnungen sind wichtig

Auch unsere Arbeit ist wichtig. Daher sollten wir dort arbeiten, wo unsere Kolleginnen und Kollegen sind. Wenn wir es gut haben miteinander, ist das immens wertvoll (was jeder weiss, der es nicht gut hat). Dann sind gelegentliche Unterbrechungen bereichernd. In inoffiziellen, spontanen Begegnungen bekommen wir Dinge mit, die an uns vorbeigegangen wären, wenn wir uns den Arbeitsweg gespart hätten – die sich aber als wichtig herausstellen können. Kein Wunder, werden nicht diejenigen befördert, die gerne im Homeoffice arbeiten. Sondern die, die Präsenz markieren.

Ja, manchmal ist Homeoffice prima. Etwa wenn die Strassen zugeschneit sind. Oder wenn das Kind erkältet ist und nicht zur Schule kann. Aber gute Teams arbeiten nicht von zu Hause aus. Auch bei einer mangelhaften Arbeitsumgebung – wenn es im Grossraumbüro zu laut ist, das Betriebsklima vergiftet oder der Chef unfähig – kann Homeoffice eine Lösung sein. Aber nur eine Zeit lang. Manch einer arrangiert sich dann mit den Unannehmlichkeiten. Vielleicht überwiegt unter dem Strich das Positive. Und wenn nicht: Eine neue Stelle sucht man am besten vom Homeoffice aus.

Erstellt: 06.01.2019, 21:39 Uhr

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