«Die Jungen können die Last der Rentner bald nicht mehr schultern»

ZKB-Chef Martin Scholl über Altersvorsorge, Immobilienmarkt und den FCZ.

«Der Generationenvertrag muss jetzt auf den Tisch», fordert Martin Scholl. (Foto: Reto Oeschger)

«Der Generationenvertrag muss jetzt auf den Tisch», fordert Martin Scholl. (Foto: Reto Oeschger)

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Sie sind im Vorstand der Stiftung des FCZ-Museums. Wann ist die Challenge-League-Zeit des FC Zürich nur mehr ein Fall für die Vitrine?
Das wird ein Jahr dauern. Es darf nicht länger gehen, sonst wird es für den Club schwierig.

Es gibt in Zürich Pläne für ein Hockey- und für ein Fussballstadion. Glauben Sie an die Arenen?
Ganz grosse Projekte haben es in Zürich nicht einfach. Das Projekt für das Hockeystadion ist sehr ausgereift. Ich bin zuversichtlich, dass der Zeitplan bis 2021 eingehalten wird. Die Pläne für das Fussballstadion finde ich gut.

Die ZKB-Tochter Swisscanto war in das Projekt involviert, hat sich dann aber zurückgezogen. Weshalb?
Die Swisscanto-Anlagestiftung fällt ihre Anlageentscheide unabhängig. Die ZKB hat keinen Einfluss darauf.

Auch abgesehen von Stadien wächst der Immobilienmarkt in der Schweiz. Die Schweizerische Nationalbank warnt daher vor Gefahren für das Finanzsystem. Wie entwickelt sich der Markt?
Die einzelnen Marktsegmente entwickeln sich unterschiedlich. Die Wohnungen und Einfamilienhäuser im mittleren Preissegment sind nach wie vor gefragt. Schlecht verkaufen sich derzeit sehr teure Objekte. Sehr schwierig ist der Büromarkt. Es stehen rund 1 Million Quadratmeter Büromarktfläche im Kanton Zürich leer. Auch die Aussichten bei Detailhandelsflächen sind düster.

Bei einem plötzlichen Zinsanstieg kommen Hypothekarschuldner an ihre Belastungsgrenze. Machen Sie sich Sorgen?
Ein Zinsanstieg macht uns keine Sorgen. Aktuell gibt es auch keine Anzeichen dafür. Sollte er doch kommen, sind wir vorbereitet. Wir sind schon früh auf die Bremse getreten und bei den Hypotheken drei, vier Jahre lang schwächer gewachsen als der Markt. Doch der Cocktail aus Anlagenotstand, tiefen Leitzinsen und einem wachsenden Bedürfnis nach Wohnraum ist gefährlich.

Dadurch steigen die Preise.
2008 hat ein durchschnittliches Eigenheim im Kanton Zürich 980'000 Franken gekostet. 17 Prozent der Mieter hätten sich das leisten können. Heute kostet es 1,3 Millionen Franken. Nur noch 10 Prozent der Mieter haben das Geld dafür. Die Nachfrage geht zurück.

Es ist kein Ende der Negativzinsen in Sicht. Werden Sie diese an die Sparer weitergeben?
Die Zürcher Kantonalbank gibt die Negativzinsen differenziert zuerst im Interbankenmarkt und auf Guthaben bestimmter Grosskunden weiter. Für Kleinsparer und Kleinunternehmen sind keine Negativzinsen vorgesehen, solange die Schweizer Nationalbank ihre Politik nicht verschärft. Kleinsparer werden mit einem Null-Prozent-Zins subventioniert. Das hört sich eigenartig an, doch es ist so. Der Marktzins liegt bei -0,75 Prozent.

Wie wahrscheinlich ist eine weitere Senkung der Leitzinsen?
Darauf haben wir keinen Einfluss. Das hängt vor allem vom europäischen Umfeld ab. Nur so viel: Wir haben grossen Respekt vor diesem Szenario.

Weshalb?
Wir haben schon bei der Einführung der Negativzinsen gemerkt, dass selbst Anlageprofis völlig irrationale Anlageentscheide treffen. Wenn plötzlich alle ihr Geld von der Bank abziehen, dann birgt das Risiken für das Bankensystem.

Ist das ein irrationaler Entscheid? Sie bekommen ja bei der Bank keinen Zins.
Bargeld kostet auch, wenn es zu Hause unter der Matratze liegt.

Wollen Sie überhaupt noch neue Kundengelder?
Ja. Wir freuen uns über Kundengelder, die langfristig und nachhaltig bei der Bank bleiben und auch investiert werden.

Die Aktienkurse bei CS und UBS sind sehr tief. Fliehen Grossbankkunden schon zu Ihnen?
Im Moment sehen wir keine Fluchtbewegung zu unserer Bank. Die Aktienkursentwicklung kann nicht mit der Bonität einer Firma gleichgesetzt werden. So sind die Grossbanken heute sicherer als vor der Finanzkrise. Die ZKB gehört zu den sichersten und bestkapitalisierten Banken weltweit.

Wie läuft das Geschäft bei der ZKB?
Unsere Bank ist gut unterwegs. Das 1. Halbjahr hat unsere Erwartungen erfüllt.

Dabei ist das Umfeld schwierig. Die italienischen Banken stehen schlecht da, der Brexit verunsichert, Ex-SNB-Chef Philipp Hildebrand warnt gar vor einer neuen Finanzkrise.
Die Unsicherheit ist gross. Abgesehen von den Schweizer Banken hat die Finanzbranche in Europa seit der Finanzkrise kaum Fortschritte gemacht. Die italienischen Banken stehen exemplarisch dafür. Das ganze Gebilde ist labil. Es kann zu einer Ansteckung der gesamten Branche kommen. Um das zu verhindern, müssen möglichst rasch die italienischen Banken saniert werden.

Wie funktionieren die Ansteckungsmechanismen?
Auch wenn viele Finanzhäuser kein direktes Italien-Risiko in den Büchern haben, so können aufgrund der engen Verzahnung in der Finanzindustrie vermeintlich sichere Banken von der Krise angesteckt werden. Zudem drosselt die Unsicherheit im Markt die Investitionslaune. Businesspläne werden vermehrt sistiert. Das alles schlägt auf das Wirtschaftswachstum durch. Um zu wachsen, braucht es starke Banken. Leider sind wir in Europa in den letzten acht Jahren kaum vom Fleck gekommen. Ausser in der Schweiz. Das sehen wir an dem starken Schweizer Franken und den tiefen Zinsen.

Spüren Sie schon Auswirkungen?
Wir sehen die ersten Kreditrückstellungen. Es handelt sich oft um kleine, lokale Zulieferer, die wenig Bewegungsspielraum haben. Insgesamt ist die Entwicklung nicht dramatisch.

Der Franken ist stark und die Zinsen tief.
Genau. Das ist für die Wirtschaft schwierig. Zudem schlägt dies voll auf unsere Vorsorgewerke durch. Der Generationenvertrag muss jetzt auf den Tisch. Die Jungen können die Last der Rentner bald nicht mehr schultern.

Was meinen Sie?
Einerseits wird gefordert, dass die Menschen länger arbeiten. Andererseits benötigen die Arbeitgeber künftig eher weniger Leute. Wenn die alten Mitarbeiter also länger bei uns bleiben sollen, heisst das, dass wir weniger Junge anstellen können.

Wie sieht Ihr Vorschlag aus?
Es können nicht mehr alle Leistungen für die Rentner finanziert werden. Das bedeutet, die aktiv Versicherten müssen künftig mehr Geld auf die Seite legen. Dafür braucht es vom Staat neue Anreize etwa bei der 3. Säule.

Das ist ein attraktives Geschäft für die Banken.
Es ist nebensächlich, wo das Geld angelegt wird. Wichtig ist, dass das Thema endlich auf den Tisch kommt. Nur ist es politisch heikel und für die Arbeitnehmer schmerzhaft. Daher wird es hinausgezögert.

Die ZKB wartet immer noch auf den Entscheid der US-Steuerbehörde. Wann werden Sie die Busse aus den USA erhalten?
Das Thema beschäftigt uns jetzt schon seit Jahren, und wir hoffen, möglichst bald eine Einigung mit den US-Behörden zu erreichen. Den Zeitpunkt bestimmen aber nicht wir.

Die ZKB hat das Filialnetz ausgedünnt. Das verärgert die Kunden.
Wir haben weiterhin das dichteste Filial- und Automatennetz im Kanton. Ich verstehe, dass es ein emotionales Thema ist und habe das auch persönlich gespürt. Als wir die Filiale im Wohnort meiner Eltern schlossen, mussten sie sich im Dorf einiges anhören.

Ist ein dichtes Netz in der heutigen Zeit nicht ein Luxus?
Das kann man so sehen. Aber es ist für unsere Bank wichtig, präsent zu sein. Die Nähe zu den Kunden ist Teil unserer Marke. Dies bei aller Euphorie um die digitalen Kanäle.

Wird der Hype um die Digitalisierung der Bankgeschäfte nicht übertrieben? Die Bezahl-Apps wie Paymit, mit Beteiligung der ZKB, oder Twint kommen kaum vom Fleck.
Den hiesigen Banken ist es zusammen mit Postfinance gelungen, mit Twint/Paymit ein gemeinsames Produkt auf die Beine zu stellen. Mit ihm wird man nicht nur bezahlen können, es wird auch noch weitere Anwendungen geben. Da sich das Bezahlverhalten der Bevölkerung aber nur langsam verändert, braucht es noch etwas Geduld.

Wann verlieren Sie die Geduld?
Wir verlieren sie nicht, es ist ein längerer Prozess.

Sind automatisierte Anlageprozesse bei Ihnen ein Thema?
Das Anlagegeschäft wäre prinzipiell dafür geeignet, da die Daten in standardisierter Form vorliegen. Im entscheidenden Moment wollen uns die Kunden jedoch in die Augen schauen. Am Tag des Brexit haben wir zahlreiche Kundengespräche geführt.

Wo werden Sie digitalisieren?
Beim Hypothekengeschäft sehen wir Potenzial. Es ist ein riesiger Markt. Das Problem ist aber, dass die Daten nicht durchgehend standardisiert sind. Vieles wird noch von Hand gemacht.

Postfinance ist kürzlich eine Partnerschaft zur Vergabe von Onlinekrediten eingegangen. Auch die UBS scheint an etwas zu arbeiten. Wie sieht es bei der ZKB aus?
Es gibt wohl bei Start-ups oder bestimmten Projekten eine Berechtigung für solche Plattformen. Ich glaube nicht daran, dass das Gros der KMU solche Plattformen künftig nutzt. Die Refinanzierung ist die Lebensversicherung dieser Betriebe. Das machen sie nicht über Lending-Plattformen, sondern mit einem Partner, den sie über Jahre kennen.

Sie waren in der Findungskommission für den Präsidenten der Bankiervereinigung. Was erwarten Sie von Herbert Scheidt?
Der Präsident muss die Mitglieder einen und einen guten gemeinsamen Nenner finden. Es geht um die Interessen eines starken Finanzplatzes.

In den Medien tauchten immer wieder andere Kandidaten auf. Ist der Verband nicht attraktiv genug?
Wir haben innerhalb von nur zweieinhalb Monaten einen Präsidenten gefunden, hinter dem alle Mitglieder stehen. Der Verband ist so stark wie seine Mitglieder.

Herr Scheidt ist ein gebürtiger Deutscher. Verstehen Sie die Debatte darum, ob er der richtige Mann für die Bankiervereinigung ist?
Die Diskussion kann ich nicht nachvollziehen. Herr Scheidt versteht und kennt die Schweiz bestens.

Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie nie Aktivitäten ins Ausland verlagern. Gilt das noch?
Auf jeden Fall. Es gibt nur wenige Bereiche, bei denen sich für uns eine Auslagerung rechnen würde. Ein Informatiker in Polen ist auf dem Papier deutlich günstiger, es werden aber viele andere Kosten nicht beachtet. Wir haben hingegen kurze Wege. Das bringt uns viele Vorteile.

Bei der ZKB wurde der Zahlungsverkehr an Swisscom ausgelagert. Ist das eine Kostensenkungsmassnahme?
Nein. Wir mussten unsere alten Systeme für den Zahlungsverkehr erneuern. Aus Effizienzgründen haben wir uns entschieden, die Entwicklung und den Betrieb des Zahlungsverkehrs auszulagern. Swisscom und die IT-Firma Finnova haben das schon für andere Banken gemacht. Die Einführung ist gegen Ende dieses Jahres geplant.

Gibt es ein Kostensenkungsprogramm?
Nein. Auf die Kosten zu achten, ist Teil unserer Kultur.

Bei Grossbanken gibt es immer wieder Sparprogramme.
Unsere Kultur beruht auf Kontinuität. Wenn sie diese dauernd mit Sparprogrammen durchbrechen, sorgen sie für Verunsicherung. Die Leute haben Angst um ihre Arbeitsplätze und denken zu wenig an die Kunden.

So sieht es aber bei anderen Banken aus.
Das sind Probleme, die wir nicht wollen. Daher schauen wir eisern auf die Kosten.

Erstellt: 22.07.2016, 23:42 Uhr

Zur Person:

Die Zürcher Kantonalbank beschäftigt gegen 5200 Mitarbeiter. Mit einer Bilanzsumme von 154 Milliarden Franken ist sie eine der grössten Banken der Schweiz. Martin Scholl ist seit mehr als neun Jahren ZKB-Chef. Er hat bei der Bank die Karriereleiter vom Lehrling bis zum Konzernchef erklommen und ist sein gesamtes Berufsleben für die ZKB tätig. Scholl ist 54 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern.

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