Teureres GA könnte zum Bumerang werden

Die ÖV-Betriebe denken über eine Preiserhöhung nach. Weil so viele Angestellte verbilligte Abos haben, stellen sich nun heikle Fragen.

Vergünstigtes Abo: Rund 100'000 GA-Besitzer bezahlen nicht den vollen Preis – erkennbar an den alten, blauen Karten.

Vergünstigtes Abo: Rund 100'000 GA-Besitzer bezahlen nicht den vollen Preis – erkennbar an den alten, blauen Karten. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Sein neuer Job, so viel lässt sich schon jetzt sagen, wird kein ­Zuckerschlecken sein. Am 1. Juli wird Helmut Eichhorn Chef der nationalen Tariforganisation CH-direct. In diesem Gremium, dem rund 250 Unternehmen des öffentlichen Verkehrs angeschlossen sind, werden Preise und Sortimente und weitere Spielregeln ausgejasst. Wie unharmonisch es dabei zu- und hergehen kann, zeigte sich jetzt, seit die Pläne für eine Preiserhöhung des Generalabonnements (GA) um bis zu 10 Prozent publik geworden sind.

Angesichts der heftigen Publikumskritik liessen die SBB durchblicken, dass sie eigentlich an keiner Preiserhöhung interessiert seien. Was ja nur dem Credo von SBB-Chef Andreas Meyer entspräche, der sich seit längerem gegen Preiserhöhungen im öffentlichen Verkehr ausspricht.

Die grossen kantonalen Mitjasser wie der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) liessen hingegen durchblicken, dass eine GA-Preiserhöhung notwendig sei, damit sie mehr Flexibilität bei ihrer Preisgestaltung hätten, nämlich nach oben. Die sich aber bei den Verkehrsverbünden nur durchsetzen lässt, wenn das konkurrenzierende GA weniger attraktiv, sprich teurer wird.

Die Roten und die Blauen

Davon muss man erst die aktuell 494'000 «kommerziellen» GA-Kunden überzeugen. Gemäss CH-direct sind in den letzten 12 Monaten 13'000 Neukunden dazugestossen, plus 2,7 Prozent, «was das attraktive Preis-Leistungs-Verhältnis des Produkts unterstreicht», wie CH-direct schreibt. «Kommerziell» bedeutet, dass die Klientel das GA selber bezahlt.

Und hier tut sich für die ÖV-Branche ein weiteres Problem auf. Zu den rund 500'000 Kunden gesellen sich nämlich weitere über 100'000 GA-Besitzer, die nichts oder einen Bruchteil des GA-Preises bezahlen. Sie gehören zur Kundschaft «Fahrvergünstigung Personal» (FVP). Wenn in den Stosszeiten die Passagiere die Nah- und Fernverkehrszüge in der 1. und 2. Klasse stürmen, sind die kommerziellen Kunden an den roten Karten, die FVP an den blauen, alten GA-Karten erkennbar.

Je nach Strecke können die «Blauen» ein Viertel bis zur Hälfte der Passagiere ausmachen, wie Zugbegleiter auf Anfrage bestätigen. Über die Hälfte der «Blauen» sind SBB-Angestellte und deren Angehörige.

Neben den SBB proftieren 259 weitere Unternehmen im ÖV-Umfeld.

Weil das Thema heikel ist, hielten SBB und der Verband öffentlicher Verkehr (VÖV) die Zahlen unter Verschluss. In diesem Frühjahr machte die «SonntagsZeitung» – gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz – das Ausmass publik. Neben den SBB proftieren 259 weitere Unternehmen im ÖV-Umfeld von dieser Möglichkeit. Die Zahlen stammten aus dem Jahr 2017. Wert der vergünstigten GA: 380 Millionen Franken. Für die Angestellten ist das kostenlose oder zumindest verbilligte GA eine Lohnnebenleistung, die sie zu 30 Prozent versteuern müssen, wie der VÖV auf Anfrage erklärt.

Vom Ausmass des Nutzerkreises war offenbar auch das Bundesamt für Verkehr (BAV) überrascht. Das Heikle an der Sache: Im hochsubventionierten regionalen Personenverkehr müssen die verbilligten Tarife den Firmen korrekt in Rechnung gestellt und nicht als Einnahmenverluste den Steuerzahlenden aufgebürdet werden. Bereits im letzten Dezember wies die Behörde die ÖV-Betriebe an, die Sache zu überprüfen.

Wurde sauber abgerechnet?

Die Abklärung, ob hier sauber ­abgerechnet wurde, ist nicht einfach. Am 8. Mai trafen sich Vertreter des BAV und von VÖV/CH-direct. Dabei wurden der Verband und die Tariforganisation erneut an den Nachweis der korrekten Abrechnung erinnert und aufgefordert, den in den letzten Jahren ausufernden Kreis der FVP-Berechtigten zu überprüfen. Der Termin dafür sei «im Sommer», wie aus dem BAV zu hören ist.

Die hohe Zahl an verbilligten GA ist für SBB und Co. auch sonst ein Pferdefuss: Werden die «kommerziellen» Kunden mit Preiserhöhungen zur Kasse gebeten, müssen auch die FVP verteuert werden, was sich bei den ÖV-Unternehmen in höheren Kosten niederschlägt.

Erstellt: 20.05.2019, 09:18 Uhr

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