Wissen, woher das Poulet stammt

Die Stiftung für Konsumentenschutz ist unzufrieden mit der Deklarationspflicht bei Nahrungsmitteln. Sie fordert mehr Transparenz.

Herkunft oft unklar: In Brasilien dürfen Hühner mit Antibiotika behandelt werden. Foto: Rodolfo Buhrer (Reuters)

Herkunft oft unklar: In Brasilien dürfen Hühner mit Antibiotika behandelt werden. Foto: Rodolfo Buhrer (Reuters)

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Die Lasagne fresche des italienischen Herstellers Rana sind bei Coop im Sortiment. Auf die Frage, woher das Fleisch stammt, verweist der Detailhändler auf den Hersteller. Dieser teilt schriftlich mit: «Das Fleisch für unsere Lasagne bolognese beziehen wir aus Dänemark und Frankreich.»

Fleisch aus zwei verschiedenen Ländern? Wer genau wissen will, woher die Rohstoffe der Lebensmittel kommen, tappt oft im Dunkeln. Das Lebensmittelgesetz verlangt, dass der Hersteller, der Importeur oder das Produktionsland angegeben werden. Woher die Rohstoffe stammen, bleibt jedoch oft offen. Weshalb wird die Herkunft der verarbeiteten Lebensmittel nicht angeben? Enthalte ein Produkt beispielsweise Rohstoffe mit wechselnder Herkunft, werde diese nicht aufgeführt, begründet Coop.

Das gleiche Problem stellt sich auch bei Fertiggerichten mit Poulet. Oft steht, dass diese in Frankreich abgepackt wurden. Der Konsument erfährt aber nicht, woher das Fleisch stammt. Es kann also sein, dass es aus Brasilien kommt. Dort ist der Einsatz von Antibiotika bei der Pouletmast erlaubt.

Die wichtigsten Zutaten sollen deklariert werden

Bei den Pelati steht auf der Dose: «Hergestellt in Italien». Es ist aber möglich, dass sie aus China importiert wurden, weil die Volksrepublik inzwischen grösster Produzent von Pelati ist.

«Von vielen verarbeiteten Produkten erfahren die Konsumenten nicht, woher die Zutaten stammen», sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Kon­sumentenschutz. Es gehe aber nicht darum, die Herkunft aller Zutaten zu deklarieren, sondern jene der wichtigsten. Der Konsumentenschutz fordert darum zusammen mit seinen Westschweizer und Tessiner Partnerorganisationen FRC und Acsi mehr Transparenz und laciert heute eine entsprechende Petition.

Bei der Behandlung des neuen Lebensmittelrechts 2017 im Parlament kam die Forderung des Konsumentenschutzes nach einer besseren Deklaration nicht durch. «Darum lancieren wir nun die Petition, um Anbieter wie Coop, Migros, Aldi, Lidl, Denner und Manor zu einer vollständigen Deklaration zu bewegen», sagt Stalder. Die erwähnten Detailhändler erklären, sie würden die Schweizer Gesetze einhalten.

Die Anpassungen des Lebensmittelgesetzes gehen zurück auf den Pferdefleischskandal von 2013. Damals wurde statt Rindfleisch Pferdefleisch in verarbeiteten Produkten wie Lasagne oder Ravioli angeboten. Als Folge davon begannen einige Anbieter, mehr Informationen über die Herkunft des Fleisches in verarbeiteten Produkten wie Lasagne oder Ravioli zu liefern.

Für Sara Stalder reicht das aber nicht. Die Schweiz könne sich nicht mehr hinter der EU verstecken. Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt: In europäischen Ländern geht man weiter mit den Anforderungen an die Herkunftsdeklaration als die Schweiz. Frankreich führte kürzlich die Herkunftsangabe von Fleisch und Milch in den verarbeiteten Lebensmitteln ein. Bei einem Produkt mit mindestens 8 Prozent Fleischanteil von Schaf, Rind, Schwein, Geflügel oder Ziege muss das Land der Geburt, der Aufzucht und der Schlachtung des Tieres angegeben werden.

Bei Milchprodukten müssen Angaben über das Land gemacht werden, in dem die Milch gemolken, verpackt und verarbeitet wurde, falls der Milchanteil mehr als 50 Prozent des Endprodukts ausmacht. In Italien müssen Teigwarenfabrikaten seit Februar die Herkunft von Hartweizen angeben. Das griechische Parlament plant bei der Milch Angaben über das Produktionsland einzuführen.

Lorenz Hirt, Co-Geschäftsführer der Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien, hat sich mit den Verschärfungen der europäischen Lebensmittelgesetze auseinandergesetzt. Sein Eindruck: «Frankreich und Italien verfolgen mit den Verschärfungen ganz klar auch protektionistische Absichten.» Die heutige Regelung in der Schweiz erachtet Hirt demgegenüber als korrekt. Eine strengere Deklarationspflicht in der Schweiz könnte auch zu höheren Preisen führen.

Billig, dafür keine Angaben

Für Kunden soll es laut Hirt auch in Zukunft möglich sein, eine billige Tomatensauce zu kaufen. Der Käufer müsse aber damit rechnen, dass die Herkunftsangabe fehle oder weit gefasst sei und die Pelati also auch aus China stammen könnten. «Kunden, die genauer wissen wollen, woher die Tomaten in der Sauce kommen, können ja teurere Produkte kaufen», sagt Hirt. Wo ein Kundenbedürfnis bestehe, bei dem der Kunde auch bereit sei, den Mehraufwand zu entgelten, gebe es ein Angebot.

Sara Stalder lässt das Preisargument nicht gelten. Coop zeige, dass es auch anders gehe. «Bei vielen Produkten deklariert Coop sehr genau, woher diese kommen. Coop ist also weiter, als es die Lebensmittelgesetzgebung verlangt», sagt sie. Die Preise dieser Produkte seien aber nicht höher als bei vergleichbaren Waren. Coop-Sprecherin Andrea Bergmann widerspricht: «Bei Produkten mit Rohstoffen wechselnder Herkunft müsste jedes Mal das Etikett angepasst werden. Das verursacht Mehrkosten.»

Erstellt: 15.03.2018, 18:02 Uhr

Lebensmittelrecht

Was deklariert werden muss

Am 1. Mai 2017 trat das neue, verschärfte Lebensmittelrecht in Kraft. Seither muss die Herkunft einer Zutat deklariert werden, wenn deren Anteil am Enderzeugnis 50 Prozent, beziehungsweise bei tierischen Zutaten mindestens 20 Prozent beträgt. Oder wenn die Aufmachung beispielsweise bei Teigwaren auf Italien schliessen lässt, die Zutat jedoch aus China stammt. Im Sommer 2014 hatte das Parlament das Gesetz verabschiedet. Danach überarbeitete der Bund das Verordnungsrecht und bezog die Anliegen der betroffenen Kreise mit ein. Dabei versuchte er, ein Gleichgewicht zu finden zwischen den Interessen der Konsumentinnen und Konsumenten und jenen der Wirtschaft. (rag)

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