Die Lieferroboter lassen sich knacken

In Pilotversuchen bringen Roboter Sendungen der Schweizerischen Post direkt bis zur Haustür. In den USA ist es gelungen, einen Roboter desselben Herstellers auszurauben.

So einfach liessen sich die US-Roboter überlisten. Video: Youtube/BuzzFeed News


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Konsumenten möchten bestellte Ware so rasch wie möglich an einem Ort ihrer Wahl empfangen. Um diesem Bedürfnis gerecht zu werden, testet die Post seit ein paar Monaten Drohnen und Lieferroboter. «Wir wollen in der Logistik auch in Zukunft zu den führenden und innovativsten Unternehmen der Schweiz gehören», begründet Post-Sprecherin Léa Wertheimer. Der Lieferroboter eigne sich für Sendungen, die schnell, flexibel und günstig in einer lokalen Umgebung befördert werden sollen. So könnten Apotheken ihre Kunden mit dringend benötigten Medikamenten beliefern oder Restaurants einen Lieferdienst anbieten. Denkbar ist auch die Auslieferung von kleineren Elektronikgeräten oder Modeartikeln.

Doch nun hat es ein Journalist der News-Website Buzzfeed in den USA geschafft, einen Roboter des Herstellers Starship Technologies zu knacken und das darin befindliche Liefergut zu stehlen. Starship ist auch der Hersteller jenes Roboters, den die Post zurzeit in der Schweiz testet. Das Video des Postroboter-Diebstahls ist auf Youtube aufgeschaltet.

Video: Post-Roboter unterwegs

Der Lieferroboter der Post braucht noch Begleitung auf seinem Weg durch die Innenstadt. (Video: Nicolas Fäs)

Der Journalist testete den Diebstahl an einem Roboter, der für die Firma Doordash Lebensmittel ausliefert. Der erste Versuch scheiterte. Beim zweiten Versuch konnte der Journalist die Lebensmittel stehlen, da der Deckel des Roboters nicht gut abgeschlossen war. Weshalb dies der Fall ist, wird im Video nicht gezeigt. Entweder gab es einen technischen Defekt oder eine menschliche Fehlmanipulation vonseiten des Herstellers – oder einen geschickten Diebstahl des Journalisten.

Position jederzeit abrufbar

Muss auch die Schweizer Post befürchten, dass transportierte Güter gestohlen werden können? Die Post wiegelt ab und verweist darauf, dass der Lieferroboter aktuell noch von einer Person begleitet werde und nie allein unterwegs sei. «Der Roboter ist während des Betriebs immer online, wodurch ein Dieb über die eingebauten Kameras gefilmt werden kann, während stets die Position via GPS ermittelt werden kann», sagt Léa Wertheimer. Die Schwelle für einen erfolg­reichen Diebstahl sei also ziemlich hoch.

Doch was passiert, wenn es einem Dieb doch gelingt, den Roboter mitlaufen zu lassen und ihn zu knacken? Die Post will sich nicht dazu äussern, wie sie das Diebstahlrisiko absichern wird. Dafür sei es noch zu früh, da der autonome Betrieb in der Schweiz noch gar nicht zulässig sei. Für die Tests mit dem Lieferroboter hat die Post eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen, die für Ansprüche von Dritten haften würde. Aus taktischen Gründen wollte die Post keine Details zu der Versicherung offenlegen. Eine ähnliche Lösung wie bei Paketen ist denkbar. Hier gilt: Wird ein Paket nicht korrekt zugestellt, also zum Beispiel auf den Briefkasten gelegt, haftet die Post bis zur Höhe des nachgewiesenen Schadens, jedoch höchstens bis 500 Franken. Höhere Haftungssummen gelten mit Zusatzleistungen wie «Fragile», «Signature», «Assurance» oder «Eigenhändig». Bei diesen Zusatzleistungen liegen die Haftungssummen zwischen maximal 1500 Franken und 5000 Franken.

Noch ist es erst ein Testlauf: Ein Roboter der Schweizerischen Post unterwegs in Zürich. Foto: Urs Jaudas (Keystone)

Offen ist, ob das Bundesamt für Strassen den Lieferroboter in der Schweiz zulassen wird. Er kann erst eingesetzt werden, wenn das Parlament eine Gesetzesänderung vorgenommen hat. «Wir gehen davon aus, dass 2019 eine entsprechende Botschaft zu Fahrassistenzsystemen und automatisierten Shuttles im Parlament sein könnte», sagt Thomas Rohrbach, Sprecher des Bundesamts.

Ein breiter Einsatz von Lieferrobotern ist laut der Post in nächster Zukunft wohl nicht zu erwarten. Die flächen­deckende Paketzustellung mit Lieferrobotern abzuwickeln, sei aktuell wirtschaftlich nicht sinnvoll. Holger Greif, Digitalexperte beim Beratungsunternehmen PWC, ist jedoch überzeugt, dass in zwei bis drei Jahren selbstge­steuerte Postroboter auf dem Markt sein werden. «Digitale Errungenschaften benötigen im Verlauf der Zeit immer weniger lange, bis sie im Markt etabliert sind», sagt er und nennt ein Beispiel: Das Fernsehen brauchte 38 Jahre, bis es 1 Million Zuschauer erreichte, das Radio 14 Jahre. Ein neues Onlinespiel benötige heutzutage noch acht Monate, bis es 1 Million Nutzer habe. «Die Geschwindigkeit der Digitalisierung wird immer schneller», sagt Greif. «Die meisten Errungenschaften werden mit Tests eingeführt und danach sehr rasch bewilligt. Konsumenten fordern eine flexible Anpassung an ihre Bedürfnisse.»

«Mehr eine Spielerei»

Doch ob Roboter wirklich der Königsweg sind, um Waren zu den Kunden zu bringen, ist umstritten. Der Detailhandelsexperte Thomas Lang vom E-Commerce-Beratungsunternehmen Carpa­thia sagt: «Postroboter erachte ich nach wie vor mehr als eine Spielerei. Aber sie sind ein Ausloten, was die Technologie zu leisten vermag – wie auch, was die Gesellschaft zu akzeptieren bereit ist.»

Ob Lieferroboter wirklich die Zukunft sind und ob sie auf das Trottoir gehören, ist selbst in Kreisen der Technologiebranche umstritten. Die Post will in digitale Themen investieren, um mit Google oder Apple mitzuhalten. Konkurrenz droht auch von Start-ups und Onlinehändlern, die ihre Logistik stärker selbst in die Hand nehmen wollen. Branchenriese Amazon etwa hat ambitionierte Drohnenpläne; die deutsche Elektromarktkette Mediamarkt testet in Düs­seldorf Lieferroboter des Start-ups Star­ship Technologies – es sind die gleichen Geräte, die auch bei der Post zum Einsatz kommen. «Integrieren wir die neuen Technologien nicht, wird es die Konkurrenz machen», sagt Post-Chefin Susanne Ruoff dazu. «Wir wissen nicht genau, welche Innovationen erfolgreich sein werden, aber wir müssen Neues versuchen.»

Erstellt: 18.01.2018, 22:05 Uhr

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So funktioniert der Roboter

Während eineinhalb Jahren hat die Schweizerische Post einen Lieferroboter in Zürich, Bern, Köniz BE, Biberist SO und Zuchwil SO getestet. Ein weiterer Test läuft zurzeit in Dübendorf ZH. Der Postroboter bewegt sich im Schritttempo. Er scheint ein etwas grosses, ferngesteuertes Modellauto zu sein. Aber der sechsrädrige Bote des estnisch- britischen Herstellers Starship Technologies fährt selbstständig zum Ziel, ohne dass ihn jemand lenkt. Dies kann er dank neun Kameras, vier Ultraschalldetektoren zur Hinderniserkennung, GPS und einer Software, die alle notwendigen Daten sammelt und daraus den besten Weg zum Abgabeort berechnet. Mit jeder Fahrt «lernt» der Lieferroboter dazu und steigert dadurch seinen Autonomiegrad.

Der Roboter kann eine Nutzlast von bis zu 10 Kilo über eine Distanz von 5 bis 6 Kilometern befördern. Kurz vor seiner Ankunft erhalten die Kunden per SMS einen Link, über den sie das Transportfach öffnen, um die Ware zu entnehmen. An heiklen Stellen und bei Unsicherheiten wird der Hersteller über Fernbedienung hinzugeschaltet – beispielsweise um den Lieferroboter zu stoppen. Ein Mitarbeiter von Starship Technologies kann über einen eingebauten Lautsprecher mit Personen im Umfeld des Lieferroboters sprechen.

Die Testfahrten der Schweizerischen Post dauern an, bis sie genügend Daten gesammelt hat. «Wir möchten wissen, wie sich ein solches Fahrzeug in die Logistikkette einbinden lässt, wie die anderen Verkehrsteilnehmer und die Bevölkerung reagieren und welche Bedingungen vorliegen müssen, damit der Lieferroboter dem Kunden auch einen Mehrwert liefert», sagt Post-Sprecherin Léa Wertheimer. Wann die Ergebnisse ver­öffentlicht werden, ist laut der Post noch nicht klar. (rag)

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