Die Migros schaut beim Stehlen zu

Eine junge Frau schmuggelt regelmässig Lebensmittel an Self-Checkout-Kassen vorbei – dann schlägt die Polizei zu. Die Migros setzt künftig auf mehr Überwachung.

An den Self-Checkout-Kassen soll es laut der Migros nicht mehr Diebstähle geben als sonst. (Symbolbild)

An den Self-Checkout-Kassen soll es laut der Migros nicht mehr Diebstähle geben als sonst. (Symbolbild) Bild: Keystone

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Der Anruf kommt Mitte November von einer unbekannten Nummer. Ein Mann mit tiefer Stimme spricht auf die Combox: «Da ist die Kantonspolizei Bern. Bitte zurückrufen.»

Die 16-jährige Anna M.* tut dies in ihrer Mittagspause. Sie müsse zur Einvernahme auf den Polizeiposten, sagt der Mann, die Mutter habe man schon angerufen. Es gehe um Diebstahl. Die Woche bis zum Termin kann Anna M. kaum essen, so nervös ist sie. Am Tag der Einvernahme informiert sie ihren Lehrmeister, dass sie einen Arzttermin habe.

Der Polizist befragt sie über eine Stunde lang. Verschiedene Diebstähle werden ihr angelastet, begangen zwischen Februar und August 2019, alle in der Migros, darunter auch in der Filiale am Bahnhof Bern. Kaugummis hat sie mitgehen lassen, aber auch andere Lebensmittel.

Insgesamt hat sie Waren im Wert von 285 Franken gestohlen. «Die Beschuldigte erfasste an den Subito-Zahlterminals die Einkäufe und stornierte anschliessend einzelne oder mehrere Produkte wieder», steht in der erkennungsdienstlichen Erfassung durch die Polizei. «22 Vorfälle.» Fünf der Diebstähle sind gefilmt worden (lesen Sie auch: Die Tricks der Selfscanning-Betrüger).

Fingerabdrücke und Fotos

Anna M. gibt die Diebstähle sofort zu, auch wenn sie nicht mehr genau weiss, ob jedes der Daten stimmt. «Abstreiten wäre falsch gewesen», sagt sie. Sie unterschreibt jedes Blatt des Befragungsprotokolls, auch Stillaufnahmen der Videos von den Überwachungskameras (lesen Sie auch: So testen Migros und Coop die Ehrlichkeit der Kunden). Nachher wird sie ins Regionalgefängnis Bern geschickt, wo Beamte ihre Fingerabdrücke abnehmen und sie fotografieren.

Von vorne, von der Seite. Die Ohren müsse man sehen, sagt der Beamte. Dann zu ihr: «Jetzt bist du also im Strafregister.» «Das Ganze ist mir so eingefahren», sagt Anna M. «Ich dachte, auf diesem Stuhl ist vielleicht schon ein Mörder gesessen.»

«Mir war nicht bewusst, was meine Handlungen für eine Tragweite haben könnten.»Anna M.

Die 16-Jährige ringt um Worte, wenn sie die Diebstähle zu erklären versucht. «Ich habe mir ehrlich gesagt sehr wenig dabei überlegt.» Geldsorgen habe sie keine – der Lehrlingslohn sei nicht gross, aber genügend. In ihrem Freundeskreis gebe es auch andere, die mal etwas mitgehen liessen. Es sei einfach, fügt sie hinzu. «Mir war nicht bewusst, was meine Handlungen für eine Tragweite haben könnten. Dass ich mich so sehr strafbar mache.»

Der Konsumentenschutz begrüsst auf Anfrage, dass Diebstahl an Self-Checkout-Kassen in gleichem Mass geahndet wird wie Diebstahl im Laden. Teilweise erhalte man bei solchen Kassen erst eine Verwarnung, weil nicht sofort von einem Diebstahl ausgegangen werden könne, sagt Konsumentenschützerin Sara Stalder. Wer an den normalen Kassen klaue, werde hingegen sofort belangt. «Das ist Willkür, denn überall sollten die gleichen Massstäbe benützt werden – auch wenn das Self-Checkout so unattraktiver wird, was die Detailhändler natürlich vermeiden möchten.»

Laut den Aussagen von Anna M. war sie vor dem Anruf der Polizei nie verwarnt worden. Ob das stimmt, sagt die Migros nicht: Auf Anfrage will eine Mediensprecherin zum Fall nicht öffentlich Stellung nehmen. Falls tatsächlich zugewartet worden sei, bis sich die 22 Diebstähle angehäuft hätten, wäre das höchst unüblich, sagt Sara Stalder. «Das wäre quasi Bespitzelung.» Als Kunde brauche man Klarheit. «Sobald ein Detailhändler sicher weiss, dass ein Diebstahl vorliegt, müsste er den Kunden ver­warnen.»

Angehäufte Delikte

Solche Klagen mit gesammelten Delikten seien selten, sagt Ramona Mock, Mediensprecherin der Kantonspolizei Bern. Es könne aber vorkommen, dass es zunächst unklar sei, wer der Täter oder die Täterin sei. «Bis zu drei Monate nach Bekanntwerden der Täterschaft darf man Anzeige erstatten», sagt Mock. «Und in einem solchen Fall darf man auch vorherige Delikte anzeigen.»

Noch steht der Entscheid der Jugendanwaltschaft bezüglich Strafe für Anna M. aus. Bisher hat sie eine Busse von 500 Franken bezahlt und ein fünfjähriges Ladenverbot erhalten. Nicht nur für alle Migros der Schweiz, sondern auch für alle anderen Unternehmen, die der Migros gehören. Also SportXX, Melectronics oder Hotelplan. Selbst das Westside darf sie nicht betreten.

Seit der Einführung von Self-Checkout-Kassen soll es laut Migros nicht mehr Diebstähle geben. Eine repräsentative Studie des Internetvergleichsdienstes Moneyland bei 1500 Personen in der Deutsch- und der Westschweiz hat 2019 das Diebstahlverhalten von Erwachsenen untersucht. Acht Prozent der Befragten gaben dabei an, schon einmal am Self-Checkout absichtlich nicht bezahlt zu haben. Ein Prozent sogar oft nicht.

Künstliche Intelligenz

Zurzeit investiert die Migros in neue Technologien, um besser gegen Langfinger vorgehen zu können. Seit 2019 werden in einer Filiale im Kanton Zürich neue intelligente Kameras getestet. Bisher muss ein Filialdetektiv nach der Ergreifung eines Diebes stundenlang Videomaterial durchforsten, um die Bilder von Diebstählen zu finden.

Wie vermutlich im Fall von Anna M. Die neue Software hingegen soll potenzielle Diebe anhand von Merkmalen wie Haarfarbe, Körpergrösse oder Kleidung erkennen. So können Personen innert dreissig Minuten gefunden werden. Die Idee sei, so eine Mediensprecherin der Migros, der Polizei gerichtsfestes Videomaterial aushändigen zu können.


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Damit folgt die Migros einem Trend in Richtung Überwachung. In Supermärkten von Walmart in den USA analysiert etwa bereits jetzt eine künstliche Intelligenz Bilder in Echtzeit, um Fehler am Self-Checkout sofort zu erkennen. Bewegt ein Kunde ein Stück Fleisch am Scanner vorbei, ohne dass es registriert wird, informiert das System einen Angestellten, der dann interveniert.

«Wir stellen fest, dass je länger, je mehr überwacht wird», sagt Beat Rudin, Präsident der Konferenz der schweizerischen Datenschutzbeauftragten. Die Verhältnismässigkeit hänge dabei mit der konkreten Ausgestaltung des Systems zusammen. Das Risiko einer Persönlichkeitsverletzung sei mit einer automatisierten Gesichtserkennung grösser: «Je nachdem können die Überwacher mehr über die Person herausfinden. Viel mehr.»

* Name geändert

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Erstellt: 14.01.2020, 10:31 Uhr

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