Die Milliarden der Migranten

Einwanderer schicken immer mehr Geld aus der Schweiz in ihre Heimat. Postfinance zieht sich dennoch aus dem Geschäft zurück.

25 Milliarden fliessen aus der Schweiz ab: Ein Büro für Geldtransfers in Delhi. Foto: Anindito Mukherjee (Getty)

25 Milliarden fliessen aus der Schweiz ab: Ein Büro für Geldtransfers in Delhi. Foto: Anindito Mukherjee (Getty)

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Man entdeckt sie in grösseren Städten fast an jeder Ecke. Kleine Läden, in welchen man Geld in jede noch so entlegene Gegend der Welt verschicken kann. Die Dienstleistung wird rege genutzt. Gastarbeiter senden so einen Zustupf nach Hause, sei es nach Fortaleza in Brasilien, Jaffna in Sri Lanka oder Pristina in Kosovo. Alleine aus der Schweiz flossen im letzten Jahr 25 Milliarden Dollar in die Ferne, so die neueste Schätzung der Weltbank.

Experten streiten sich darüber, wie hoch die Geldtransfers exakt sind. Denn die Zahlen sind schwierig zu erfassen, viel Geld fliesst über informelle Kanäle. Einig sind sie sich aber darin, dass das Volumen laufend weiter steigt. Aus gutem Grund. Die Zahl der Migranten nimmt zu. Zudem verfügen die Einwanderer hierzulande inzwischen vielfach über genügend Geld, um davon etwas beiseitezulegen und nach Hause schicken zu können.

Infografik: So viel Geld schicken die Migranten heimGrafik vergrössern

Geldtransfers in die Heimat sind für Banken und spezialisierte Dienstleister ein gutes Geschäft. In den vergangenen Jahren gingen mehrere Schweizer Unternehmen Kooperationen mit grossen internationalen Anbietern ein. So etwa die Kioskbetreiberin Valora mit Money­gram oder die SBB mit Western Union.

Auch bei Postfinance war es bislang möglich, online direkt via Western Union Geld zu versenden. Doch die Partnerschaft läuft auf Ende des Jahres aus, wie die Bank bestätigt. Man richte sich strategisch neu aus. Bargeldtransfers seien kein Bestandteil mehr des neuen Postfinance-Angebots, so ein Sprecher. Für Kunden hatte der Geldversand via Postfinance den Vorteil, dass die Gebühren tiefer waren, als wenn sie den Geldtransfer bei einem lokalen Agenten abwickelten – und einfacher. Western Union kommentiert den Verlust des grossen Partners nicht.

Keinen Zugang zur Bank

Mit Rücküberweisungen verdienen nicht nur die Anbieter gutes Geld, sondern sie sind auch in vielen Ländern ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Laut der OECD liegt ihr Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung von Kosovo bei 15 Prozent. Für Kroatien sind es mehr als 4 Prozent. Am höchsten ist der Anteil in Nepal, er liegt bei über 30 Prozent. Absolut fliesst am meisten Geld nach Indien, es waren letztes Jahr mehr als 65 Milliarden Dollar.

Der Bund sieht das auch so und hat sich zum Ziel gesetzt, dafür zu sorgen, dass die Rückflüsse in der Heimat nicht nur für den Konsum eingesetzt werden, sondern auch für Investitionen genutzt werden. Beispielsweise soll mit dem Geld des Sohnes in der Schweiz die Ausbildung der weiteren Kinder bezahlt oder der Kauf von Solaranlagen unterstützt werden. Oft kommt aber weniger Geld im fernen Land an, als es sich die Migranten in der Schweiz erhoffen. Denn die Gebühren sind mitunter immens. Überweisungen über ein Bankkonto sind meist günstiger als die Geldtransfers, wie Zahlen des Lausanner Vergleichsportals Monito zeigen. Die Dienste der spezialisierten Anbieter werden aber vor allem dort genutzt, wo Menschen über keinen Zugang zu Banken verfügen.

Bei kleinen Beträgen von einigen Hundert Franken, das sind Rücküberweisungen oft, fressen dann die Gebühren einen hohen Anteil weg. Schickt ein Gastarbeiter 200 Franken per Onlineauftrag nach Thailand, dann kostet ihn das beispielsweise bei Western Union fast 17 Franken oder mehr als 8 Prozent. Am Schalter kann es sogar noch teurer werden.

G-20 wollen tiefere Tarife

Die Regierungen der G-20-Staaten haben es sich schon vor Jahren zum Ziel gesetzt, die Kosten für Rücküberweisungen zu senken, etwa durch das Einführen von Obergrenzen. Möglichst bald schon sollen die Gebühren unter 5 Prozent sinken, ab 2030 sollen die Transferkosten weniger als 3 Prozent des versandten Betrags ausmachen.

Geschadet hat das den grossen Anbietern bisher kaum. Zu mächtig sind sie. 500 000 Filialen hat Western Union auf der ganzen Welt. Der US-Konzern schrieb in den zurückliegenden Quartalen jeweils einen Gewinn von 200 bis 300 Millionen Franken. Zwar wächst das Geschäft nicht mehr so rasant wie in den vergangenen Jahren. Dennoch sprechen Marktbeobachter von einem Duopol, das Western Union zusammen mit dem Konkurrenten Moneygram bildet.

Doch die Konkurrenz durch Jungunternehmen nimmt langsam zu. Sie wollen mit günstigeren Tarifen den etablierten Anbietern das Leben schwer machen. Einer der bekanntesten Herausforderer ist das britische Start-up Transferwise. Es hat erst kürzlich vermeldet, dass es weltweit mehr als zwei Millionen Kunden hat.

Der Wettbewerb sorgt für tiefere Tarife und mehr Transparenz. Den neuen Anbietern werden gute Chancen zugesprochen. Transferwise basiert auf einer einfach zu nutzenden Smartphone-App. Es könne sehr schnell gehen, sagt ein Kenner des Markts. Smartphones sind in Entwicklungsländern stark verbreitet, die Leute, die Geld heimschicken, könnten schnell umsatteln. Und sie wollen, dass möglichst viel Geld bei ihren Liebsten ankommt – und nicht bei den Überweisungsdiensten hängen bleibt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.12.2017, 23:07 Uhr

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