Die Nostalgiker irren

Das Buch «Früher war alles schlechter» ist das perfekte Weihnachtsgeschenk für Pessimisten.

Die Menschheit ist heute so wohlhabend, frei und gesund wie nie: Feldarbeit in einer Armenerziehungsanstalt im Gürbetal, Kanton Bern, Juli 1954. Foto: Walter Studer (Keystone)

Die Menschheit ist heute so wohlhabend, frei und gesund wie nie: Feldarbeit in einer Armenerziehungsanstalt im Gürbetal, Kanton Bern, Juli 1954. Foto: Walter Studer (Keystone)

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Verfolgt man die Nachrichten im Fernsehen oder in Zeitungen – auch in dieser – könnte man angesichts von immer neuen Meldungen über Terroranschläge, Unfälle, Verbrechen, Hungersnöte und Wirtschaftskrisen meinen, es gehe mit der Menschheit nur bergab. Doch dies ist falsch, wie der Schweizer «Spiegel»-Journalist Guido Mingels in seinem neusten Werk nachweist. Es wird nicht alles schlechter, sondern im Gegenteil sehr vieles besser. Oder wie Mingels es ausdrückt: «Die guten alten Zeiten sind heute.»

Beispiele gefällig? Die Lebenserwartung in Grossbritannien ist seit 1550 von 39 Jahren auf 81 Jahre gestiegen. Ein Vollzeitbeschäftigter in Deutschland musste 1880 noch 66 Stunden arbeiten, heute sind es 40 Stunden. 1820 lebten mehr als 90 Prozent der Weltbevölkerung in absoluter Armut, die von der Weltbank als Einkommen von 1.90 Dollar pro Tag definiert wird. 1970 waren es noch 60 Prozent, heute sind es nur noch 14 Prozent. Und der Anteil der Menschen, die mehr als 10 Dollar pro Tag verdienen, ist zwischen 1970 und 2010 deutlich gewachsen.

Immer mehr Menschen lesen

Kriegstote, Hungersnöte, Hinrichtungen, Banküberfälle, Massentötungen, Einbrüche, Kindersterblichkeit, Flugzeugabstürze, körperliche Züchtigungen und selbst die Zahl der Toten durch Schusswaffen in den USA – sie alle sind rückläufig. Dafür können rund um den Erdball immer mehr Menschen lesen, sich mehr Wohnfläche leisten, und erstmals lebt seit den Neunzigerjahren mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Demokratien.

Kurzum: Die Menschheit ist so wohlhabend, frei und gesund wie nie. Mingels beschreibt dies in angenehm kurzen, saftig geschriebenen Texten und mit anschaulichen Grafiken. Und er gibt eine überzeugende Erklärung, warum dennoch so viele Leute ein so falsches Bild der Welt im Kopf haben: Es liege zum einen an unserer Neigung zur Nostalgie. Der Mensch behalte nur das Schöne in Erinnerung und glaube deshalb, dass früher alles besser gewesen sei. Gleichzeitig messe er negativen Informationen grösseren Wert zu als positiven – wohl ein Überlebensmechanismus der Evolution, mutmasst Mingels.

«Man muss das ganze Gebäude betrachten.»Guido Mingels

Mitschuldig am weitverbreiteten Irrglauben, dass früher alles besser war, sei nicht zuletzt das kurzfristige Denken. Auch hier gibt Mingels ein einleuchtendes Beispiel: Die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland stieg im August 2016 gegenüber Juli. Doch langfristig gesehen, ist nicht Alarmstimmung, sondern Optimismus angesagt: 2016 kamen siebenmal weniger Menschen auf Deutschlands Strassen um als 1970. Es kommt also darauf an, wie man hinblickt. Oder wie Mingels schreibt: «Man muss das ganze Gebäude betrachten.» Sein Buch ist das perfekte Weihnachtsgeschenk für unverbesserliche Pessimisten.

Erstellt: 04.12.2017, 12:15 Uhr

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Buch

Guido Mingels: Früher war alles schlechter. Warum es uns trotz Kriegen, Krankheiten und Katastrophen immer besser geht. DVA, München 2017. 124 S., 21.90 Fr.

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