Die Ökostadt lässt auf sich warten

Masdar City soll die Stadt der Zukunft werden: eine nachhaltige Wohn- und Arbeitsstätte mitten in der Wüste. Doch mit der Umsetzung des Projekts tun sich die Scheichs in Abu Dhabi schwer.

So soll die Stadt der Zukunft einmal aussehen, wenn sie fertig ist. Visualisierung: Siemens

So soll die Stadt der Zukunft einmal aussehen, wenn sie fertig ist. Visualisierung: Siemens

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Die Fahrt nach Masdar City gleicht einer Szenerie, wie man sie aus alten amerikanischen Filmen kennt: neue Strassen, moderne Infrastrukturbauten – und viel Platz. Von Dichtestress, Stau und voll besetzten Parkplätzen (noch) keine Spur.

Masdar City ist eines der kühnen Projekte, das man sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) ausgedacht hat. Die Föderation mit den weltweit siebtgrössten Ölvorkommen bereitet sich auf die Zeit nach dem «schwarzen Gold» vor und wandelt sich zum Touristen-Hotspot. Im Emirat Dubai, wo einst Beduinen die Wüste durchquerten, stehen heute das welthöchste Gebäude und das teuerste Hotel. Daneben locken künstliche Inseln, riesige Shoppingmalls und eine Skihalle. Auch das Emirat Abu Dhabi steht dem nicht nach. Hier gibt es Luxushotels, das neue Kunstmuseum Louvre und Attraktionen wie Ferrari-World, Wasserpark und eine Formel-1-Rennstrecke.

Alle Bauten der Superlative haben eines gemeinsam: Sie sind weniger als 20 Jahre alt. Da überrascht es, dass ein Prestigeprojekt Abu Dhabis auf sich warten lässt: die Ökostadt Masdar City. 2006 wurde die Vision des nachhaltigen Wohn- und Arbeitszentrums mitten im Wüstenstaat vorgestellt. Wenig später gingen die Bauarbeiten los. Laut Plänen sollte Masdar City mit einer Fläche von 6 Quadratkilometern mittlerweile fertig gebaut sein und rund 50'000 Menschen sowie 1500 Unternehmen und Organisationen aus der Ökologiebranche beheimaten. Doch die Realität ist weit davon weg, wie ein Besuch vor Ort zeigt. Erst ein paar wenige Gebäude sind gebaut. Diese umfassen knapp 3000 Arbeitsplätze. Die einzigen Bewohner in Masdar City sind rund 350 Studenten.

Boomregion für Tech-Konzern

Siemens lud Ende November einige Journalisten nach Masdar City zu einer Pressereise ein, an der auch diese Zeitung teilnahm. Siemens ist ein wichtiger Partner des Zukunftsprojekts. «Verschiedene Produkte und Technologien von uns werden hier eingesetzt, um Energie zu sparen und effizient zu nutzen», sagt Manuel Kuehn, Verantwortlicher VAE bei Siemens. Stark gefragt ist die Konzernsparte Siemens Building Technologies (BT), die ihren Hauptsitz in der Stadt Zug hat. Die Gebäudetechnologie ermöglicht beispielsweise die Über­wachung und Regulierung des Energieverbrauchs in Liegenschaften. Durch Sensorsteuerungen werden die Storen der Sonneneinstrahlung angepasst, das künstliche Licht bedarfsgerecht ein­gestellt und der Energieaustausch zwischen den Räumen reguliert.

Siemens ist aber nicht nur Technologiepartner von Masdar City. Das deutsche Unternehmen hat vor knapp vier Jahren in der Stadt sein Hauptquartier für die Region «Middle East» eröffnet. Im mehrstöckigen Gebäude arbeiten 800 Personen. Beim Bau wurden nachhaltige Materialien und modernste Gebäudetechnik eingesetzt. So verbraucht die Liegenschaft bis zu 50 Prozent weniger Energie und Wasser als andere Bauten gleicher Grösse. Aufgrund seiner Öko­bilanz ist es das erste LEED-Platinum-zertifizierte Gebäude in Abu Dhabi.

Siemens hat sein regionales Hauptquartier in Masdar City. Foto: Alamy Stock Photo

Zu «Siemens Middle East» gehören 15 Länder des afrikanisch-arabischen Raums – von Libyen bis Pakistan. In der Boomregion beschäftigt das Unternehmen 8000 Personen, 2600 davon in den VAE. Der Konzern will sich die Chance, bei den vielen Infrastrukturbauten und Pionierprojekten im Bereich Zukunftstechnologien dabei zu sein, nicht entgehen lassen. So ist beispielsweise der erste Testbetrieb für autonom fliegende Lufttaxis in Dubai geplant. Und in der saudiarabischen Hauptstadt Riad entsteht ein fahrerloses U-Bahn-System – das Auftragsvolumen für Siemens beträgt 1,5 Milliarden Euro. «Wir sind hier in einer der wenigen Regionen der Welt tätig, in der sämtliche Wertschöpfungsprozesse der Elektrifizierung vorkommen», sagt Manuel Kuehn. Dabei rückt auch in den arabischen Ländern die Energiegewinnung aus Sonne, Wind und Wasser vermehrt in den Vordergrund.

Ganz ohne Erdöl

Masdar City soll dereinst ganz ohne Erdöl auskommen. Die Solaranlage liefere mehr Strom, als die bisher errichteten Gebäude verbrauchen, erklärt Chris Wan bei einem Rundgang durch die Stadt. Der Engländer asiatischer Herkunft ist als Architekt am Projekt beteiligt. Neben dem Siemens-Hauptsitz sind erst fünf weitere Gebäude fertig gebaut. In einem ist die Hochschule untergebracht. Das Bildungsinstitut widmet sich der Nachhaltigkeit auf der Basis erneuerbarer Energien. Nach Masdar City hat auch die Internationale Organisation für erneuerbare Energien (Irena) ihren Hauptsitz verlegt. Weiteres Leben kommt laut Chris Wan in den nächsten Wochen hinzu, wenn das erste Wohn­gebäude mit 500 Wohnungen bezogen wird.

Weshalb ist Masdar City nicht längst fertig gebaut? Chris Wan gibt verschiedene Gründe an. Zum einen erklärt er, dass das Projekt komplizierter sei, als man erst angenommen habe. Im Bereich nachhaltige Technologien habe es in den vergangenen Jahren grosse Fortschritte gegeben, die berücksichtigt werden mussten. Wan räumt aber auch Planungsdefizite ein. «Wir wollten Privatfahrzeuge ganz aus der Innenstadt verbannen, mussten jedoch davon abkommen», sagt er. Trotz der Strassenbahn, die durch alle Stadtteile führt, wollen die künftigen Einwohner nicht auf ihr eigenes Fahrzeug verzichten. Deshalb mussten die Pläne mit mehr Strassen und Tiefgaragen direkt vor den Häusern überarbeitet werden.

Natürlich haben auch die Finanzkrise und der tiefe Ölpreis die VAE mit ihren tollkühnen Plänen etwas gebremst (das Land erhebt übrigens ab nächstem Jahr erstmals eine Mehrwertsteuer von 5 Prozent). Verglichen mit dem Tempo, mit dem man in Dubai künstliche Luxusinseln und den 828 Meter Wolkenkratzer Burj Khalifa gebaut hat, erstaunt jedoch der langsame Fortschritt bei Masdar City. Das lässt darauf schliessen, dass Nachhaltigkeit immer noch anderen Prioritäten untergeordnet wird.

Gut möglich, dass in Masdar City bald doch noch der Turbo gezündet wird. Denn vor kurzem hat Saudiarabien seine Pläne für die Ökostadt Neom vorgestellt. Sie soll 500 Milliarden Dollar kosten und viermal so gross wie der Kanton Graubünden werden. Der Abschluss der ersten Bauphase ist für 2025 geplant.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2017, 21:44 Uhr

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