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Die Schweizer kommen zurück

Weil die Terrorangst schwindet, buchen Touristen wieder Ferien in Ägypten und Tunesien. Auffällig: Ausgerechnet Millennials gehen wieder vermehrt ins Reisebüro.

Tunesien zieht nach dem Terroranschlag von 2015 nun wieder Touristen an: Urlauber am Strand von Djerba. Foto: Chris McGrath (Getty Images)
Tunesien zieht nach dem Terroranschlag von 2015 nun wieder Touristen an: Urlauber am Strand von Djerba. Foto: Chris McGrath (Getty Images)

«Tunesien ist eine typische Sommerdestination», sagt Martin Wittwer, CEO des grössten Schweizer Badeferienveranstalters TUI Suisse. Wenn er in die Auftragsbücher der Juli/August-Hochsaison blickt, dominieren dort Buchungen für Ziele wie Spanien, Griechenland, Italien, Kroatien oder Zypern. Aber auch die Tunesien-Statistik leuchtet im Vergleich zum Vorjahr satt grün auf. «Für die bei Schweizern beliebte Halbinsel Djerba verzeichnen wir gegenüber 2016 ein Gästeplus um 70 bis 80 Prozent», sagt Wittwer. Im Norden des Landes hatte im Juni 2015 ein islamistischer Terrorist das Feuer auf Badegäste eröffnet, was die Einreisezahlen zwischenzeitlich total zusammenbrechen liess.

Ministerium ist zuversichtlich

Nun kehren allerdings nicht nur Schweizer zurück, wie das tunesische Tourismusministerium feststellt. Den Aufschwung bestätigt denn auch das Land selbst. In den ersten acht Monaten von 2017 habe die nationale Ferienbranche gegenüber dem Vorjahr ein Plus europäischer Gäste von 16 Prozent registriert und ihren Umsatz um 19 Prozent verbessert, verkündete die tunesische Tourismusministerin. Bis Ende Jahr soll das Plus auf 30 Prozent anwachsen, was 6,5 Millionen Gästen entspräche. Im Rekordjahr 2010 reisten 6,9 Millionen Urlauber nach Tunesien.

Schnelle Abreise: Britische Touristen verlassen Tunesien nach dem Attentat in Sousse. (27. Juni 2015)
Schnelle Abreise: Britische Touristen verlassen Tunesien nach dem Attentat in Sousse. (27. Juni 2015)
Keystone
Eine britische Touristin wartet auf die Abfertigung in Sousse.
Eine britische Touristin wartet auf die Abfertigung in Sousse.
Keystone
Tiefe Trauer: Eine Touristin legt Blumen nieder beim Tatort. Der Strand des Hotels ist leer. Die Tunesier befürchten, dass nach dem Massaker die Urlauber ausbleiben werden. (27. Juni 2015)
Tiefe Trauer: Eine Touristin legt Blumen nieder beim Tatort. Der Strand des Hotels ist leer. Die Tunesier befürchten, dass nach dem Massaker die Urlauber ausbleiben werden. (27. Juni 2015)
Keystone
Eine Kerze und ein deutscher Brief mit berührenden Worten am Tatort. (27. Juni 2015)
Eine Kerze und ein deutscher Brief mit berührenden Worten am Tatort. (27. Juni 2015)
Keystone
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Positive Signale für volle Flüge in den bevorstehenden Herbstferienwochen sendet neben Tunesien auch ein anderes Sorgenkind der Branche aus: Ägypten. Dort ist der Trend zum Guten noch dynamischer, weil das Land am Roten Meer traditionell mehr Schweizer Touristen anzieht als Tunesien.

Bei TUI Suisse spricht man von einem gelungenen Comeback Ägyptens. Die Zahlen seien um 60 Prozent besser als 2016 und bereits wieder auf dem Niveau von früher. Vielversprechend klingt es auch bei anderen Anbietern. ITS Coop Travel und Hotelplan Suisse registrieren für Ägypten je ein Gästeplus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Grosse Erwartungen im Oktober und zur Weihnachtszeit

Entsprechend gross sind die Erwartungen für den Oktober und die Weihnachtszeit, weil Ägypten in dieser Jahreszeit klimatisch besonders angenehm ist. «Speziell beliebt ist Hurghada, das unzählige Wassersportler, Taucher und Kitesurfer anzieht», sagt Martin Wittwer, der selber regelmässig in Soma Bay am Roten Meer seine Ferien verbringt. Erst im Juli dieses Jahres wurden in Hurghada deutsche Touristinnen von mutmasslichen Terroristen mit Messern attackiert, eineinhalb Jahre zuvor zwei Österreicher und ein Schwede.

Vergessen werden solche Ereignisse von der reisenden Kundschaft nicht, sagt Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands (SRV). Das bestätigen die Ergebnisse einer aktuellen repräsentativen Umfrage, wonach «Unruhen und Terror» von 51 Prozent der Schweizer als grösstes Sicherheitsrisiko auf Reisen eingestuft wird. Trotzdem werde viel gereist. «Statt vor solchen Ängsten zurückzuweichen und die Ferien abzusagen, gehen wieder mehr Leute ins Reisebüro, um sich professionell beraten zu lassen», zitiert Kunz eine weitere Erkenntnis der Studie. Speziell der Anteil der jungen Millennials bei der Reisebürokundschaft habe zuletzt stark zugenommen.

Nachgeholfen wird der Reiselust in verschiedenen Fällen auch mit satten Vergünstigungen. Bekannt ist dies vor allem aus der Türkei, wo Tausende Hoteliers als Folge des zuletzt massiven Geschäftseinbruchs ihre Preise stark heruntergerissen haben. Die Folge sei eine signifikante Erholung der Gästezahlen am Bosporus gegenüber dem Vorjahr, wie die Welttourismusorganisation ­UNWTO in ihrer Halbjahresbilanz kürzlich offengelegt hat.

Bei den Schweizer Veranstaltern herrscht in Sachen Türkei indes noch Zurückhaltung. «Nach Einbussen im 2016 können wir das Gästeniveau in diesem Jahr auf dem gleichen Niveau halten. Vor allem Stammgäste und Last-Minute-Reisende haben dazu beigetragen, dass die Südtürkei in diesem Sommer immerhin auf Platz 6 der meistgebuchten Ferienziele lag», sagt Martin Wittwer von TUI.

Noch keine Wende

Das Vorjahresniveau halten kann in der Türkei auch Kuoni. Dagegen gingen bei Hotelplan Suisse die Buchungen zurück. Für die Herbstferien rechne sie aber noch mit einigen Last-Minute-Geschäften, sagt eine Sprecherin. Bereits recht gut sei die Herbstnachfrage für Türkeireisen bei ITS Coop Travel, wie Geschäftsführer Andi Restle bestätigt. Gleichwohl gebe es noch immer freie Plätze zu Tiefpreisen.

Der islamischen Ferienländer scheinen ihren Schrecken für die Schweizer Ferienkundschaft gegenwärtig etwas zu verlieren. Um die Gunst der Stunde zu nutzen, legen Reiseveranstalter wie Kuoni und TUI Suisse für Ägypten jetzt sogar kurzfristig Zusatzflüge auf.

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