Die Städte sind Gewinner der Öffnung

Ländliche Regionen sind gegenüber Zuwanderung und wirtschaftlicher Öffnung negativer eingestellt als die Metropolen. Sie haben auch deutlich weniger davon.

In der Schweiz profitieren die Städte stärker als das Land von Globalisierung, technologischem Wandel und Migration. Foto: Valérie Chételat

In der Schweiz profitieren die Städte stärker als das Land von Globalisierung, technologischem Wandel und Migration. Foto: Valérie Chételat

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Der Gegensatz zwischen Stadt und Land erhält seit Jahren eine neue Brisanz. Und dies weltweit. Populistische und nationalistische Parteien haben ihren grössten Zulauf auf dem Land. London war entschieden gegen den Brexit, in New York City sprach sich nur eine Minderheit für den Stadtbürger Donald Trump aus. Ein ähnliches Muster zeigt sich auch in Europa.

Und hierzulande: «In der Schweiz waren die Unterschiede im Wahlverhalten zwischen den Städten und dem Land noch früher sichtbar als anderswo», sagt der Politgeograf Michael Hermann. Und er ergänzt: «Die Unterschiede zeigen sich vor allem bei Abstimmungen, bei denen es um die Öffnung und Anpassungen nach aussen geht, wie bei jenen zur Masseneinwanderung, zur Selbstbestimmung oder zum Waffenrecht.» Die Differenzen würden sich aber nicht erst weit weg der Städte zeigen: «Schon zwischen Stadtkern und Rand der Agglomeration zeigen sich grosse Unterschiede», sagt Hermann.

Der Vorteil der Cluster

Vor allem die Unterschiede in der Einstellung zur Öffnung und zur Zuwanderung gehen aber auch auf unterschiedliche Auswirkungen dieser Entwicklungen zurück: Denn insgesamt sind es in erster Linie die Städter, die davon profitieren – wenn auch nicht alle. Das Muster lässt sich am Beispiel von Basel verdeutlichen: Wirtschaftlich bildet die Stadt einen grossen sogenannten Cluster für Pharma und Biotechunternehmen.

Das Wissen in diesem Bereich ist dort besonders konzentriert, ebenso die nötigen Zulieferer und Fachleute. Experten für chemische Verbindungen oder biologische Prozesse sind viel produktiver in der Entwicklung von Medikamenten, wenn sie mit anderen Experten zusammenarbeiten. In einem Cluster siedeln sich deshalb auch Unternehmen des gleichen Bereichs an, was den Cluster noch innovativer und wettbewerbsfähiger macht. Und wenn Fachleute aus dem Ausland zuwandern, profitieren im Cluster ebenfalls alle von einer höheren Produktivität und höheren Löhnen. Wandern dagegen weniger Qualifizierte ein, sind sie eher eine Konkurrenz für entsprechende Beschäftigte und sorgen deshalb für Lohndruck.

«Schon zwischen Stadtkern und Rand der Agglomeration zeigen sich grosse Unterschiede.»Michael Hermann, Politgeograf

Diese Entwicklungen bestätigen Studien für die Schweiz und die jüngsten Daten der Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für Statistik (BFS): Für die Herstellung von pharmazeutischen Erzeugnissen wird in der Nordwestschweiz mit Basel als Zentrum mit 10851 Franken der höchste Monatslohn (Median) der Schweiz bezahlt. Der Median ist jener in der Mitte der Lohnverteilung. Dieser Lohn ist um zwei Drittel höher als der Schweizer Durchschnittslohn von 6500 Franken. Im Finanzdienstleister-Cluster in der Region Zürich liegt der höchste Medianlohn im Finanzbereich bei 10235 Franken. Weil das BFS keine Lohndaten unterhalb von Grossregionen ausweist, wird der Lohn in den Städten vermutlich noch unterschätzt.

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Schaut man sich die Löhne der gleichen Berufsgruppen in anderen Regionen an, sind sie zuweilen deutlich tiefer. Im Tessin liegt der Medianlohn eines Pharmabeschäftigten bei nur 5383 Franken. Und nicht jede Schweizer Stadt verfügt über einen grossen Cluster wie zum Beispiel Bern. Der höchste Lohn in der dortigen Grossregion (Espace Mittelland) wird mit 9304 Franken in der Telecombranche bezahlt, und insgesamt werden dort die zweittiefsten Löhne (vor dem Tessin) bezahlt. Aber auch in anderen Städten profitieren nicht alle. Denn die höhere Zahlungsfähigkeit der gut ausgebildeten Besserverdienenden führt dort zu höheren Preisen. Das zeigt sich vor allem bei den Mieten. Viele werden deshalb in die Vororte verdrängt.

Der Vorteil der Kleinheit

Immerhin haben die Stadt-Land-Differenzen in der Schweiz nicht das Ausmass wie in anderen Ländern erreicht: «Die regionalen Disparitäten in der Schweiz gehören zu den geringsten unter den OECD-Staaten», hält eine Studie der Wirtschaftsorganisation der Industrieländer fest. Ein wichtiger Grund dafür ist die Kleinheit des Landes. Auch die Metropolen sind viel kleiner als in anderen Ländern, und ihr Anteil an der Wertschöpfung ist deutlich geringer. Im OECD-Länderdurchschnitt wird 63 Prozent des Bruttoinlandprodukts in Metropolen mit mehr als 500'000 Bewohnern erzielt. In der Schweiz sind es nur 35 Prozent. Die Nähe zu Zentren ermöglicht zudem Cluster in Gegenden, die als ländlich gelten – wie der Pharmacluster in der Innerschweiz. Das erklärt die dort hohen Branchen-Monatslöhne von 10'339 Franken.

Dass es angesichts der Kleinheit des Landes nicht zu einem grösseren Ausgleich kommt, hat einen Grund: «Die Mobilitätsbereitschaft ist in der Schweiz im internationalen Vergleich überraschend gering», sagt der Ökonom Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF). «Leute mit höherer Bildung haben dagegen automatisch eine höhere Mobilität, da sie oft an entfernte Ausbildungsplätze reisen müssen», ergänzt Siegenthaler.

Die ökonomischen Differenzen haben kulturelle zur Folge: Es kann in einer grösseren Stadt vorkommen, dass ein immer grösserer Teil der Leute sich hauptsächlich in Englisch oder dann Hochdeutsch austauscht. Dazu kann der Eindruck entstehen, dass die Eliten in den Städten ihren internationalen Beziehungen eine grössere Bedeutung zumessen als ihrem eigenen Land mit seiner Geschichte und seinen Institutionen. Die Reaktion darauf ist dann erst recht eine Betonung der nationalen Eigenheiten und eine Tendenz zur Abschottung bei jenen, die sich als Verlierer empfinden.

Erstellt: 02.06.2019, 22:26 Uhr

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