Die US-Regierung zündelt am Ölmarkt

Die Benzinpreise in der Schweiz haben bereits angezogen, noch bevor das Öl knapper wird. Macht Saudiarabien die Ausfälle wett?

Zentral für den iranischen Export: Der Ölterminal auf der Insel Charg im Persischen Golf. Foto: Abedin Taherkenareh (Keystone)

Zentral für den iranischen Export: Der Ölterminal auf der Insel Charg im Persischen Golf. Foto: Abedin Taherkenareh (Keystone)

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Der Blick aller Akteure im Ölgeschäft ist derzeit auf Saudiarabien gerichtet. Wie wird sich das Königreich verhalten, nachdem die US-Regierung beschlossen hat, den Iran faktisch vom Ölmarkt zu verbannen? Werden die Saudis in die Bresche springen, sprich: ihre Ölförderung steigern und so eine Angebotsverknappung nach dem iranischen Lieferausfall wettmachen? Dies ist die meistdiskutierte Frage unter Ölhändlern und -analysten.

«Die Antwort darauf hat wesentlichen Einfluss, wie sich der Ölpreis in nächster Zeit verhalten wird», sagt David Suchet, Sprecher der Erdöl-Vereinigung. «Falls Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate tatsächlich die Volumina des Iran kompensieren, spricht eigentlich nichts für eine weitere Verteuerung des Ölpreises.» Eine Preisprognose mochte Suchet aber nicht abgeben, zu vieles sei momentan in der Schwebe. Denn abgesehen vom Ausfall Irans, gibt der Sprecher der heimischen Öllobby zu bedenken, «könnte es zu ungeplanten Lieferunterbrüchen in Libyen und Nigeria kommen, bedingt durch Unruhen».

Preissprung am Ölmarkt

In den vergangenen Wochen ist der Benzinpreis in der Schweiz laut Suchet bereits «um ein paar Rappen gestiegen», und im Vergleich zum Jahresbeginn sei es an einigen Tankstellen zu Preiserhöhungen um mehr als 10 Rappen gekommen. Dies geschah vor dem Hintergrund deutlich verteuerter Ölnotierungen: Die Nordsee-Referenzsorte Brent verzeichnete seit Beginn dieses Jahres einen Preisanstieg um 38 Prozent.

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Allein in den letzten sechs Tagen bis gestern Dienstag haben die Brent-Notierungen um gut 4 Prozent auf 74.60 Dollar je Fass zugelegt. Gut möglich also, dass Autofahrer noch höhere Spritrechnungen gewärtigen müssen. Gemäss einer Faustregel dauert es ungefähr zwei Wochen, bis sich Preisveränderungen auf den Ölmärkten an den heimischen Zapfsäulen niederschlagen.

Grund für den jüngsten Preissprung ist der Entscheid der Vereinigten Staaten vom Montag, die im letzten November verhängten Ölsanktionen gegen den Iran nochmals zu verschärfen. Seinerzeit hatte Washington für acht Länder befristete Ausnahmebewilligungen zum Bezug von iranischem Öl erteilt. Mit diesen Ausnahmen soll nun am 2. Mai Schluss sein – wogegen die Marktakteure überwiegend mit einer nochmaligen Verlängerung der Sonderbewilligungen gerechnet hatten.

China schert wohl aus

Der völlige Marktausschluss der Islamischen Republik bedeutet theoretisch, dass sich das Ölangebot um rund 1 Million Fass pro Tag verkleinert. Offen ist jetzt, wie einzelne der betroffenen acht Länder angesichts ihrer ablaufenden Ausnahmegenehmigungen reagieren werden. China, das zuletzt rund die Hälfte des exportierten iranischen Öls bezog, liess noch am Montag verlauten, man werde die einseitig von den USA ausgesprochenen Sanktionen nicht respektieren.

Deutliche Kritik am Vorgehen der US-Regierung äusserte zu Wochenbeginn auch die Türkei, und ihr Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte im letzten Jahr erklärt, sein Land werde das Iran-Ölembargo ignorieren. Aus der türkischen Wirtschaft sind indes andere Töne zu vernehmen: Dort würde man lieber auf iranisches Öl verzichten, um nicht erneut in einen Wirtschaftskonflikt mit den USA zu geraten.

Aus dem Umfeld des indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi hiess es gemäss Medienberichten, man werde sich den verschärften US-Sanktionen wohl beugen und Ausschau nach anderen Öllieferanten halten. Was die übrigen «Ausnahmeländer» betrifft – Griechenland, Italien, Taiwan, Japan und Südkorea, mithin allesamt US-Verbündete –, so dürften sie sich dem Iran-Boykott anschliessen, wenn sie es nicht bereits getan haben.

Die Saudis ausgetrickst

Ist somit anzunehmen, dass die US-Regierung ab Mai eine weitgehend geschlossene Boykott-Front gegen das Mullah-Regime wird errichten können, so muss sie nun noch Saudiarabien mit ins Boot holen. Für den weltweit grössten Ölexporteur bedarf es im Verbund mit den Vereinigten Arabischen Emiraten keiner gewaltigen Anstrengung, um die Förderkapazitäten im Ausmass der erwarteten iranischen Lieferausfälle hochzufahren.

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Die Saudis hatten sich im letzten Jahr aber schon mal die Finger verbrannt, als sie auf Wunsch der USA ihre Ölproduktion um über 1 Million Fass pro Tag ausweiteten, bevor Washington die Iran-Sanktionen verkündete. Da niemand mit den besagten Ausnahmebewilligungen für iranische Ölabnehmer gerechnet hatte, war plötzlich zu viel von dem schwarzen Gold auf dem Markt. In der Folge rauschte der Ölpreis zwischen Anfang November und Ende Dezember 2018 um fast ein Drittel in die Tiefe.

Doch selbst wenn sich Saudiarabien noch einmal von den USA einspannen lässt, um Preisausschläge am Ölmarkt abzufedern, bleibt eine Unwägbarkeit: Sollte der Iran seine Drohung wahr machen und die Strasse von Hormus militärisch abriegeln, gäbe es für Tanker mit saudischem Öl kein Durchkommen mehr.

Erstellt: 23.04.2019, 22:48 Uhr

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