Aus dem Handelsstreit ist ein Sojakrieg geworden

Die politischste Pflanze der Welt: Ein Besuch bei Bauern im chinesischen Hebei und im US-Bundesstaat Ohio.

Vieles können die Bauern bestimmen – die Politik allerdings nicht: Sojabohnenernte in Princeton, Illinois (USA). Foto: Bloomberg via Getty Images

Vieles können die Bauern bestimmen – die Politik allerdings nicht: Sojabohnenernte in Princeton, Illinois (USA). Foto: Bloomberg via Getty Images

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Das Schlachtfeld im Dorf Neue Freude in der Provinz Hebei misst hundert ­chinesische Mu, das sind fast sieben Hektaren. Gleich hinter dem Ortsschild beginnt es, vom lehmigen Feldweg ­hinüber bis zu den Pappeln, deren ­Wipfel man im Smog der Stahlwerke nur erahnen kann. Hüfthohe Pflanzen stehen dicht an dicht, Reihe für Reihe.

In ein paar Tagen wird Bauer Lu Kuan sie ernten. Dann wird er mit dem ­Mähdrescher der Kooperative über den Acker pflügen, die Stängel kappen, die Bohnen dreschen, die wohl nirgendwo auf der Welt so begehrt sind wie hier. «Dadou», die grosse Bohne, wie Bauer Lu sie nennt. Gerade ist sie die wahrscheinlich politischste Pflanze der Welt.

Sojabohnen, wissenschaftlich Glycine max, gehören zur Familie der Hülsenfrüchtler, Unterfamilie: Schmetterlingsblütler. Seit Jahrtausenden trocknen die Menschen sie als Viehfutter, seit Jahrzehnten pressen sie ihr Öl. Ihre Stängel sind fein behaart, die Hülsen fest und grün, darin liegen drei pralle Samen. Oder vier. Oder fünf. Je nach Sorte der Pflanze sind sie unterschiedlich gross und schwer.

Lu Kuan trägt Badelatschen

Lu ist 38 Jahre alt, er sitzt auf einem Holzschemel auf dem Dorfplatz. Die Weststrasse des guten Glücks führt hier vorbei. Er trägt Badelatschen und ein ausgeblichenes Walt-Disney-Shirt, seine Haut ist braun gebrannt. Die Bauern in seinem Dorf haben eigentlich immer dasselbe angepflanzt. Im Herbst Weizen, im Sommer Mais, im Herbst wieder Weizen. Jahrzehntelang.

Inzwischen sind Güter für mehrere Hundert Milliarden Dollar mit Zöllen belegt, auch Sojabohnen aus den USA.

Jetzt ist das anders. Während in Peking der Volkskongress tagte, stellte das Landwirtschaftsministerium den nationalen «Sojabohnen-Revitalisierungsplan» vor. Wer Sojabohnen anpflanzt, bekommt staatliche Unterstützung. 235 bis 270 Yuan pro Mu, dreimal mehr als für Mais. Allein in diesem Jahr haben die Bauern in China ihre Anbaufläche um 10 Millionen Mu vergrössert, 2020 kommen laut Plan weitere 10 Millionen hinzu. Insgesamt ­sollen es dann 140 Millionen Mu sein. Eine Fläche doppelt gross wie die Schweiz voller Sojabohnen.

Anfang 2018 begann der Handelsstreit zwischen den USA und China. Erst ging es um Zölle auf Solarzellen und Waschmaschinen, dann auf Stahl und Aluminium, dann reagierten die Chinesen und erhoben Zölle im Wert von 3 Milliarden Dollar auf 128 amerikanische Produkte. Ein ewiges Hochgeschaukel. Alle paar Monate wird seitdem verhandelt. Diese Woche wird wieder verhandelt, diesmal in Washington. Bislang war alles vergeblich. Inzwischen sind Güter für mehrere Hundert Milliarden Dollar mit Zöllen belegt, auch Sojabohnen aus den USA. Aus dem Handelsstreit ist ein Sojakrieg geworden.

Bret Davis grillt Rinderhälften

In Delaware im Bundesstaat Ohio steht Bret Davis in einem Feld aus Sojapflanzen, sie reichen ihm bis zu den Knien. Er zieht an einem Stängel, reisst ihn raus, klopft die Erde von den Wurzeln, fährt die Triebe entlang. Dann zählt er die Bohnen in den Hülsen. Eins, zwei, drei. «So wollen wir, dass sie aussieht.» Davis ist 59 Jahre alt, ein Mann so gross wie ein Traktorrad. Er brät kein Tofu, er grillt Rinderhälften. Bauern, sagt er, seien ein ganz eigener Schlag Menschen. Sie würden nicht über Sorgen sprechen, sie seien stolz, und vielleicht sind sie hier umso stolzer, in den USA, wo alles mit Pathos aufgeladen ist. Und so sagt Bret Davis nicht, dass er Sojasamen sät und Bohnen erntet, er sagt: «Ich ernähre die Nation.»

Und dann spricht er doch über seine Sorgen. Seit 1880 gehört die Farm der Familie, schon als Kind sass er bei ­seinem Vater auf dem Schoss und lenkte den Traktor. Der Vater hatte 300 Hektaren, auf die sprühte er Dünger und hoffte, dass die Pflanzen den auch brauchten. Er trocknete die ­Blätter, ­verfütterte sie an die Kühe, manchmal verkaufte er ein paar Scheffel Bohnen an Leute aus den Nachbarorten. Es war alles immer auch ein bisschen Zufall.

Nirgendwo auf der Welt wird mehr Soja verbraucht als in China. 87 Prozent aller Bohnen werden importiert.

Ohio gehört zum Mittleren Westen der USA, einer Region, die die Amerikaner an den Küsten gerne «flyover states» nennen. Maisfelder, Weizenfelder, Sojafelder. Kein Grund, zu landen. Die Farm von Bret Davis liegt etwas ausserhalb von Delaware, wo die Kleinstadt kein Schachbrett mehr ist und die Strassen Namen haben. Für ihn ist das hier Kernland. Heartland.

Seine Sojapflanzen brauchen 26 Grad tagsüber, 20 Grad nachts und im Idealfall jede Woche 20 Millimeter ­Regen auf die halbe Hektare. Er schickt ihre Blätter in ein Labor, wo sie untersucht werden, dann gibt er Schwefel, Stickstoff, Phosphor zu. Davis sagt, er liebe Technik. Zu seinem Hof gehören 1370 Hektaren, er verkauft an Händler irgendwo in den Vereinigten Staaten, und die ­verkaufen die Bohnen weiter. Nur: Wohin? Nach China?

Vor der Krise war dort die Nachfrage gewaltig. Mehr als 85 Millionen Tonnen kauften chinesische Unternehmen im Ausland zu, besonders gerne in den USA. Viele amerikanische Bauern pachteten extra Felder. Und nun müssen Leute wie Bret Davis, die alles getan haben, um den Anbau zu perfektionieren und den Zufall auszuräumen, lernen, dass sie doch nicht alles bestimmen können. Politik zum Beispiel.

Im August forderte die Regierung in Peking staatliche Unternehmen auf, den Kauf von amerikanischen Agrarprodukten vorübergehend einzustellen. Keine Bohnen mehr, egal zu welchem Preis. Fast zur selben Zeit verkündete die chinesische Zollverwaltung, dass künftig die Einfuhr von Sojabohnen aus Russland gestattet sei.

Wu Shaojin hofft auf die Russen

Genau darauf hat Wu Shaojin seit mehr als einem Jahr gehofft. «Ich danke Trump sehr. Ich denke, er ist der schlechteste Präsident in der amerikanischen Geschichte.» Wu ist 50 Jahre alt, bis vor ein paar Monaten hat er als Immobilienmakler gearbeitet, jetzt hat er ein Büro in einem heruntergekommenen Verwaltungsgebäude in der ostchinesischen Hafenstadt Qingdao. «Handelskriege haben keine Gewinner. Am Ende geht es darum, wer weniger verliert.» Wu hält kurz inne. «Noch habe ich kein Geld verdient, aber der Handelskrieg ist meine grosse Chance.»

Nirgendwo auf der Welt wird mehr Soja verbraucht. Die Chinesen dünsten die Bohnen, brauen daraus Sosse, sie entwässern den Quark und pressen ihn zu Tofu, sie brauchen die Bohnen für Speiseöl und als Tierfutter. 87 Prozent aller Sojabohnen werden importiert, aus Brasilien, Argentinien, vor allem aber aus den Vereinigten Staaten. Selbst wenn der nationale Bohnenplan greift, müssen noch immer mehr als 80 Prozent zugekauft werden.

Ein sehr beliebtes Produkt aus Sojabohnen: Tofu, hier in einer Schweizer Produktionsstätte (Archivbild). Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Gerste, Weizen, Sonnenblumen, Leinsamen, Raps, Senfkörner und Buch­weizen pflanzen die Russen für Wu an. Und Sojabohnen. «Meine Firma ist wie eine chinesische Plattform für das russische Unternehmen, wir haben keine Lagerbestände. Wir importieren, wenn Aufträge vorliegen», sagt Wu. Die Bohnen werden mit dem Zug zum Hafen gefahren, mit Schiffen hergebracht, von Wladiwostok nach Qingdao. Wu sieht zufrieden aus.

Ein treuer Republikaner

Am anderen Ende der Welt, in Delaware, Ohio, schaut Bauer Bret Davis auf sein Feld. Er redet lieber über Sojabohnen als über Politik, aber weil das eine mit dem anderen zusammenhängt, dreht er den Stängel in seiner Hand und fängt an. Er habe immer für den republikanischen Kandidaten gestimmt. Für George W. Bush, John McCain, Mitt Romney. ­Donald Trump habe er gewählt, weil er ein Geschäftsmann war.

Am Anfang, sagt er, habe er noch Verständnis gehabt. Trump musste den Chinesen zeigen, dass die USA nicht ­alles mit sich machen lassen. Aber ­vielleicht habe er den Handelsstreit nicht zu Ende gedacht. Er mag vielleicht ein knallharter Verhandler sein. Aber auf der anderen Seite des Tisches sitzt jemand, der noch knallhärter verhandelt. Während die Chinesen Soja aus Brasilien und bald auch aus Russland kaufen, hat Bret Davis Sorge, dass er im Herbst auf Berge aus Bohnen schaut, die niemand will.

Davis hat sich Gedanken darüber ­gemacht, was er im nächsten Jahr anbauen will. Mehr Mais. Mehr Weizen. Deutlich weniger Soja. Über die genauen Anteile entscheidet er Ende des Jahres. Und über noch etwas anderes entscheidet er kurz vorher: wen er 2020 wählen wird. Es ist ein hingenuschelter Satz, aber es ist auch ein erstaunlicher – bisher wusste er es immer.

Streng nach dem Mondkalender

In der Provinz Hebei hat Bauer Lu Kuan wie immer Anfang Juni ausgesät, streng nach dem chinesischen Mondkalender. «In diesem Jahr war zeitgleich Gaokao», sagt er. Gaokao ist die grosse Prüfung des Lebens. Ein Test, zwei Tage, von dem in der Volksrepublik fast alles abhängt. Zehn Millionen Schüler nehmen daran teil. Wer gut abschneidet, darf eine der Eliteuniversitäten in Shanghai oder ­Peking besuchen.

Auf dem Land, im Dorf Neue Freude, ist das alles weit weg. Die grosse Prüfung für Lu war immer die Frage, wie er über die Runden kommt. In diesem Jahr, das ist jetzt schon klar, kommt er ziemlich gut über die Runden. Es hat reichlich geregnet. Nun sind seine Bohnen so weit, mit etwas Glück erntet er 400 Kilogramm pro Mu, 1000 Yuan bekommt er dafür, gut 140 Franken.

Umgerechnet in amerikanische Scheffel, verdient er dann ziemlich ­genau einen Dollar pro Scheffel mehr als Bret Davis in Delaware. Um Abnehmer für seine Bohnen wird er sich keine Sorgen machen müssen.

Erstellt: 08.10.2019, 13:29 Uhr

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