Wie Spanien aus der Krise fand

Von der wirtschaftlichen Lage der Spanier können die Griechen nur träumen. Dennoch bleiben Probleme.

Die Löhne liegen in Spanien trotz Erholung noch immer 30 Milliarden Euro unter dem Höchstwert von vor 2008: Zwangsräumung einer Wohnung in Madrid.

Die Löhne liegen in Spanien trotz Erholung noch immer 30 Milliarden Euro unter dem Höchstwert von vor 2008: Zwangsräumung einer Wohnung in Madrid. Bild: Andrea Comas/Reuters

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Dieses Jahr wird Spanien erstmals wieder ein Produktionsniveau wie vor der Finanzkrise erreichen. Im Juli wird laut Oxford Economics das statistische Amt verkünden, dass das Bruttoinlandprodukt (BIP) für das laufende Jahr den letzten Höhepunkt aus dem Jahr 2008 übertreffen werde – und das bereinigt um die Preisniveau-Änderungen. Davon kann etwa Griechenland nur träumen. Dessen BIP liegt mit 26 Prozent noch immer mehr als ein Viertel tiefer als im Jahr 2008.

Spanien war mit Griechenland und Irland jenes Land, das von der Finanz- und der Eurokrise besonders hart getroffen wurde. Zeitweise ging auch hier die Sorge um, sein Verbleib in der Währungsunion könnte gefährdet sein. Vor der Krise erlebte Spanien wie Irland einen gigantischen Boom vor allem im Bau- und Immobiliensektor. Deshalb sah damals auf den ersten Blick alles rosig aus: Die jährlichen realen Wachstumsraten bewegten sich ab dem Jahr 2000 zwischen 3 und 4 Prozent, und weil das auch die Steuereinnahmen sprudeln liess, sank die spanische Staatsverschuldung am Vorabend der Krise auf 35,5 Prozent. Das heutige Vorzeigeland Deutschland wies dagegen eine Bruttoverschuldung von 64 Prozent aus und hielt damit noch nicht einmal die eigentlich vorgesehene Höchstgrenze von 60 Prozent ein.

Die Geldgeber wollten ihr Geld zurück

Die damals unbeachtet gebliebene Kehrseite der Medaille waren einerseits eine massiv angestiegene private Verschuldung, immer unvorsichtigere Banken, massive Fehlinvestitionen und immer weiter steigende Aussenhandels- bzw. Leistungsbilanzdefizite, die im Jahr 2008 den Höchststand von 9,6 Prozent, gemessen am BIP, erreichten. Das Land importierte deutlich mehr, als es exportierte, und liess sich das vom Ausland – durch deutsche und angelsächsische Banken – finanzieren.

Mit der Finanzkrise ab 2008 und erst recht mit der Eurokrise ab 2010 kam dann der grosse Schock: Die Kapitalzufuhr versiegte nicht nur: Die Geldgeber wollten ihr Geld zurück. Das Zinsniveau stieg drastisch an, das Wachstum brach ein. Die Banken strauchelten und waren bald akut vom Zusammenbruch gefährdet. Die Arbeitslosigkeit schnellte von 8,2 Prozent im Jahr 2007 auf fast 25 Prozent im Jahr 2014 hoch.

Anders als in Spanien (und Irland) waren in Griechenland nicht massive Fehlinvestitionen in den Immobiliensektor und verantwortungslose Banken das Hauptproblem für die Krise. Vielmehr war es der Staat, der in den Boomjahren überbordete, was sich (anders als in Spanien oder Irland) in massiven Budgetdefiziten und einer Verschuldung niederschlug, die sich 2007, am Vorabend der Krise, auf 103 Prozent, gemessen am Landes-BIP, belief.

Spanien profitierte vom Export

Die Krise sorgte dann allerdings in allen Krisenländern und damit auch in Spanien und in Griechenland für eine massive Verschlechterung der staatlichen Verschuldung. Für das letzte Jahr schätzt sie der Internationale Währungsfonds (IWF) in Griechenland auf rund 180 Prozent und in Spanien auf rund 100 Prozent des BIP. Damit war der relative Anstieg mit fast einer Verdreifachung der Verschuldung in Spanien sehr viel dramatischer als in Griechenland.

Darin liegt ein Grund für den grösseren Erfolg von Spanien, der Krise wieder zu entkommen. Zwar mussten auch die Spanier massive Einschnitte hinnehmen, aber nicht in einem Ausmass, wie es die Griechen tun mussten – und was die griechische Wirtschaft noch weiter ins Straucheln brachte. In fast allen Jahren seit 2010 haben die Griechen das Staatsbudget deutlich stärker reduziert als die Spanier. Das zeigt sich in der Betrachtung mit oder ohne Zinsausgaben und stimmt auch, wenn man konjunkturelle Ursachen herausrechnet (im sogenannten strukturellen Staatsbudget). Dass die Verschuldungsquote so stark stieg, liegt am drastisch eingebrochenen BIP.

Doch allein darin liegt der Erfolg von Spanien nicht begründet. Anders als die Griechen konnten die Iberer auch sehr viel mehr vom Export profitieren. Das Leistungsbilanzdefizit von 9,3 Prozent, gemessen am BIP, verwandelte sich gemäss Oxford Economics bis ins Jahr 2017 in einen Überschuss von 1,3 Prozent. Griechenland schreibt nach wie vor ein Defizit, laut IWF von 0,6 Prozent, gemessen am BIP im Jahr 2016. Das ist aber immerhin eine deutliche Verbesserung im Vergleich zum Jahr 2008, als es noch bei 15 Prozent lag.

Exporte wurden durch Inlandprodukte ersetzt

Der Exporterfolg von Spanien geht einerseits auf Reformen im Arbeitsmarkt zurück, die dort zu mehr Flexibilität und tieferen Arbeitskosten geführt haben, aber auch auf die Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar seit der Krise. Die Überschüsse verdanken sich aber auch dem Umstand, dass seit der Krise die Importe Spaniens deutlich zurückgegangen sind. Das gleiche Bild zeigt sich in Griechenland. Das ist einerseits der Krise geschuldet, weil die Ausgaben sowohl für inländische wie für importierte Güter zurückgegangen sind, aber auch der sogenannten Importsubstitution. Das heisst, die Inländer ersetzen importierte Produkte durch eigene.

Während Griechenland nach wie vor in der Rezession verharrt und Spanien hohe BIP-Wachstumsraten ausweist – laut IWF sollen sie sich in den letzten zwei Jahren auf über 3 Prozent belaufen –, gibt es auch in Spanien keinen Grund zum Jubel. Das liegt nicht nur an der bereits erwähnten nach wie vor sehr hohen Staatsverschuldung. Noch dramatischer ist noch immer die private Verschuldung, die sich laut Statistikamt Eurostat auf rund 160 Prozent des BIP beläuft. Das grösste Problem aber bleibt die Arbeitslosigkeit, die Quote liegt gemäss Zahlen vom Mai noch immer auf 18,2 Prozent (Griechenland 23,5 Prozent), die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 40,5 Prozent (Griechenland 48 Prozent).

Viele einst Beschäftigte finden überhaupt nicht mehr zurück auf den Arbeitsmarkt. Sie erhalten auch keine Arbeitslosenunterstützung mehr und nur noch eine Zahlung von der Regierung im Umfang von wenigen Hundert Euro. Der Druck auf die Löhne – mit ein Grund für den Exporterfolg – lastet weiter auf den Beschäftigten. Die Löhne liegen insgesamt noch immer um 30 Milliarden unter dem letzten erreichten Höchstwert. Ihr Anteil am BIP ist um 3 Prozent geschrumpft. Das wieder aufgeholte BIP ist damit sehr ungleich verteilt. Das gewachsene Elend und die ungleiche Verteilung der erreichten Wirtschaftserfolge haben in Spanien genauso eine anhaltende soziale und politische Sprengkraft wie in Griechenland.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2017, 18:39 Uhr

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