Die zehn einflussreichsten Schweizer Ökonomen

Nationalbank-Chef Thomas Jordan schaut am Morgen als erstes auf den Frankenkurs, Professorin Dina Pomeranz ist ein Twitterstar: die Top 10 der Wirtschaft.

SNB-Präsident Thomas Jordan im Gespräch mit Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde.

SNB-Präsident Thomas Jordan im Gespräch mit Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde. Bild: Keystone

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Ernst Fehr, der Starökonom

Der in Zürich lehrende Ernst Fehr ist der Star der Schweizer Ökonomen. Er zählt zu den einflussreichsten Ökonomen des deutschsprachigen Raums und weltweit zu den führenden Forschern in der Verhaltensökonomie. Immer wieder wurde er auch als Anwärter auf den Nobelpreis gehandelt. Sein Einfluss auf die Wirtschaftspolitik ist zwar indirekt, aber kaum zu überschätzen. Dank des Einflusses von Fehr wurde in Zürich das UBS International Center of Economics in Society mit einer Stiftungssumme von 100 Millionen Franken durch die UBS begründet. Die dort lehrenden Ökonomen geniessen auf ihrem jeweiligen Gebiet in internationalen Fachkreisen höchstes Ansehen. (mdm)

Thomas Jordan, der Gelddrucker

Der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) verkörpert im Unterschied zu seinem Vorgänger den Typus des nüchternen Bankers. Er ist bis zur Langweiligkeit sachlich, wenn er seine Geldpolitik verteidigen muss. Den entscheidenden Einfluss übt er abseits der Öffentlichkeit aus. Er dürfte sich bewusst sein, dass die SNB bei der Verteidigung eines vernünftigen Frankenkurses Risiken eingegangen ist wie noch nie in ihrer Geschichte. Offen zugeben würde er das nie. Dass er als Erstes am Morgen den Frankenkurs über sein Handy überprüft, glaubt man ihm sofort. Ob wir deshalb ruhiger schlafen können? Wir hoffen es natürlich. (fi)

Rudolf Strahm, der Kolumnist

Man sieht ihn selten im Parlamentsbetrieb in Bern. Der Alt- Nationalrat (SP, BE) und frühere Preisüberwacher Rudolf Strahm hat solche Auftritte nicht nötig. Fehlentwicklungen kommentiert er direkt gegenüber jenen, die es betrifft. Mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga verbindet ihn noch immer viel, obwohl er vehement in Abrede stellt, Einfluss auf sie auszuüben. Notfalls benutzt er seine Zeitungskolumne für eine seiner gefürchteten Standpauken.Darin legt er – ganz der gelernte Chemiker – präzis die Lage dar. Damit geht er seinen Parteigenossen manchmal auf die Nerven, etwa wenn er darauf hinweist, dass Migration etwas kostet und Ängste verursacht, die der SP nicht egal sein sollten. (fi)

Eric Scheidegger, der Mahner

Der Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik ist das ordnungspolitische Gewissen im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Er bremst alle neuen Regulierungen – sogar dann, wenn es sich um vom Parlament überwiesene Vorstösse wie jene für eine Regulierungsbremse handelt. In der «Volkswirtschaft», seinem hauseigenen Publikationsorgan, legt er Monat für Monat dar, dass Eingriffe des Staates genau überlegt werden müssen, bevor man sie in Angriff nimmt. Ab und zu lieferte er sich mit der Entourage des abtretenden Bundesrates Johann Schneider-Ammann eine Auseinandersetzung um ordnungspolitische Grundsätze. Es ist zu hoffen, dass auch der neue Departementschef auf ihn hört. (fi)

Dina Pomeranz, die Debattiererin

Mehr als 39000 Follower aus der ganzen Welt – besonders aus Fachkreisen – hat die 41-jährige Schweizer Ökonomin auf Twitter. Im Stundentakt liefert die Professorin und internationale Expertin für Entwicklungsländer Beiträge zu neuen und weltweit diskutierten ökonomischen Erkenntnissen und Debatten weit über das eigene Fachgebiet hinaus. «Was kann die Ökonomie zur Politik beitragen?» war das Thema ihrer Antrittsvorlesung. Das Wirkungsgebiet von Pomeranz, die an der Harvard-Universität in Boston ihren Doktor gemacht hat, ist die Universität Zürich, genauer das von Ernst Fehr mitbegründete UBS International Center of Economics in Society. (mdm)

Christoph Schaltegger, der Überzeugungstäter

Er ist die ökonomische Nüchternheit in Person, scheut sich aber nicht davor, wirtschaftspolitisch klar Stellung zu beziehen. Im vergangenen Jahr engagierte sich der Luzerner Professor stark gegen die erneute Revision der Unternehmensbesteuerung, die mit einer Erhöhung der Lohnab­züge für die AHV verknüpft wurde, um sie mehrheitsfähig zu machen. Schaltegger rechnete vor, wie die Steuerreform ihr Ziel, die Steuern auf ein international konkurrenzfähiges Niveau zu senken, verfehlt und der Geldsegen für die AHV die strukturellen Probleme der Vorsorge nicht löst. Man wollte nicht auf ihn hören. Kommt das Referendum gegen die Vorlage zustande, könnte er trotzdem recht bekommen. (fi)

Reiner Eichenberger, der Ideenliferant

Es gibt fast kein Problem, auf das Reiner Eichenberger nicht eine ökonomische Antwort hätte. Die Abklärung von Kosten und Nutzen von Politik ist seine Leidenschaft. Kaum ein Schweizer Ökonom zeigt derart überraschend auf, dass Ökonomie eine praktische Sozialwissenschaft ist, deren Denkansatz sich auf viel mehr als die Wirtschaft anwenden lässt. Wenn Fussball-WM ist, schlägt er neue Regeln für spannendere Verlängerungen vor – mit nach und nach abnehmender Spielerzahl. Sein Vorschlag, die Migration mit einer Zuwanderungssteuer zu lenken, ist überraschend einfach, in der Politik hatte bis jetzt niemand den Mut, ihn aufzugreifen. (fi)

Monika Bütler, die Rechnerin

Um die St. Galler Wirtschafts­wissenschaftlerin ist es ruhiger geworden, wohl weil sie ein Sabbatical bezieht. Mit ihr ist jedoch weiterhin zu rechnen. Auf Fragen antwortet sie gerne mit Daten und Fakten. Bütler hat sich im Bereich der Sozialversicherungen hervorgetan und Vorschläge ausgearbeitet, um mit Anreizen die Lage von Betroffenen zu verbessern. Sie rechnete zudem aus, dass es sich für Frauen oft nicht lohnt zu arbeiten, weil die Kosten für Kita und zusätzlich zu bezahlende Steuern höher sind als das Erwerbseinkommen. Im Sommer kürte die NZZ sie zur einflussreichsten Ökonomin der Schweiz. (fi)

Tobias Straumann, der Generalist

Wenige andere Fachleute wurden in den letzten Jahren zu allen grossen Fragen rund um die Wirtschaftsentwicklung so oft von Medien und Unternehmen konsultiert wie der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. Während die Ökonomenzunft zunehmend zum Spezialistentum für Details tendiert, ist seine Spezialität noch immer der Überblick: Was macht die Nationalbank, wie stabil ist der Euro, wohin entwickelt sich China, warum werden Bauern subventioniert? Es sind dies Themen von Artikeln, die Straumann unter anderem auf dem Onlineportal des «Tages-Anzeigers» verfasst hat. Derzeit ist er als Kolumnist für die «NZZ am Sonntag» tätig. (mdm)

Daniel Lampart, der Lohnschützer

Der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) ist wesentlich dafür verantwortlich, dass sich die Gewerkschaften und die SP im letzten Sommer gegen das Rahmenabkommen mit der EU stellten. Lampart will keinen Lohnwettbewerb. Für die Gewerkschaften gibt es in dieser Frage kein Zurück mehr. Auch der neue SGB- Präsident Pierre-Yves Maillard übernahm Lamparts Argumentation. Solange die flankierenden Massnahmen verwässert werden, gibt es die Koalition «Alle gegen die SVP» nicht mehr. In der Vergangenheit brachte diese Allianz jede EU-Vorlage seit dem EWR an der Urne durch. (fi)

Erstellt: 28.12.2018, 23:21 Uhr

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