Dieser Konzern-Boss wirbt fürs Grundeinkommen

Joe Kaeser ist Chef von Siemens und hat als solcher 350'000 Menschen unter sich. Warum er jetzt aufs Gratis-Geld kommt.

«Die Gesellschaft muss dafür sorgen, dass die Menschen versorgt sind». Siemens-Chef Joe Kaeser.

«Die Gesellschaft muss dafür sorgen, dass die Menschen versorgt sind». Siemens-Chef Joe Kaeser. Bild: Michael Probst/Keystone

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Es ist eine lustige Leistungsschau: Ein zweiarmiger Roboter schenkt im Wintergarten des Berliner Adlon-Hotels Weissbier aus, samt Hefe-Schwenk zum Ende. In Kneipen werden solche Maschinen eher nicht Einzug halten, dort wollen sich Menschen ja begegnen. Aber der Weissbier-Roboter erinnert daran, dass schlaue Maschinen theoretisch den Barmann ersetzen könnten, so wie sie schon jetzt oder bald Lokomotivführer, Telefonisten oder Fabrikarbeiter ablösen. Das Ende der Barkeeper? Ein Roboter schenkt an der Hannover Technologie-Messe ein Bier ein. Foto: Nigel Treblin/ Reuters

Bis zum Jahr 2025 werden 1,5 Millionen traditionelle Arbeitsplätze in Deutschland verschwinden und durch eine in etwa gleich grosse Zahl von anspruchsvollen Computerbedienjobs ersetzt, hat das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit gerade prognostiziert.

Als Konsequenz dieses digitalen Wandels fordert jetzt Siemens-Chef Joe Kaeser eine bessere soziale Absicherung für die Menschen. Es würden absehbar «einige auf der Strecke bleiben, weil sie mit der Geschwindigkeit auf der Welt einfach nicht mehr mitkommen», warnte Kaeser auf dem Wirtschaftsgipfel der «Süddeutschen Zeitung». Auf sie warten könne man jedoch nicht, denn dann würden Deutschland und Europa verlieren. Also müsse die Gesellschaft dafür sorgen, «dass die Menschen versorgt sind»; sie müssten sehen: «Da ist einer da, der hilft mir.» Deshalb werde «eine Art Grundeinkommen völlig unvermeidlich sein».

Video – Gratis-Zehnernötli am Zürcher Hauptbahnhof (März 2016)

Die Grundeinkommen-Initianten gingen auf Stimmenfang.

Damit greift Kaeser auf, was auch auf den Podien und auf den Fluren des Wirtschaftsgipfels immer wieder zur Sprache kam: die grossen Gefahren, die effiziente, leistungsfähige Computer für die Weltgesellschaft mit sich bringen. Als in einem Panel über Künstliche Intelligenz (KI) diskutiert wurde, stellte Yvonne Hofstetter fest: «Die Schere geht immer weiter auf, die menschliche Arbeit hat immer weniger Anteil an der Produktivität.» Ausgerechnet sie, die Gründerin eines KI-Dienstleisters, also gewissermassen eine Profiteurin dieser superschnellen Rechner, mahnte eine Systemdebatte an: «Kann man weiter die Arbeit so stark besteuern, oder muss man nicht schauen, ob man oben beim Kapital etwas macht?»

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Chris Boos, der ebenfalls mit hochintelligenten Maschinen Geld verdient, sekundiert: «Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Weg, den notwendigen gesellschaftlichen Wandel vom Erhalt zum Neubau so zu gestalten, dass er sozialverträglich wird.»

Ein Roboter als Baumeister: Das ETH Gebäude Arch_Tec_Lab zeigt, wie man in Zukunft baut.

Nun reden seit ein, zwei Jahren auch Konzernchefs immer mal wieder vom Grundeinkommen, das bedeutet: Man bekommt vom Staat ein halbwegs anständiges Leben finanziert, selbst wenn man keine Arbeit hat. Dass aber nun auch Siemenschef Kaeser dies einfordert - das ist neu. Und es zeigt, wie sehr sich die Wirtschaftslenker bewusst sind, dass ihr früheres Beschwichtigen nicht die Realität abbildet.

Wie soll ein Grundeinkommen finanziert werden?

«Künstliche Intelligenz kann den Menschen Raum für kreative Tätigkeiten und Ideen geben», sagte Infosys-Chef Vishal Sikka auf dem Kongress. Aber auch er mahnt: Das Tempo, in dem Menschen sich qualifizieren müssen, beschleunige sich, die Fähigkeit der Menschen, sich Kenntnisse anzueignen, bleibe jedoch gleich. Es brauche also einen Puffer, der den Menschen Zeit gibt.

Wie jedoch soll der Puffer aussehen? Wie soll etwa ein Grundeinkommen gestaltet sein und finanziert werden? Und selbst wenn alle hoch qualifiziert wären: Fände wirklich jeder einen Job? Und was ist mit all denen, die sich mit Bildung und Lernen eher schwer tun? Alles unklar.

Nicht jeder ist ein Software-Ingenieur

Gerade in solch unruhigen Zeiten brauche es besonders gelassene Menschen, die Ruhe hineinbringen, sagte VW-Vorstand Andreas Renschler, der mit Kaeser auf der Bühne über die richtigen «Vorbilder» diskutiert. Der Neurobiologe Gerald Hüther prognostizierte, dass künftig die gewinnen werden, «die noch etwas wollen - und Maschinen können nichts wollen». Aber Hüther verbindet das mit der Frage: Wofür wolle man gewinnen? Was ist das Geschenk der Erfolgreichen, von uns, an die Welt? Deutschland und Europa könnten Vorbild sein, eigentlich Unvereinbares friedlich zusammenzubringen, fordert der Hirnforscher.

So funktioniert der neue Postroboter: Wie die Paketzustellung in Zukunft in der Schweiz aussehen könnte.

Joe Kaeser pflichtete bei. Und mahnt mit Blick auf den Wandel bei den Jobs: «Wenn wir diese Geisteshaltung der Inklusivität nicht schaffen», dann könne man die Digitalisierung der Industrie sein lassen: «Weil die Gesellschaft das nicht respektieren und akzeptieren kann. Weil nicht jeder auf dieser Welt Software-Ingenieur ist.»

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 21.11.2016, 10:19 Uhr

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