Dieser Mann verschaffte Beckenbauer Fifa-Millionen

Die Bundesanwaltschaft ermittelt nun auch in einem zweiten brisanten Fall. Über einen umstrittenen Berater flossen Fifa-Millionen an Franz Beckenbauer.

Glückliche Zeiten: Franz Beckenbauer (links) und Fedor Radmann posieren im Jahr 2000 gemeinsam, als bekannt wurde, dass die Weltmeisterschaft im Jahr 2006 in Deutschland stattfinden würde.

Glückliche Zeiten: Franz Beckenbauer (links) und Fedor Radmann posieren im Jahr 2000 gemeinsam, als bekannt wurde, dass die Weltmeisterschaft im Jahr 2006 in Deutschland stattfinden würde. Bild: Reuters

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Unauffällige zivile Autos fuhren vor, und eine Gruppe von Männern in Anzügen begann, Aktenmaterial aus einem Appenzeller Bauernhaus zu tragen. Gestern Donnerstagnachmittag herrschte Hektik in einer ruhigen Nebenstrasse des 6000-Einwohner-Orts Teufen AR. Die Schweizer Justiz durchsuchte das private Anwesen von Fedor Radmann. Der bekannte Sportvermarkter ist eine der grauen Eminenzen des Weltfussballs und gilt als Vertrauter Franz Beckenbauers. Die Bundesanwaltschaft (BA) ermittelt gegen Radmann, wie Sprecher André Marty dem TA bestätigte. Genauere Angaben zu den Vorwürfen machte er nicht.

So wurden die DFB-Millionen umgeleitet Zum Vergrössern klicken

Recherchen zeigen aber, worum es im Strafverfahren gegen den 71-jährigen Deutschen geht: um Millionenzahlungen der Fifa an Beckenbauer, bei denen Radmann zwischengeschaltet war. Zwischen 2008 und 2011 hatte der Weltfussballverband Zahlungen an Beckenbauer entrichtet, der damals in der Fifa-Exekutive sass. Sie waren als Löhne und als Zulagen deklariert. 5,4 Millionen Franken flossen so in jener Zeit zu Radmann. Die Hälfte davon leitete der Sportvermarkter an die Bank Spängler nach Salzburg weiter – auf ein Konto Beckenbauers beim traditionsreichen österreichischen Geldhaus.

Radmann wird nun verdächtigt, Urkundenfälschung begangen zu haben. Er soll bei seiner Bank verschwiegen haben, dass Beckenbauer der wahre Berechtigte des Geldes war. Die Strafuntersuchung läuft auch wegen Verdachts auf Geldwäscherei. Radmann war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Für ihn wie für weitere Beschuldigte in den Fussballermittlungen der BA gilt die Unschuldsvermutung.

Beckenbauers Barbezüge

Die Schweizer Ermittler interessierten sich bereits seit Mai 2015 für die undurchsichtigen Transaktionen von der Fifa über Radmann zu Beckenbauer. Damals war in Zürich eine Reihe Fussballfunktionäre verhaftet worden. Sofort gingen im weiteren Zusammenhang in der Schweiz viele Geldwäschereiverdachtsmeldungen ein. Bei der Fifa hatte die BA zudem elf Terabyte an Daten beschlagnahmt.

Die Ermittler forderten nach ersten Auswertungen bei zahlreichen Banken Kontoinformationen an, so bei der BNP Paribas, der Credit Suisse, der UBS, der Raiffeisen, aber auch bei der St. Galler oder der Obwaldner Kantonalbank. Daraus ergaben sich interessante Fährten. Besonderes Augenmerk erregten Überweisungen der Fifa auf ein Konto der St. Galler Bank Acrevis und eine UBS-Stiftung, an denen Radmann berechtigt war. Über die beiden Orte wurde viel Geld verschoben. Zudem kam es zu grösseren Barauszahlungen, mutmasslich an Beckenbauer.

Diskret wurden die österreichischen Behörden um Rechtshilfe gebeten. Dabei ging es um Informationen zu Konti Beckenbauers. Der 71-Jährige, der als Spieler und Trainer mit Deutschland Fussballweltmeister wurde, lebt seit Jahren im Tirol.*

Der «Kaiser» heute in Zürich

Ebenso interessieren sich die Schweizer Ermittler für einen zweiten Fallkomplex. Es geht um Unregelmässigkeiten vor der Fussball-WM 2006. Die BA hat in der Affäre rund um das «Sommer­märchen» ein Strafverfahren gegen vier frühere Spitzenfunktionäre des Organisationskomitees eröffnet: Franz Beckenbauer, Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und Horst Rudolf Schmidt. Die Ermittlungen laufen bereits seit dem 6. November 2015. Der Verdacht lautet auf Betrug, ungetreue Geschäftsbesorgung, Geldwäscherei und Veruntreuung.

Die Strafverfolger beschlagnahmten deswegen gestern an acht Orten Dokumente, mehrheitlich in der Schweiz. Ebenso befragten sie mehrere der Beschuldigten. Deutsche und österreichische Behörden arbeiteten mit den Schweizer Ermittlern zusammen, wie es in einer Mitteilung heisst.

Anlass der Ermittlungen sind fragwürdige Transaktionen. 2002 flossen laut einer internen Untersuchung des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) aus der Schweiz total 10 Millionen Franken an eine katarische Firma namens Kemco Scaffolding, hinter der Mohamed Bin Hammam steht. Der frühere Spitzenfunktionär ist wegen Korruptionsverdachts lebenslang aus dem Fussball ausgeschlossen.

Weshalb flossen Millionen nach Katar?

Drei Jahre später zahlte dann der DFB 6,7 Millionen Euro – was damals ungefähr 10 Millionen Franken entsprach – via Fifa an den damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus. Dieser hatte in der Schweiz die 10 Millionen an Kemco vorfinanziert.

Die Krux: Offiziell hatte der DFB die 6,7 Millionen für die Bezahlung der Eröffnungsgala der WM 2006 an die Fifa bezahlt. Zwar sprach man über diese Gala lange, am Ende sagte die Fifa sie aber ab – vor allem aus Angst um den ­Rasen im Berliner Olympiastadion. Die Frage lautet also: Weshalb gingen diese 10 Millionen nach Katar? Und weshalb stopfte der DFB indirekt ein Loch, das bei Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus entstanden war? Für die BA besteht der Verdacht, dass die beschuldigten Spitzenfunktionäre die Wahrheit vertuschten. Und dass der DFB dadurch 6,7 Millionen Euro verlor, die eigentlich nicht geschuldet waren.

Franz Beckenbauers Anwalt war für den TA gestern nicht erreichbar. Der «Kaiser» selber und andere Involvierte hatten stets jedes strafbare Verhalten bestritten. Beckenbauers Popularität ist indes ungebrochen: Er wird heute im Zürcher Luxushotel Park Hyatt erwartet, wo er an einem «Wine&Dine»-Anlass über seine neue Leidenschaft sprechen wird: Er hat sich in Südafrika einen Weinberg gekauft. Der Event ist ausverkauft.

* In einer früheren Version stand, Beckenbauer wohne in Kitzbühel. Er ist aber nach Salzburg gezogen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2016, 22:18 Uhr

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