Drastische Preiserhöhung für Alkohol in Schottland

Schluss mit Komasaufen: Wie die Regierung mit einem Mindestpreis das Alkohol-Problem angeht.

Neuer Mindestpreis für Alkohol: Alkoholladen in Schottland.

Neuer Mindestpreis für Alkohol: Alkoholladen in Schottland. Bild: Jane Barlow/Keystone

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Schottland geht gegen Komasaufen vor: Die Regierung hat einen Mindestpreis für Alkohol eingeführt. Dieser beträgt umgerechnet rund 60 Rappen pro Alkoholeinheit, also pro zehn Milliliter puren Alkohol. Das Gesetz zielt vor allem auf billige Getränke mit hohem Alkoholgehalt ab, die bei Personen mit problematischem Alkoholkonsum beliebt sind.

Der britische Thinktank Institute for Fiscal Studies schätzt, dass in ganz Grossbritannien rund 70 Prozent des Alkohols, der in Läden gekauft werden kann, für weniger als die 60 Rappen pro Alkoholeinheit verkauft wird. Eine Zweiliterflasche Apfelwein mit einem Alkoholanteil von 7,5 Prozent etwa überschreitet die empfohlene Alkoholdosis für eine ganze Woche. Diese konnte bisher für rund 2.50 Pfund (3.40 Franken) gekauft werden. Künftig soll eine solche Flasche mindestens 7.50 Pfund (10.20 Franken) kosten.

Extreme Rabatte nicht mehr möglich

Auch der Preis von billigem Wodka, Gin und Whisky dürfte um rund drei Pfund pro Flasche steigen, genauso wie der Preis von günstigem Wein und Billigbier. Besonders betroffen sind Supermärkte. Bars und Restaurants dürften derweil keine grossen Veränderung bemerken – ihre Preise sind bereits hoch.

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Eine Umfrage der BBC bei Geschäften zeigt, dass auch bekannte Marken wie Smirnoff Wodka teilweise die Preise erhöhen müssen. Besonders Aktionen mit drastischen Preisreduktionen werden weniger möglich sein. Bei dem Mindestpreis handelt es sich derweil nicht um eine Steuer. Zusätzliche Einnahmen durch den höheren Preis fliessen laut dem Sender BBC den Supermärkten zu.

Auch Besitzer kleinerer Läden können dem neuen Gesetz etwas abgewinnen: Der Mindestpreis könnte ausgleichend zwischen grossen Supermärkten und kleineren Läden wirken, vermuten sie. «Es wird in Supermärkten keine extremen Rabatte auf Spirituosen und riesige Packungen Bier mehr geben. Diese hatten das Problem überhaupt erst hervorgerufen», sagt eine Ladenbesitzerin aus dem schottischen Edinburgh der Nachrichtenagentur AFP.

Alkoholbedingte Todesfälle senken

Mit dem Gesetz will Schottland gegen die hohe Anzahl Alkoholtote im Land vorgehen. Allein im Jahr 2016 gab es 1265 alkoholbedingte Todesfälle, wie Zahlen des schottischen Statistikamts zeigen.


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Das soll der neue Mindestpreis ändern. «Dieses Gesetz wird Leben retten», sagt Alison Douglas, Chefin der Organisation Alcohol Focus Scotland. Sie rechnet damit, dass die Zahl der Alkoholtoten sinken wird – im ersten Jahr um geschätzte 58 Todesfälle.

Widerstand der Whisky-Industrie

Der Versuch, den Alkoholkonsum einzuschränken, findet Anklang: Auch in Wales und Irland würden bereits ähnliche Vorstösse diskutiert, sagte die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon.

Allen gefällt das Gesetz allerdings nicht: Es folgt auf einen jahrelangen Rechtsstreit mit der Whisky-Industrie. Wurde der Mindestpreis bereits 2012 beschlossen, erlaubte der oberste Gerichtshof Grossbritanniens die Einführung erst im November letzten Jahres. Einer eingelegten Berufung des Scotch- und Whisky-Verbands gab das Gericht nicht statt.

Der Verband erklärte daraufhin, mit der Regierung zusammenarbeiten zu wollen. Die hochwertigen Whiskys, für die schottische Hersteller bekannt sind, seien ohnehin «nicht am stärksten» von der Massnahme betroffen, betonte Regierungschefin Sturgeon.

Gewisse Menschen, die der Mindestpreis vom Überkonsum abhalten soll, sehen das Gesetz mit gemischten Gefühlen. Audrey Duncan, trockene Alkoholikerin aus Glasgow, sagte gegenüber AFP: «Ich denke nicht, dass ein Mindestpreis mich vom Trinken abgehalten hätte, aber ich hätte schneller kein Geld mehr für Alkohol gehabt.»

Erstellt: 02.05.2018, 12:06 Uhr

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