«Die Amerikaner haben das Internet, aber wir haben die Dinge»

Im Schatten von Google: Die Deutschen holen den Rückstand auf die USA auf – viele führende Firmen der neuen Digitalwirtschaft kommen aus Deutschland.

Angela Merkel beim Fabrikausrüster Kuka: Die deutsche Kanzlerin setzt sich für die Digitalisierung ein. Foto: Michaela Rehle (Reuters)

Angela Merkel beim Fabrikausrüster Kuka: Die deutsche Kanzlerin setzt sich für die Digitalisierung ein. Foto: Michaela Rehle (Reuters)

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Wer an die Giganten des Internets denkt, denkt an Google, Apple, Microsoft, Facebook, Amazon oder Uber. Die amerikanischen Plattformen beherrschen das ­digitale Massen- und Konsumgeschäft. Wenn es aber um das sogenannte «Internet der Dinge» oder um «intelligente ­Fabriken» geht, also um die Vernetzung von Maschinen, Antrieben, Robotern, Sensoren und Bauteilen, von Zulieferern, Kunden, Spediteuren oder Wartungstechnikern, sieht es anders aus.

Die Weltmarktführer dieses Teils der digitalen Industrie tragen Namen, die niemand kennt. Viele von ihnen kommen aus Deutschland, einem Zentrum der traditionellen Maschinen- und Anlagenindustrie. EOS zum Beispiel, ein mittelständisches Unternehmen aus dem oberbayerischen Krailling, steht an der Weltspitze im 3-D-Druck von metallischen Werkstoffen. Wann immer in der Welt eine Firma den Prototyp eines neuen Bauteils fertigt, kommt in der ­Regel 3-D-Lasertechnik aus Deutschland zum Einsatz. Der Weltmarktanteil von EOS und anderen deutschen Anbietern, die die Patente von EOS nutzen, wird auf 70 Prozent geschätzt.

Teamviewer, ein Unternehmen aus dem schwäbischen Göppingen, ist Weltmarktführer bei der Software für die Fernwartung von Computern und Handys. Phoenix Contact aus Ostwestfalen sorgt mit seiner Verbindungstechnik dafür, dass Maschinen bei der Produktion jederzeit präzise und sicher mit Energie und Daten versorgt werden. Auch diese Firma ist in der Digitalwirtschaft Weltspitze – und beim grossen Publikum fast gänzlich unbekannt. Die deutschen Digitalpioniere sind vor allem innovativ, ­indem sie hochwertige deutsche Ingenieurskunst mit den Möglichkeiten volldigitaler Verwertungsabläufe kombinieren. Sie sind Vorreiter einer Entwicklung, die zu einer Neuerfindung der Industrie führen soll – der Industrie 4.0.

Gewaltige Umbrüche

Es ist kein Zufall, dass der Begriff vor sechs Jahren in Deutschland erfunden wurde. Er bezieht sich auf die bisherigen industriellen Revolutionen: Die erste setzte mit der Mechanisierung der Produktion durch den Einsatz von Wasser und Dampf ein, die zweite mit der Massenproduktion dank Fliessbandarbeit und elektrischer Energie, die dritte war die digitale Revolution dank Computern. Der Versionsname 4.0 suggeriert, dass der nächste Schritt nicht nur eine nächste Etappe der Digitalisierung bringt, sondern die industrielle Produktion auf eine neue Grundlage stellt.

Viele Experten erwarten daher gewaltige Umbrüche: Die Digitalisierung der heute noch maschinenbaulastigen Industrie sei für Deutschland eine der grössten Herausforderungen der letzten Jahrzehnte. Die deutsche Politik, von der Christdemokratin Angela Merkel bis zum Sozialdemokraten Sigmar Gabriel, spricht schon lange von Industrie 4.0 und hat viele Initiativen ins Leben gerufen. Wolle die deutsche Industrie nicht im Technikmuseum enden, müsse sie sich umfassend digitalisieren, sagt die Kanzlerin in jeder zweiten Rede. Der künftige Wohlstand des Exportriesen hänge davon ab. Der damalige Wirtschaftsminister Gabriel setzte Deutschland 2016 mit der «Digitalen Strategie» das Ziel, bis 2025 der modernste Industriestandort der Welt zu sein, und versprach Milliardeninvestitionen.

Raimund Neugebauer, der Präsident der einflussreichen Fraunhofer-Gesellschaft, sagt, er kenne kein Land auf der Welt, in dem es zum Thema Industrie 4.0 einen derart intensiven Austausch der Spitzen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gebe wie in Deutschland. Das war freilich nicht immer so. Deutschland stieg mit einigem Rückstand auf Länder wie die USA, Japan oder China in den Wettlauf zur Industrie 4.0. Deutsche Unternehmen plagte lange die Angst, in ein paar Jahren nur noch die Werkbank von amerikanischen IT-Konzernen zu sein, die einen Datensatz schicken mit dem Befehl zur Produktion. Der Chef der Deutschen Telekom, Timotheus Höttges, sagte noch vor drei Jahren, Deutschland habe die erste Halbzeit ­dieses Spiels bereits verloren.

20 Prozent der Unternehmen setzen Industrie-4.0-Strategie um

Während die deutsche Forschungsministerin Johanna Wanka zwischenzeitlich schwärmte, Deutschland liege nach den jüngsten Anstrengungen in der zweiten Halbzeit nun deutlich voraus, schätzt Höttges die Fortschritte zurückhaltender ein: Immerhin bestehe mittlerweile kein Grund mehr, die zweite Halbzeit auch noch zu verlieren. Eine Studie von McKinsey belegte vor kurzem, dass Deutschland aufgeholt hat: 20 Prozent der grösseren deutschen Unternehmen sind daran, eine Industrie-4.0-Strategie umzusetzen. Der Anteil ist ­höher als in Japan (15%) und nur wenig tiefer als in den USA (27%). Dennoch ist der Weg noch lang. Einer der grössten Engpässe für die Digitalisierung ist das im internationalen Vergleich zu langsame deutsche Datennetz. Um es bis 2025 auf Glasfaserstandard auszubauen, sind private und staatliche Investitionen von mehr als 100 Milliarden Euro nötig.

Gut für die digitale Zukunft gerüstet sind Grosskonzerne wie Siemens, Bosch, SAP oder Daimler.

Gut für die digitale Zukunft gerüstet sind deutsche Grosskonzerne wie ­Siemens, Bosch, SAP oder Daimler, die längst nicht mehr nur selber vernetzt und digital produzieren, sondern Kunden auch eigene Industrie-4.0-Lösungen anbieten. Unter den Mittelständlern gibt es viele «heimliche Weltmeister» der neuen Digitalwirtschaft, neben EOS, Teamviewer oder Phoenix Contact zum Beispiel die Fabrikausrüster Kuka, Har­ting, Weidmüller, Homag, Trumpf oder Rittal. Ohne Technik dieser Firmen können auch Internetriesen wie Google so gut wie nichts intelligent produzieren. «Die Amerikaner haben das Internet, aber wir haben die Dinge», so der Phoenix-Contact-Chef Frank Stührenberg.

Den grössten Rückstand haben kleine Unternehmen. Nach einer Studie des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung verharrt die Mehrheit der befragten Firmen im Bewährten und nutzt die sich bietenden Chancen nicht. Verschiedene Studien prognostizieren Deutschland durch den Umbau zur Industrie 4.0 in den nächsten fünf bis zehn Jahren einen Wachstumsschub von 90 bis 150 Milliarden Euro. Eine Studie der DZ Bank sagt bis 2025 einen Produktivitätsgewinn von insgesamt 11,5 Prozent voraus (siehe Grafik).

Infografik: Deutsche Industrie profitiert dank Industrie 4.0 Grafik vergrössern

Angesichts dessen, dass die Arbeitsproduktivität seit 2007 gesamthaft gesehen stagniert hat, wäre das ein enormer Fortschritt. Gleichzeitig erwarten Experten, dass die zunehmende Digitalisierung und Automatisierung der Produktion Hunderttausende von Arbeitsplätzen vernichten könnte. Doch selbst hier bietet die Entwicklung nicht nur ­Risiken, sondern auch neue Chancen. Die automatisierte Produktion erlaubt es zunehmend, sehr kleine Stückzahlen so billig herzustellen wie früher grosse. Dies könnte es Herstellern aus Hochlohnländern wie Deutschland künftig ermöglichen, die Produktion aus Schwellenländern wieder zurückzuholen.

Produktion wieder im Land

Adidas etwa produziert Sportschuhe, die für jeden Kunden nach dessen Wünschen individuell hergestellt werden können, seit diesem Jahr wieder in Deutschland. Das Modehaus Marc Cain in Bodelshausen bei Stuttgart nutzt das 3-D-Strickverfahren, um Kleidungsstücke ohne Nähte in nur einem Arbeitsgang zu produzieren. Das flexible Verfahren erlaubt es, auch sehr kleine ­Serien, etwa für Modeschauen, rentabel herzustellen – in Deutschland.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2017, 18:53 Uhr

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