Digitalisierung schafft mehr Jobs, als sie vernichtet

Der Bundesrat hält die Auswirkungen auf die beruflichen Chancen für erfreulicher als vermutet.

Bleiben gefragt: Forscher und Analysten in der Chemie- und Pharmabranche. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Bleiben gefragt: Forscher und Analysten in der Chemie- und Pharmabranche. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Kein Beruf wird von der Automatisierung verschont werden. Das ist die schlechte Nachricht des gestern publizierten Berichts des Bundesrats zu Chancen und Risiken der Digitalisierung, denn sie schafft Unsicherheit – selbst bei Chirurgen im Spital. Immer mehr Operationsschritte werden künftig durch Roboter ausgeführt. Ärzte werden vor allem überwachen und im Notfall eingreifen. Die gute Nachricht ist, dass wir in Zukunft mehr Arbeit erwarten dürfen als heute. So muss beispielsweise dieser Operationsroboter entworfen, entwickelt, bestellt, gebaut, programmiert, vermarktet und gewartet werden. Dafür braucht es zusätzliche Ingenieure, 3-D-Konstrukteure, Projektleiter, Finanzierer, Mechatroniker, Programmierer, Marketing- und Vertriebsleute, Ausbildner, Monteure und Wartungsmechaniker. Leute in solchen Berufen können gelassen bleiben.

Wie viele Jobs die Digitalisierung tatsächlich vernichtet und schafft, ist nicht vorherzusagen. Die Ökonomen des Bundes wenden deshalb einen Kniff an: Sie analysieren, wie sich die Automatisierung in den letzten 20 Jahren ausgewirkt hat, und nehmen an, dass sie sich so fortsetze. 350'000 Stellen gingen durch den Wandel bereits verloren, 860'000 wurden geschaffen. «Der technologische Fortschritt von 1996 bis 2017 hat ein anhaltendes Stellenwachstum ermöglicht», so der Bundesrat. In einer längerfristigen Perspektive überwiege die Erwartung, dass die positiven Beschäftigungseffekte des technologischen Wandels die negativen überkompensierten, so der vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) verfasste Bericht. Sprich: Es werden mehr Jobs geschaffen als verloren gehen. Eine Umfrage der ETH Zürich habe gezeigt, dass die deutliche Mehrheit der befragten Ökonomen langfristig keine negativen Effekte der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt erwarte; das Beratungsunternehmen Deloitte geht bis 2025 von 270'000 neuen Stellen in der Schweiz aus.

Fähigkeiten, die gesucht sind

Das grösste Risiko von Arbeitslosigkeit drohe, wenn die Leute sich zu langsam weiterbilden und ihre Fähigkeiten und Kenntnisse nicht mehr der Nachfrage entsprechen. Ökonomen nennen es Qualifikations-Mismatch. Fachleute fordern deshalb mehr staatlichen Effort für die Aus- und laufende Weiterbildung.

Dem Bericht sind zwei aufschlussreiche externe Studien beigelegt: eine zu den «Kompetenzanforderungen auf dem Arbeitsmarkt» und eine zu den «Ursachen und Auswirkungen des Strukturwandels». Fasst man diese zusammen, haben Frauen und Männer mit den folgenden beruflichen Fähigkeiten die besten Chancen:

Analysten: Datenanalysten, etwa von Kaufdaten, Besuchs- und Bewegungsdaten von Websites oder Marktdaten sowie Auswerter von Rapporten oder Störungsmeldungen.

Diagnostiker: Automobildiagnostiker, Mechatroniker und Leute vom Support, die mithilfe von Computern Fehler finden und Probleme beheben.

Verwalter: Zum Beispiel Arbeitende, die computergestützt Spitalbetten verwalten, Immobilienverwalter und Bewirtschafter von Checklisten.

Generalisten: Die Automatisierung verlangt berufsübergreifende Projektteams – ein Vorteil für Leute, die andere Berufe verstehen.

Programmier- und IT-Talente: Leute, die Algorithmen und Maschinen programmieren, Datenbanken anbinden oder Computer zu Netzwerken verbinden.

Ingenieure: Sie entwerfen Automaten, berechnen und testen sie.

Wohlfühlanbieter: Coiffeure, Kosmetiker, Therapeuten.

Pflege und Fürsorge: Alten- und Krankenpfleger, Sozialarbeiter, Betreuer von Behinderten.

Leute, die Hand anlegen: Manuelle Jobs, die nicht ins Ausland verlagert werden können, haben trotz Automatisierung Bestand – so etwa Putzleute, Köche und Kochgehilfen sowie Leute im Service. Dies gilt auch für niedrig qualifizierte Arbeiten.

Anlageüberwacher: Diese Berufsgruppe hat zwar gelitten, aber ein 3-D-Drucker muss bedient, Getränkeabfüll- oder Bahnanlagen überwacht und im Notfall bedient werden. Die Zahl des Notfallpersonals und der Sicherheitsleute wird steigen.

Managertalente: Je mehr Grossunternehmen, desto mehr Hierarchiestufen, desto mehr Kaderleute.

Hervorgehoben werden einzelne Branchen. Im Aufwind befinden sich die Gesundheitsbranche, Lehrberufe, Chemie und Pharma, der Werbe- und Marketingsektor, Elektronik- und Softwareentwickler, Juristen und Naturwissenschaftler. Unter Druck stehen Bürojobs (etwa Buchhalter, Sachbearbeiter und Bankangestellte), die Nahrungsmittelproduktion, Textilindustrie, Post und Kurierdienste, der Druck, Detailhandel und sogenannte Präzisionshandwerker. Sie werden durch Automaten ersetzt.

Kritik von Gewerkschaft und SP

Die Zürcher SP-Nationalrätin Min Li Marti sagt, der digitale Wandel mache «das Arbeiten einfacher». Computer, Algorithmen oder moderne Kommunikationsmittel würden eintönige Beschäftigungen reduzieren. Doch der digitale Wandel berge Gefahren, sofern mehr befristete Jobs entstünden, die schlecht bezahlt und kaum abgesichert seien.

Das sind Temporärjobs, Dauerpraktika, Heimarbeit, Arbeit auf Abruf und scheinselbstständiges Arbeiten, sogenannte atypisch-prekäre Arbeitsverhältnisse. Eine ebenfalls gestern publizierte Studie zeigt, dass sich deren Zahl nicht vergrössert hat. Auch Gefahren durch Überarbeitung und stressbedingte Ausfälle sind laut Bundesrat keine Gefahr.

Dieser Einschätzung tritt die Dachgewerkschaft Travailsuisse entgegen. Erwiesen sei, dass eine zunehmende Flexibilisierung im Beruf zu mehr Arbeits- und psychosozialen Erkrankungen führe. Auch das Seco stellte dies 2012 in einer Studie mit Banken fest. «Leider wird dies im Bericht des Bundesrates zu wenig berücksichtigt», kritisiert die Gewerkschaft.

In der Tat fällt der Bericht rosig aus. Die SP befürchtet, dass jetzt bürgerliche Politiker und Wirtschaftsverbände im Fahrwasser des Berichts «die Digitalisierung als Alibi für alle möglichen Verschlechterungen im Arbeitsrecht» missbrauchten.

Erstellt: 08.11.2017, 22:50 Uhr

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