Drei von vier neuen Zahnärzten kommen aus dem Ausland

Der Zustrom von Zahnmedizinern bewirkt eine Überversorgung. Und auch Beschwerden häufen sich.

Grosse Unterschiede in der Ausbildung: Es gibt Zahnärzte, die abschliessen, ohne je behandelt zu haben. Foto: Oliver Lang

Grosse Unterschiede in der Ausbildung: Es gibt Zahnärzte, die abschliessen, ohne je behandelt zu haben. Foto: Oliver Lang

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Drei Viertel der Zahnärztinnen und Zahnärzte, die in der Schweiz pro Jahr neu zugelassen werden, haben ihre Ausbildung im Ausland gemacht. Dieses Verhältnis besteht seit 15 Jahren, seit die Personenfreizügigkeit in Kraft trat. Nun schlagen Zahnärzte und Patientenschützer Alarm.

Einerseits weil es in Städten und Agglomerationen mittlerweile schlicht zu viele Zahnärzte gebe. Andererseits weil nicht alle ausländischen Diplome über jeden Zweifel erhaben seien. «In Rumänien vergeben Universitäten Zahnarztdiplome, ohne dass der Diplomierte auch nur eine Stunde an einem Patienten gearbeitet hat», sagt Marco Tackenberg, Sprecher der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft SSO.

Eine französische Studie aus dem Jahr 2016 besage sogar, dass zehn Prozent der Zahnärzte in der EU während des Studiums nie an einem Patienten gearbeitet hätten. Die Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz beobachtet eine Zunahme der Beschwerden. Ob das am schlechteren Ausbildungsstandard der Zahnärzte oder an der höheren Bekanntheit des Patientenschutzes liege, sei aber schwierig zu interpretieren, sagt Maggie Reuter von der SPO.

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Festzuhalten gilt, dass der Grossteil der in der Schweiz praktizierenden ausländischen Zahnärzte gut ausgebildet ist. Die Mehrheit der anerkannten ausländischen Diplome werden in Deutschland oder Frankreich abgeschlossen, wie Zahlen der Zahnärzte-Vereinigung zeigen. «Dort sind die Ausbildungen vergleichbar mit jener in der Schweiz», sagt Tackenberg. Das Abkommen über die gegenseitige Diplomanerkennung gilt jedoch für alle EU- und Efta-Staaten. Wer in einem dieser Länder ein Diplom in Zahn-, Human- oder Veterinärmedizin erlangt, kann dieses in der Schweiz anerkennen lassen, ohne dass Inhalt und Dauer der Ausbildung überprüft werden. Die entsprechenden EU-Richtlinien definieren Mindestanforderung an die Ausbildung. Etwa, dass die Grundausbildung eines Zahnarztes mindestens fünf Jahre theoretischen und praktischen Unterricht umfassen müsse.

Dennoch, sagt Tackenberg von der Zahnärzte-Gesellschaft SSO, stünden hinter den formell gleichwertigen Zahnarzt-Diplomen zum Teil völlig unterschiedliche Ausbildungen. Patientinnen und Patienten hätten davon keine Ahnung, und auch keine Möglichkeit zu überprüfen, auf welcher Ausbildung eine Zulassung basiere. Gewisse Zahnärzte kämen mit dem Schweizer Gesundheitssystem nicht zurecht, rechneten mit exotischen Tarifen ab oder arbeiteten nicht nach hiesigen Gesundheitsgesetzen. Grosse Defizite bestünden beim Strahlenschutz oder bei der Hygiene. Auch Probleme bei der Verständigung seien häufig.

Gerät man in die Hände eines schlecht ausgebildeten Zahnarztes, kann das verheerende Folgen haben. Maggie Reuter von der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz erwähnt das Beispiel einer kieferorthopädischen Behandlung, bei welcher der Zahnarzt die Situation mit seinem Eingriff so sehr verschlimmerte, dass der Patient jetzt wahrscheinlich IV-Leistungen erhält. Der Fall ist noch in Abklärung.

Diplome für ausländische Zahnärzte seit 2002: 4900
Eidgenössische Diplome insgesamt seit 1896: 8600

Solche Vorkommnisse schadeten dem Ruf der Schweizer Zahnmedizin, sagt Tackenberg. Die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft fordert deshalb, dass die Praxis bei der Anerkennung ausländischer Diplome verschärft wird. Vorgängig solle geprüft werden, ob sie den schweizerischen Ausbildungsstandards entsprächen.

Neben Sicherheits- und Reputationsbedenken bereitet der Zustrom hiesigen Zahnärzten auch ganz handfeste Sorgen: Konkurrenz. Wie stark diese zugenommen hat, verdeutlichen die Zahlen: Seit 2002 liessen pro Jahr durchschnittlich 335 Zahnärzte ihre ausländischen Diplome in der Schweiz anerkennen. Derweil haben jährlich durchschnittlich 109 Zahnärzte ihre Ausbildung in der Schweiz abschlossen, wie Zahlen der Zahnärzte-Gesellschaft zeigen. Noch beeindruckender ist die Langfristperspektive: Seit die Personenfreizügigkeit in Kraft trat, liessen 4900 ausländische Zahnärzte ihre Diplome anerkennen. Zum Vergleich: Seit 1896 – in 121 Jahren also – wurden in der Schweiz laut der Zahnärzte-Gesellschaft insgesamt nur 8600 eidgenössische Zahnarztdiplome vergeben.

Zu wenig Schweizer Zahnärzte

Allerdings muss angemerkt werden, dass die Schweiz selbst zu wenig Zahnärzte ausbildet. Die Zahnärzte-Vereinigung fordert deshalb eine höhere Ausbildungsquote. «180 statt 109 Absolventen pro Jahrgang wären sinnvoll», sagt Tackenberg. Damit könnte ihm zufolge auch der Stadt-Land-Graben bei der zahnmedizinischen Versorgung etwas zugeschüttet werden. Denn viele ausländische Zahnärzte lassen sich in Städten oder den Agglomerationen nieder. Mit der Folge, dass dort nun eine Überversorgung herrsche, so Tackenberg.

Die Preise drücke das aber vermutlich kaum, denn die Kosten für Löhne, Mieten und Materialen seien für alle gleich. Dafür sinke die Auslastung. Fast die Hälfte der städtischen Praxen blieben an mindestens einem Tag pro Woche leer, wie eine Umfrage der Zahnärzte-Gesellschaft gezeigt habe. In anderen Regionen könnte es derweil gut noch den einen oder anderen Zahnarzt brauchen, so Tackenberg. Im Jura etwa, oder im Entlebuch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2017, 20:01 Uhr

Zahnarzt

Das gilt es zu beachten


  • Fragen Sie im Bekanntenkreis nach guten Zahnärztinnen und Zahnärzten.

  • Zahnärzte, die der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) angehören, haben eine Pflicht zur Weiterbildung.

  • Eine schöne Website ist noch kein Qualitätsnachweis.

  • Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl.

  • Lassen Sie sich nicht spontan zu einer Behandlung überreden.

  • Lassen Sie sich Kostenvoranschläge schriftlich zuschicken.

  • Holen Sie bei Unsicherheit eine Zweit­meinung eines anderen Zahnarztes ein.

  • Kontinuität beim behandelnden Zahnarzt ist wichtig.

(dy)

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