Dunkle Ecken in der Altersvorsorge

Milliarden Franken an Vorsorgegeldern werden in wenig transparenten Sammeleinrichtungen verwaltet. Welche Risiken das birgt.

Den Durchblick in der beruflichen Vorsorge zu bewahren, fällt nicht nur den Versicherten, sondern mitunter auch den Experten schwer. Foto: Urs Jaudas

Den Durchblick in der beruflichen Vorsorge zu bewahren, fällt nicht nur den Versicherten, sondern mitunter auch den Experten schwer. Foto: Urs Jaudas

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«Die Entwicklung bei den Sammeleinrichtungen bereitet uns grosse Sorge», sagt Manfred Hüsler, Direktor der Oberaufsichtskommission (OAK). Zum Teil sind es sehr viele Arbeitgeber, die einer Sammeleinrichtung die Altersvorsorge ihrer Angestellten anvertrauen. Hüsler nennt zwei Probleme, die eine gefährliche Dynamik in Gang setzen können: Erstens legen die Sammeleinrichtungen stark zu, weil sich ihnen je länger je mehr Mitglieder anschliessen – damit steigt das verwaltete Kapital und das finanzielle Risiko.

Zweitens weisen die Sammeleinrichtungen oft komplexe Strukturen auf, was die Aufsicht und die Risikobeurteilung erschwert. «Es besteht die Gefahr, dass kaum durchschaubare Gebilde entstehen, in denen angeschlossene Vorsorgewerke ein Eigenleben führen und der Stiftungsrat der Gesamtstiftung die Kontrollen nur ungenügend wahrnimmt», warnt Hüsler.

Die OAK will es nicht zum schlimmstmöglichen Fall kommen lassen. Doch ihre Möglichkeiten sind beschränkt. Sie kann nur im Rahmen der bestehenden Gesetze agieren, und im Gesetz zur Vorsorge (BVG) sind Sammeleinrichtungen kaum geregelt. Die OAK will deshalb im Rahmen ihrer Aufsichtsfunktion für mehr Transparenz sorgen. Sie hat interessierten Kreisen einen Weisungsentwurf zur Konsultation vorgelegt, die kürzlich abgelaufen ist. Dabei geht es um mehr Klarheit bei der Risikobeurteilung von Vorsorgewerken.

Eingebaute Fehlanreize

Die betroffenen Verbände lehnen die Vorlage ab. Inter-Pension, die Interessengemeinschaft der Sammeleinrichtungen, befürchtet Bürokratie und happige administrative Kosten zulasten der Versicherten. Der Pensionskassenverband Asip kritisiert den Transparenzentwurf der OAK vorab aus formalen Gründen. «Hier geht es um eine neue Regulierung, damit überschreitet die Aufsicht ihre Kompetenzen», sagt Asip-Direktor Hanspeter Konrad. Die OAK bewege sich mit ihrem Vorstoss auf juristisch dünnem Eis. Ein Vorwurf, den SVP-Ständerat Alex Kuprecht übernommen hat: Per Interpellation verlangte er Auskunft über das Vorgehen der OAK.

«In einigen Fällen werden mit Absicht intransparente Konstrukte geschaffen.»Marco Jost
Pensionskassenexperte

Marco Jost, Pensionskassenexperte bei der Beraterin PPCmetrics hat hingegen «volles Verständnis» für die OAK. «In einigen Fällen werden mit Absicht intransparente Konstrukte geschaffen», moniert Jost. Er habe Einblick in Sammeleinrichtungen gehabt, «bei denen selbst mir als Experte nicht klar war, wer das Risiko trägt und wer bei ungünstiger Entwicklung haftet».

Möglich sei dies, so Jost, aufgrund von Lücken in der Regulierung. «Es gibt keine gesetzlichen Vorgaben, die hier für Ordnung sorgen. Es kommt vor, dass nicht einmal die internen Reglemente der Sammeleinrichtungen transparent sind», erläutert der Pensionskassenexperte.

Es gibt verschiedene Risiken, die bei mangelnder Transparenz zu ernsthaften Problemen auswachsen können. Hier drei Beispiele:

  • Wettbewerb: Die Sammeleinrichtungen stehen zunehmend in Konkurrenz zueinander. Sie möchten neue Mitglieder gewinnen und möglichst keine bestehenden verlieren. So entsteht der Fehlanreiz, einen überhöhten, weil langfristig nicht finanzierbaren Umwandlungssatz zuzusichern. Damit steigt das Risiko, dass der Sicherheitsfonds der beruflichen Vorsorge für nicht finanzierte Renten oder ausstehende Beiträge aufzukommen hat. Gerät ein Vorsorgewerk in finanzielle Schieflage, muss der Sicherheitsfonds einspringen. Da dieser von allen Pensionskassen finanziert wird, gehen solche Kosten zulasten der Allgemeinheit. Mit mehr Transparenz bei Finanzierung und Risikobeurteilung soll diese Gefahr gemildert werden.

  • Falsche Strategie: Es kann vorkommen, dass die Anlagestrategie einer Sammeleinrichtung auf einige der angeschlossenen Vorsorgewerke nicht ideal abgestimmt ist. Eine risikoreichere Strategie mit hohem Aktienanteil kann bei angeschlossenen Einrichtungen mit vielen Rentnern zu erheblichen Kapitaleinbussen führen. Eine Sanierung ist in diesen Fällen manchmal kaum mehr möglich. Dann fehlt dort Geld, um die garantierten Renten zu finanzieren. Im schlimmsten Fall ist nicht klar, wer für die Ausfälle haftet. Mehr Transparenz soll dafür sorgen, dass für alle einer Sammeleinrichtung angeschlossenen Mitglieder eine angemessene Strategie gewählt wird.

  • Überhöhte Gebühren: Urban Hodel, der im Pensionskassenbereich die Interessen der Arbeitnehmenden vertritt, sieht die Probleme an einem andern Ort. Er nennt als Beispiel die Vorsorgeeinrichtung pkPRO, die Anlagegeschäfte über die private Gesellschaft Tellco abwickelt. «Da besteht ein Interessenkonflikt», sagt Hodel. Denn Tellco wolle Gewinn erzielen – die Vorsorgestiftung sei aber verpflichtet, nur im Interesse ihrer Versicherten zu handeln. «Tellco schöpft hohe Vermögensverwaltungsgebühren ab», so Hodel, «anstatt Reserven für die Versicherten aufzubauen.» Wenn die Anlagen schlecht laufen, müssten die Versicherten dafür zahlen. Tellco bestreitet die Vorwürfe. Um vergleichbare Konstrukte zu unterbinden, wäre eine gesetzliche Regelung nötig. Die Weisung der OAK würde nicht ausreichen.

Desinteresse in der Politik

Es ist nicht möglich, genau zu beziffern, um wie viele Versicherte und wie viel Vorsorgekapital es bei den beschriebenen Risiken geht. Denn längst nicht bei allen Vorsorgewerken besteht Grund zur Sorge. Kritik aufgrund intransparenter Strukturen gibt es vor allem bei Sammeleinrichtungen, mit Ausnahme der öffentlich-rechtlichen.

Auf Nachfrage räumt Asip-Direktor Konrad ein, dass es in der Regulierung Lücken gebe und die Transparenz bei Sammeleinrichtungen in einigen Punkten erhöht werden müsse. «Doch dafür braucht es Gesetzesänderungen», betont Konrad. Nach seiner Einschätzung wäre es Aufgabe von Parlament oder Bundesrat, mehr Transparenz zu schaffen und allfälligen Risiken in der Altersvorsorge zahlreicher Versicherter vorzubeugen.

Marco Jost spricht von einer «heissen Kartoffel», die niemand in die Hand nehmen wolle. Er spürt aber auch Desinteresse. So habe die Politik das Problem bislang nicht erkannt. «Vielleicht müssen erst einmal Arbeitnehmende ihr Vorsorgekapital verlieren, bevor etwas geschieht», stellt Jost ernüchtert fest.

Auch die St. Galler SP-Nationalrätin Barbara Gysi bedauert, dass dieses Thema bisher nicht auf dem politischen Radar aufgetaucht sei. Im Parlament sei vor allem über den Umwandlungssatz zur Berechnung der Renten diskutiert worden, nicht aber über die Struktur der Vorsorgeeinrichtungen. Doch bestehe auch hier Handlungsbedarf: «Die intransparente Organisation von Sammelstiftungen ist ein Nährboden für inakzeptable Interessenkonflikte.»

Solche möchte Gysi unterbinden, denn sie können die Versicherten viel Geld kosten. Die Nationalrätin will mit involvierten Parteien Kontakt aufnehmen, das Thema anschliessend in die Gesundheitskommission einbringen und mit einem Vorstoss im Parlament eine Debatte in Gang bringen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 04.02.2019, 10:00 Uhr

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