Wie die AHV mehr Rendite herausholen könnte

Der Vorsorge-Fonds wird äusserst risikoscheu bewirtschaftet. Da läge mehr drin, sagen Experten.

Der Geldpuffer der AHV wird mit sehr geringem Risiko verwaltet. Rentnerinnen auf dem Uetliberg. Foto: Urs Jaudas

Der Geldpuffer der AHV wird mit sehr geringem Risiko verwaltet. Rentnerinnen auf dem Uetliberg. Foto: Urs Jaudas

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Der Geldpuffer AHV-Fonds ist derzeit 30 Milliarden Franken wert. Das Geld steckt in Obligationen, Aktien, Immobilienaktien und Rohstoffen. «Über 80 Prozent dieser Wertpapiere könnten innert fünf Tagen veräussert werden», sagt Eric Breval. Das ist eine sehr hohe Zahl, «zu hoch», wie Insider des AHV-Fonds sagen. Verantwortlich dafür ist der Verwaltungsrat des Fonds, Compenswiss. Er legte den Liquiditätsanspruch vor Jahren fest. Jetzt mehren sich Stimmen, die sagen, dass Compenswiss seine Strategie ändern sollte: weniger ­liquide, längerfristige Anlagen und mehr Rendite, so die Losung.

So deutlich sagen will es am Hauptsitz in Genf niemand. Schliesslich entscheidet der vom Bundesrat ernannte Verwaltungsrat über das Portefeuille. Die Diskussion wurde letzten Herbst intern ­intensiv geführt. Im November entschied er, zu vertagen: «Der Beschluss ist, die langfristige Anlagestrategie nach der Volksabstimmung zur Altersrentenreform 2020 zu überarbeiten», sagt Com­penswiss-Präsident Markus Leuthold.

Die Skeptiker im Gremium sagen, die Zukunft des AHV-Fonds sei zu ungewiss, als dass man in weniger gut veräusserbare Anlagen investieren könnte. Sie argumentierten mit der Prognose des Bundesamtes für Sozialversicherungen. Sie besagt, dass ohne Sanierung der AHV mit Mitteln der Mehrwertsteuer oder ­höheren Lohnprozenten der Fonds sich jährlich um Hunderte Millionen Franken leert. Dieses sogenannte Umlagedefizit ist das Resultat von Lohnbeiträgen ­minus Rentenzahlungen. 2015 betrug es eine halbe Milliarde, letztes Jahr eine Dreiviertelmilliarde. 2013 sollen es über minus 2 Milliarden sein und 2015 gar minus 4 Milliarden. Mit einem Ja zur Rentenreform im September an der Urne wäre das Ergebnis viel weniger negativ.

«Plus 1,5 Prozent ist realistisch»

Mit dem letztjährigen Resultat erhalten die Befürworter Aufwind (TA von gestern). Der AHV-Fonds hat trotz negativem Umlageergebnis einen «Gewinn» erzielt: Die 30 Milliarden Anlagen erzielten eine Rendite von 3,75 Prozent, das heisst 1,2 Milliarden Franken. Unter dem Strich war der Fonds Ende Jahr um 439 Millionen Franken reicher.

Die Gretchenfrage ist nun: Wie viel mehr könnte es sein, sofern der Verwaltungsrat offensiver anlegt? Leuthold sagt es unverbindlich: «Eine etwas höhere Performance jährlich über einen längeren Zeitraum zu erzielen, wäre möglich», sofern das Gremium mehr ­Risiken genehmigt. «Ein paar Prozente mehr», wie sich gewisse Verwaltungsräte äussern, sei aber eine zu hohe Erwartung. «Eine Performance von 7 bis 8 Prozent wäre mit einem unvertretbar hohen Risiko verbunden», sagt Leuthold. Einen Wert nennt die unabhängige Investmentberaterin Sinikka Demaré, die den Fonds ­jahrelang beraten hat: «Plus 1,5 Prozent wäre eine realistische Erwartung.»

Letztes Jahr erzielte der Fonds eine Performance von 5,25 Prozent. Doch mit risikomindernden Absicherungen, die der Verwaltungsrat wünschte, wurden 1,5 Prozent vernichtet. So blieben am Ende 3,75 Prozent. Das zehnjährige Mittel liegt bei 1,4 Prozent, das zwanzigjährige bei 2,5 Prozent.

Chance mit Immobilien verpasst

Unbestritten ist, dass der hohe Anspruch an Liquidität eine bessere Rendite verhindert. «Rückblickend war der Anspruch vielleicht zu hoch, ein so stark liquides Wertschriftenportefeuille zu halten», sagt Leuthold. Ein Beispiel schildert der frühere Verwaltungsrat Urs Marti, Stadtpräsident von Chur. Er war zwölf Jahre im Verwaltungsrat und mehrere Jahre im Ausschuss. Zwischen 2000 und 2005 setzte er sich dafür ein, dass der AHV-Fonds mit 5 bis 10 Prozent der Gelder Geschäfts- und Wohnhäuser kauft so wie Pensionskassen. Die Geschichte gab ihm recht. «Deren Wert hätte sich bis heute mindestens verdoppelt zuzüglich der jährlichen Cash-Renditen im Bereich von vier bis sieben Prozent», sagt Marti. Keine Schweizer Anlage rentierte besser.

Er rät auch heute zu Immobilien. «Noch immer stimmen beinahe alle ­Faktoren.» Darunter versteht Marti etwa «die rasche Möglichkeit zur Beschaffung flüssiger Mittel mit der Aufnahme von Hypotheken», «gute Marktkenntnisse», «hohe Akzeptanz» und «unabhängige Anlagepolitik ohne teure Beratungen». Allerdings sei der Einstiegspreis heute hoch, was die kurzfristige Rendite beeinträchtige und das Risiko erhöhe. Ein Einstieg müsse individuell geprüft und langfristig ausgerichtet werden. Ein Kenner sagte, dass «etwa die Hälfte des Fonds», derzeit etwa 15 Milliarden Franken, langfristig weniger liquide investiert werden könnte, denn es sei «unwahrscheinlich, dass die Politik den AHV-Fonds ausbluten lässt».

Eine andere Möglichkeit wäre, mehr in Aktien zu investieren. Heute sind zwei Drittel in Obligationen investiert und knapp ein Viertel in Aktien. Die Ertragschancen sind umgekehrt. Aktien haben die Obligationen um Längen geschlagen. Im Tiefzinsumfeld ist der Unterschied noch extremer, und Fachleute sagen, dass Obligationen heute die gefährlichere Anlage seien als Aktien.

Eine dritte Möglichkeit wäre, in sogenannte alternative Anlagen zu investieren, etwa in Häfen, Tunnel und nicht börsengehandelte Schuldpapiere. Pensionskassen investieren heute rund sechs Prozent in diese Anlageklasse und erwarten 10 bis 20 Prozent Rendite. Die Anlageexpertin Claudia Emele, die den AHV-Fonds ebenfalls beraten hat, sagt, die Tiefzinssituation stelle die AHV wie alle Investoren «vor grosse Herausforderungen». Der ­Anlagenotstand zwinge dazu, alternative Renditequellen zu erschliessen, um die strategischen Ziele zu erreichen.

Erstellt: 28.03.2017, 21:51 Uhr

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