Zum Hauptinhalt springen

Ein Pokerspieler mit schwacher Hand

Mexiko und Kanada lassen sich von US-Präsident Donald Trump nicht mehr länger einschüchtern.

Donald Trumps Drang, schnelle Erfolge auszuweisen, lässt ihn auch beim Nafta-Vertrag auflaufen. Foto: Carlos Barria (Reuters)
Donald Trumps Drang, schnelle Erfolge auszuweisen, lässt ihn auch beim Nafta-Vertrag auflaufen. Foto: Carlos Barria (Reuters)

Präsident Barack Obama regte seine Berater am Verhandlungstisch oft auf, startete er doch aus einer Position heraus, die dem angestrebten Kompromiss schon sehr nahe kam. Obama verhandle mit sich selber, sagten sie, er scheue den Konflikt. Sein Nachfolger Donald Trump ist das exakte Gegenteil. Er beginnt mit extremen Forderungen und Drohungen, knickt aber sehr rasch ein und erreicht wenig. Immer mehr zeigt sich, dass Trump die Kunst des Dealens nicht aus der Wirtschaft in die Politik übertragen kann.

Das Gezerre um den Nafta-Vertrag von dieser Woche deckte diese Schwäche des US-Präsidenten deutlich auf. Trump plante für heute Samstag einen dramatischen Auftritt in Pennsylvania, jenem Bundesstaat also, der ihm im letzten November entscheidend zu seinem Sieg verholfen hatte. Zum Abschluss seiner ersten hundert Amtstage wollte er den Ausstieg aus dem Nafta-Vertrag bekannt geben und so eines seiner grossen, wenn auch ein nie ganz glaubwürdiges Wahlversprechen einlösen.

Eine Provokation wirkt nur, wenn der Provokateur weiss, was er riskiert und wie hoch er pokern kann, ohne das Gesicht zu verlieren.

Hinter der Idee standen seine ultranationalistischen Berater Steve Bannon und Peter Navarro, die sich mit einer spektakulären Provokation zurückmelden wollten, nachdem sie mit all ihren anderen Ideen – China als Währungsmanipulatorin zu attackieren, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen, Strafzölle für Importe zu erheben – aufgelaufen waren.

Doch eine Provokation wirkt nur, wenn der Provokateur weiss, was er riskiert und wie hoch er pokern kann, ohne das Gesicht zu verlieren. Das traf diese Woche nicht zu. Und am Aufdecken dieser Schwäche hatten die Handelspartner im Norden und im Süden einen wesentlichen Anteil.

Der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto und der kanadische Premier Justin Trudeau verständigten sich gegenseitig, sobald die Absicht der Protektionisten aus Washington durchsickerte. Sie waren sich rasch einig, dass Trump mit einer schwachen Hand pokerte, in nur einer halben Stunde hatten sie ihn umgestimmt. «Sie meinen es ernst. Ich will nun lieber verhandeln als aussteigen», räumte Trump ein, nachdem er mit seinen Amtskollegen gesprochen hatte.

«Das war wie der Wutanfall eines verwöhnten Kindes, das zum Geburtstag nicht die erwarteten Geschenke bekommt.»

Fafael Fernandez de Castro,mexikanischer Handelsexperte

In Mexiko tönte es harscher: «Wenn man einem Bluffer gegenübersitzt, lohnt es sich, fest und anständig zu bleiben», fasste der mexikanische Senator Armando Rios Piter seinen Eindruck des US-Präsidenten zusammen. Noch eine Spur dezidierter äusserte sich Rafael Fernandez de Castro, Handelsexperte an der Elitehochschule ITAM in Mexiko. «Das war wie der Wutanfall eines verwöhnten Kindes, das zum Geburtstag nicht die erwarteten Geschenke bekommt.» Auch Premier Trudeau bestätigte, dass Trump schon nach einem Telefonanruf kippte: «Ein Rückzug aus Nafta hätte kurz- und mittelfristig enorm schmerzhafte Folgen.»

Trump mag glauben, dass er «einen besseren Deal» herausholen kann. Doch für die USA ist Nafta bereits ein gutes Abkommen, ein besseres ist schwer zu haben. So sind die mexikanischen Zölle auf US-Agrarprodukten so klein, dass sie kaum mehr ins Gewicht fallen. Mit Kanada verhält es sich gleich. China, Mexiko und Kanada sind die drei grössten Exportmärkte für die amerikanische Landwirtschaft.

Der Versuchsballon aus dem Weissen Haus sei geplatzt, heisst es in Mexiko. Beim nächsten Mal werde niemand mehr Trump glauben.

Es war denn auch Agrarminister Sonny Perdu, der Trump diese Woche rasch eine Landkarte vorlegte und ihm zeigte, dass die Landwirtschafts- und die Grenzstaaten – voll von Trump-Wählern – am meisten unter dem Ausstieg aus dem seit 23 Jahren funktionierenden Freihandelsraum leiden würden.

Was bleibt, ist der Eindruck eines wankelmütigen Präsidenten ohne echte Überzeugungen und ohne kohärente Agenda. Kanada und Mexiko sind deshalb vereint wie nie in ihrer Abwehrposition. Der Versuchsballon aus dem Weissen Haus sei geplatzt, heisst es in Mexiko. Beim nächsten Mal werde niemand mehr Trump glauben.

Kanada und Mexiko befinden sich wirtschaftlich keineswegs in einer so schwierigen Lage, dass sie zum Nachgeben gezwungen wären. In eine verzweifelte Position hat sich vielmehr Trump manövriert. Sein Drang, schnelle Erfolge vorweisen zu wollen, schwächt ihn. Der frühere mexikanische Botschafter in den USA, Arturo Sarukhan, sagte der «New York Times», Mexiko lasse sich nicht mehr länger erpressen. «In dieser Beziehung sind wir nun die Erwachsenen.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch