«Ein Teil des Handels könnte von der Börse abwandern»

Der Schweizer Börsenchef Jos Dijsselhof über das bange Warten auf die EU-Anerkennung. 

Für die meisten Händler wäre es kein Problem, Schweizer Titel nur noch über SIX zu handeln, sagt Jos Dijsselhof. Foto: Dominique Meienberg

Für die meisten Händler wäre es kein Problem, Schweizer Titel nur noch über SIX zu handeln, sagt Jos Dijsselhof. Foto: Dominique Meienberg

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Laut Berichten wird die EU-Kommission die Anerkennung der Schweizer Börsenregeln um ein halbes Jahr verlängern. Sind Sie erleichtert, Herr Dijsselhof?
Nein, denn das sind nur Gerüchte, die ich nicht kommentieren kann. Es gibt noch keine offizielle Kommunikation der EU-Kommission dazu.

Welche Entscheidung erwarten Sie?
Da der Bundesrat das Rahmenabkommen nicht paraphiert hat, erwarte ich eher, dass die Anerkennung nicht verlängert wird. Wir werden es sehen.

Können Sie nicht gegen die EU klagen? Entweder die Schweizer Regeln sind EU-konform oder nicht, das ist doch primär eine rechtliche Frage.
Wir als SIX können nicht klagen. Die Schweiz könnte die Welthandelsorganisation (WTO) anrufen. Soweit ich weiss, wurde das geprüft und wieder verworfen. Ich selber halte solch eine Klage vor der WTO auch für keine gute Idee, denn solch ein Prozess würde Jahre dauern und uns nicht helfen.

Doch bis der politische Streit gelöst ist, können auch Jahre vergehen?
Spätestens zu Weihnachten wissen wir, woran wir sind. Für die meisten Händler ist die Umsetzung des Plan B, der vorsieht, Schweizer Titel nur noch über SIX zu handeln, kein Problem. Denn sie handeln bereits heute über uns und zusätzlich über europäische Handelsplattformen.

Dann winkt ihnen also mehr Geschäft?
Am Anfang wird das wohl so sein. Denn derzeit läuft rund 30 Prozent des Handels mit den grössten Schweizer Titeln auf europäischen Handelsplattformen. Längerfristig könnte es aber sein, dass ein Teil des Handels in den ausserbörslichen Bereich oder auf bankinterne Plattformen abwandert.

Wie fühlt sich das an, wenn das eigene Unternehmen Pfand eines politischen Streits ist?
Wenn die Börsenanerkennung bereits Ende vergangenen Jahres zurückgezogen worden wäre, hätten wir und die Schweiz grosse Probleme bekommen. Ich bin daher froh, dass der Bundesrat mit seinen Schutzmassnahmen eine gute Antwort gefunden hat. Anderen Unternehmen, die wie wir von einseitigen Zusagen abhängen, kann ich nur den Rat geben, sich stets mit diversen Szenarien auseinanderzusetzen.

Sprechen wir über die Zukunftspläne der SIX. Was steckt hinter dem Projekt einer digitalen Börse?
Wir wollen Werte wie Aktien digitalisieren und mithilfe der Blockchain-Technik handeln. Der Vorteil ist, dass im Unterschied zum heutigen Handel der Eigentumsübertrag binnen Sekunden geschieht und nicht Tage dauert. Auch andere Anlagen wie Immobilien oder Kunst liessen sich theoretisch mit digitalen Vermögenswerten umwandeln und würden damit handelbar.

Müsste dafür die Börsen­regulierung angepasst werden?
Das ist in der Tat die Kernherausforderung beim Projekt. Hat der Eigentümer einer digitalen Form der Novartis-Aktie dieselben Rechte wie der Eigner einer physischen Aktie? Solche Fragen müssen geklärt werden.

Die Banken wollen schneller neue Dienstleistungen von der SIX sehen. Woran arbeiten Sie?
Wir haben 25 Projekte in der Pipeline. So läuft derzeit mit einer Bank der Pilotversuch für ein IT-Sicherheitszentrum. Weitere Institute sind daran interessiert. Wir arbeiten auch daran, für alle Banken die Identität von Neukunden prüfen zu können. 

Was kommt noch?
Wir prüfen zum Beispiel auch ein eigenes Rating für Unternehmensanleihen. Wir wollen für Obligationen mit einem automatisierten Prozess eine Bewertung abgeben können. Als Erstes bei Schweizer Anleihen, wenn das gut ankommt, werden wir auch andere Wertpapiere bewerten. 

Sie wollen Standard and Poor’s und Moody’s angreifen?
Wir wollen sie eher ergänzen und Ratings dort anbieten, wo es noch keine gibt. Bezahlen dafür soll der Kunde des Ratings, das können Banken, Investoren oder Emittenten sein.

Was wollen die Banken noch?
Wir sind daran, eine Schweizer Cloud-Lösung auszuarbeiten, also eine IT-Infrastruktur in der Schweiz, die einem hiesigen Unternehmen gehört. Im Moment geht es hier darum, einen Schweizer Cloud-Speicher anzubieten. 

Erstellt: 11.12.2018, 22:04 Uhr

Jos Dijsselhof

Der 53-jährige Niederländer Jos Dijsselhof ist seit bald einem Jahr Chef des Finanzdienstleisters SIX. Davor war er bei mehreren Banken und der Amsterdamer Börse Euronext auf leitenden Posten. SIX zählt rund 2700 Mitarbeiter und gehört den Schweizer Banken. Dort war man mit dem Kurs von SIX unzufrieden, Dijsselhof passt dies nun an. (ali/jb)

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