Eine Frau gegen Trump

Kristalina Georgiewa wird die neue Chefin des Weltwährungsfonds IWF. Sie hat das Selbstbewusstsein, es mit dem US-Präsidenten aufzunehmen.

Ab Dienstag steht sie an der IWF-Spitze: Kristalina Georgiewa, hier zu Besuch im französischen Finanzministerium. Foto: Reuters

Ab Dienstag steht sie an der IWF-Spitze: Kristalina Georgiewa, hier zu Besuch im französischen Finanzministerium. Foto: Reuters

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Offiziell ist Christine Lagarde noch gar nicht weg, doch die Lücke, die sie mit ihrem Wechsel zur Europäischen Zentralbank beim Internationalen Währungsfonds (IWF) hinterlassen wird, ist bereits jetzt sichtbar. Ihre Führungskraft und ihr Teamgeist werden dem Fonds fehlen.

Es ist also ein grosser Schatten, aus dem Kristalina Georgiewa treten muss, ein zu grosser, wie manche schon bei ihrer Nominierung gemäkelt haben. Doch Vorurteile sind unangebracht, denn die Bulgarin bringt viele Qualitäten mit: Sie ist, anders als Lagarde, studierte Ökonomin, kennt als langjährige Topmanagerin der Weltbank alle Fallstricke, gilt als offen, gradlinig und kompetent und hat sich bisher in allen Jobs als Kämpferin für Klimaschutz und Geschlechtergerechtigkeit hervorgetan. All das kann der IWF gut gebrauchen.

Eignung und Herkunft

Der Zeitpunkt allerdings, zu dem Georgiewa ihr Amt antritt, könnte schwieriger kaum sein. Der Multilateralismus liegt am Boden, demoliert von Autokraten, die ihren Völkern weismachen wollen, die Zukunft liesse sich mit einer Reise in die Vergangenheit gewinnen, mit Mauern und Nationalismus statt mit Gemeinsinn und Zusammenarbeit. All diese Heilsprediger profitieren davon, dass demokratische Politiker Globalisierungs-, Job- und Identitätsängste jahrzehntelang als eine Art Naturgesetz abtaten, statt den Wandel zu gestalten.

Es ist entscheidend, ob die Menschen den IWF eher als Hilfe oder als Hindernis ansehen.

Der IWF war lange Teil dieser Maschinerie, aber mit dieser Tradition hat der Fonds längst gebrochen, er behandelt Staaten nicht mehr als Bittsteller und vermeidet allzu brutale Reformauflagen. Georgiewa muss diesen Umbau weiter vorantreiben, ohne dabei die Kernaufgabe des IWF, die Förderung von Finanzstabilität und Wohlstand, aus den Augen zu verlieren. Es ist entscheidend, ob die Menschen in aller Welt den IWF bei der Bewältigung ihrer Probleme eher als Hilfe oder als Hindernis ansehen.

Für manche haftet Georgiewa der Makel an, dass sie ein Produkt jenes Deals zwischen der EU und den USA ist, wonach der IWF-Chef stets aus Europa kommt und der Weltbankpräsident immer ein Amerikaner sein muss. Und tatsächlich: In einer idealen Welt sollte allein die Eignung eines Kandidaten ausschlaggebend sein, nicht seine Herkunft.

Aber so funktioniert Personalpolitik nicht, erst recht nicht in einer Zeit, da einige der wichtigsten Regenten der Welt alle Entscheidungen mitnichten am Allgemein-, sondern allein an ihrem privaten Wohl ausrichten. Es wäre daher naiv, ja geradezu gefährlich gewesen, hätten die Europäer ausgerechnet jetzt auf ihr Vorrecht verzichtet.

Mit Selbstbewusstsein gegen Trump

Schon bei der Weltbank hat Donald Trump mit David Malpass einen Präsidenten installiert, von dem nicht ganz klar ist, ob er tatsächlich überzeugter Multilateralist ist oder vielleicht doch nur ein Lakai seines Mentors. Auch beim IWF sind die USA der mit Abstand grösste Mitbesitzer. Man sollte es Trump, womöglich im Verbund mit den Putins, Bolsonaros und Erdogans dieser Welt, nicht erlauben, sich eine so bedeutende Institution untertan zu machen.

Als IWF-Chefin wird es Georgiewa auch mit Trump aufnehmen müssen, sollte der seinen wirren handelspolitischen Kurs fortsetzen oder gar einen Währungskrieg anzetteln. Das dafür nötige Selbstbewusstsein hat sie: Als sich die bulgarische Regierung 2016 um das Amt des UNO-Generalsekretärs bemühte und Bewerber suchte, erklärte sich genau eine Politikerin zur Kandidatur bereit: Kristalina Georgiewa.

Erstellt: 29.09.2019, 21:29 Uhr

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