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350 Franken sparen mit der ungesunden App

Rennen, pedalen, tanzen: Tu was und melde es der Helsana. Das zahlt sich aus. Warum hier Skepsis angebracht ist.

Bewegung ist gesund – aber die Krankenversicherung muss nicht von jedem Schritt wissen. Foto: Reto Oeschger
Bewegung ist gesund – aber die Krankenversicherung muss nicht von jedem Schritt wissen. Foto: Reto Oeschger

Sie will doch nur einen aktiven Lebensstil belohnen, die Helsana, und hat dafür ein Punkteprogramm ins Leben gerufen. Wie das geht, zeigt der Werbespot: Ein junger Mann springt zu rüstigen Rentnern ins Aquafit-Becken, er liegt beim schmierigen Urologen auf dem Schragen, er marschiert auf dem Laufband im Fitnesscenter. Immer dabei: virtuell aufploppende Bonuspunkte. Was die Helsana uns damit sagen will: Wer Sport treibt, sich um seine Gesundheit sorgt und das auf der App meldet, profitiert und bekommt Punkte. Punkte bedeuten Geld – bis zu 350 Franken kann der Kunde damit pro Jahr sparen.

Die App ist sehr umstritten, und trotzdem hat das Bundesamt für Gesundheit BAG der Helsana nach monatelangem Abwägen nun den Segen gegeben. Das Angebot sei angebracht, obwohl Kunden auch in der Grundversicherung ihre Prämien reduzieren können – um bis zu 75 Franken pro Jahr. Konsumentenschützer finden das mässig gelungen.

Tatsächlich umgibt die App ein Hauch der Diskriminierung. Es ist die Idee der Grundversicherung, dass alle die gleichen Rechte haben: Gesunde, Alte, Kranke und Behinderte. Bei gleicher Kasse und Franchise zahlt jeder gleich viel. Das Bonusprogramm stellt das in Frage: Dass Rollatorfahrer beim Sport die gleichen Voraussetzungen haben wie 30-Jährige, dass sie die gleichen Rabatte sammeln können, ist kaum vorstellbar.

Volkserziehung durch den Staat

Der Gedanke liegt nahe, dass mit dieser App Menschen und ihre Risiken selektioniert werden. Und er passt in das allgemeine Unbehagen über einen Staat, der, vor allem in Gesundheitsfragen, seine Bürger erziehen will – zu einem gesunden, zu einem risikoscheuen. Dafür sprechen die Kampagnen des BAG gegen das Rauchen, gegen zucker- und fetthaltige Ernährung, gegen Alkohol; für das Impfen und für mehr Bewegung. Der Staat hat eine Idee vom idealen Bürger und spannt dafür mit den Krankenversicherern zusammen.

Doch die App hat ein weiteres Problem: Der Kunde legt der Helsana sein Leben offen. Da heisst es zum Beispiel in der Anleitung: «Egal ob Hip-Hop, Walzer, Salsa oder Twerking – bei uns wird jedes Tanzfoto mit 300 Punkten belohnt.» Ähnlich beim Joggen und Radfahren. Punkte erhält, wer seine Schritte zählen lässt, wer seine Vereinsmitgliedschaften verrät. Ebenfalls wird empfohlen, die App mit anderen Apps auf dem Handy zu verknüpfen. Noch mehr Daten für die Krankenversicherung.

Aber eben, Helsana argumentiert, sie wolle lediglich den aktiven Lebensstil belohnen. Das ist ziemlich unverfroren. Daten gehören zum Wertvollsten, was der Mensch im Internetzeitalter besitzt. Mit der App lebt der Kunde vielleicht gesünder, hat seinen Körper besser im Griff. Doch er gewinnt mit Helsanas Hilfe nicht die Kontrolle über sein Leben – er verliert sie.

Auf der ganzen Welt warnen Datenschützer davor, sich nicht von Rabattaktionen und -versprechungen täuschen zu lassen. Diese Skepsis ist angebracht. Helsana speichert zwar laut Eigenaussagen keine heiklen Daten aus den verknüpften Fitness-Apps. Doch im Kleingedruckten der Allgemeinen Geschäftsbedinungen steht: Die gewonnenen Infos könne die Helsana für die «Zusendung individualisierter und personalisierter Werbung» bearbeiten.

Ein Fall für den Datenschützer

Wenig überraschend beschäftigt sich auch der Eidgenössische Datenschützer seit Monaten mit dem Fall. Gesundheitsdaten gelten als sensible Informationen und werden im Datenschutzgesetz als besonders schützenswert eingestuft. Brisant wäre es darum vor allem, wenn Daten der Grund- und Zusatzversicherung vermischt würden. Dass es im Fall Helsana darauf Hinweise gibt, hat der Datenschützer bereits bestätigt. Das ist nicht überraschend: Die meisten Versicherer bieten Grund- und Zusatzversicherungen aus einer Hand an.

Der Entscheid des Datenschützers soll in den kommenden Tagen folgen. Er wäre ein eigenartiger Datenschützer, wenn er den Fall Helsana nicht problematisch fände.

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