Ungewöhnliche Allianz gegen Palmöl

Schweizer Bauern kämpfen mit dem Bruno-Manser-Fonds gegen die Zollbefreiung von Palmöl. Doch wie umweltschädlich ist das umstrittene Öl überhaupt?

So umstritten, dass man damit gut Politik machen kann: Industrielle Palmölproduktion. Foto: Eye Ubiquitous (Alamy Stock)

So umstritten, dass man damit gut Politik machen kann: Industrielle Palmölproduktion. Foto: Eye Ubiquitous (Alamy Stock)

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Palmöl ist beliebt – nicht nur wegen seines günstigen Preises. Es findet sich in fast jedem zweiten genussfertigen Nahrungsmittel. Entsprechend rasch wächst in Malaysia und Indonesien, den mit Abstand wichtigsten Produktionsländern, die Anbaufläche für Ölpalmen. Täglich um 500 Fussballfelder – was über 700 Quadratkilometern pro Jahr entspricht, wie Johanna Michel vom ­Bruno-Manser-Fonds sagt.

Palmöl ist beliebt und umstritten. Michel, die unlängst von einer Forschungsreise aus Malaysia zurückgekehrt ist, erzählt von illegalen Brandrodungen des Regenwalds, von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der lokalen Bevölkerung und den Betreibern von Ölpalmenplantagen, von problematischen Arbeitsbedingungen für die Angestellten. Michels Publikum sind nicht etwa Ökofundis oder Ethnologiestudenten. Die Aktivistin spricht an der Delegiertenversammlung der Schweizer Getreideproduzenten in Kerzers FR.

Palmöl ist so umstritten, dass man damit gut Politik machen kann. Das wissen auch die Getreideproduzenten. Sie spannen mit dem Bruno-Manser-Fonds zusammen, um die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und Malaysia zu beeinflussen. Gemeinsam kämpfen sie dafür, dass Palmöl von der Zollbefreiung ausgenommen wird. Bereits heute ist es günstiger als Rapsöl, obwohl auf Palmöl ein 100-prozentiger Zoll bezahlt werden muss. Beide Organisationen, die sich in Kerzers die Bühne teilen, befürchten, dass billiges malaysisches Palmöl das einheimische Rapsöl verdrängen würde.

Ergiebige Ölpalmen

Seit diesem Jahr muss in der Schweiz Palmöl in Lebensmitteln deklariert ­werden. Weil das Öl aus Südostasien seit längerem den Ruf des Klimakillers hat – und auch, weil es medizinisch umstritten ist –, möchten es viele Lebensmittelproduzenten lieber nicht auf ihrer Zutatenliste sehen. Sie haben d­eshalb angefangen, Palmöl zu ersetzen. Sind damit die Bemühungen der ­Schweizer Bauern und des Bruno-­Manser-Fonds nicht obsolet? Für Lukas Straumann, Geschäfts­leiter des Bruno-Manser-Fonds, geht es gar nicht primär um die Lebensmittel­branche: «Wenn Palmöl günstiger wird, wird es vor allem dort öfter eingesetzt, wo es nicht ­sichtbar ist.» Beispielsweise in der Gastronomie, in Kosmetika oder für Treibstoffe.

Nicht alle Umweltorganisationen stehen dem Palmöl gleich kritisch gegenüber. Der WWF etwa sieht zwar ebenfalls die gravierenden negativen Folgen des Palmölbooms. Er stellt aber pragmatisch die Frage, was wäre, wenn Palmöl durch andere Öle ersetzt würde. Sojaöl, das weltweit nach Palmöl am häufigsten verwendete Pflanzenöl, und Kokosöl sind laut einer diesen Sommer vom WWF Deutschland veröffentlichten Studie keine brauchbare Alternative. Sie würden in ähnlich sensiblen Regionen wie Palmöl gewonnen. Das Problem würde somit nicht gelöst, sondern nur verlagert. Und sogar verschlimmert. Denn Palmöl kann verhältnismässig ­effizient gewonnen werden. Eine Öl­palmenplantage mit der Grösse von einer Hektare ergibt jährlich 3,3 Tonnen Palmöl, eine Sojaplantage gleicher Grösse dagegen nur 0,4 Tonnen Sojaöl. Die Organisation kommt zum Schluss: «Der bereits herrschende Umwandlungsdruck auf natürliche Flächen wie Wälder, Feuchtgebiete und Savannen würde sich durch den Ersatz von Palmöl verschärfen.»

«Ein Bürokratiemonster»

Statt Palmöl konsequent zu ersetzen, fordert der WWF unter anderem den vermehrten Einsatz von zertifiziertem Palmöl – sogenanntem RSPO-Öl (Roundtable on Sustainable Palm Oil). Straumann vom Bruno-Manser-Fonds hält wenig von diesem Label: «Wir sehen nicht, dass die Einführung des Labels die Abholzung des Regenwalds bremst.» Das Ganze sei ein Bürokratiemonster, sagt Straumann und erzählt von einem Fall, bei dem es fünf Jahre gedauert habe, bis ein Produzent sein Label verloren habe.

Auch Straumann weiss, dass es keine einfache Lösung für das Palmölproblem gibt. «Aber Palmöl mit einem Freihandelsabkommen günstiger zu machen, ist ganz sicher der falsche Weg.» Nächste Woche wollen er und Michel mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zusammentreffen, das in den Verhandlungen mit Malaysia die Federführung hat. Die Hoffnungen, dass Palmöl vom Abkommen tatsächlich ausgeklammert wird, sind auf der Bühne des Seelandsaals in Kerzers allerdings gering. Michel befürchtet, dass das Abkommen schon nächstes Jahr durchgeboxt wird – ohne Rücksicht auf die Palmölfrage. Und Fritz Glauser, Präsident der Schweizer Getreideproduzenten, erzählt von einem Seco, das primär beschwichtige. «Diese Attitüde hat mich überrascht.»

Erstellt: 15.11.2016, 23:32 Uhr

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