TV-Geräte mit manipuliertem Strom-Label

A++ tönt gut und steht für sparsam beim Stromverbrauch. Obs stimmt, ist eine andere Frage.

Irreführende Angaben: Gewisse TV-Geräte verbrauchen bis doppelt so viel Strom wie angegeben. Foto: Reto Oeschger

Irreführende Angaben: Gewisse TV-Geräte verbrauchen bis doppelt so viel Strom wie angegeben. Foto: Reto Oeschger

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Im Laden sieht alles noch prima aus. Der Fernseher ist smart, das Bild ultrahochauflösend, das ganze Gerät dennoch wunderbar sparsam. Energieeffizienzklasse A++, das Beste, was gerade auf dem Markt verfügbar ist. Zu Hause aber ist es dann schnell vorbei mit der Sparsamkeit. Sobald die Bildschirmeinstellung verändert, ein Video in Ultra-HD abgespielt oder die neueste Version des Betriebssystems geladen wird, steigt der Stromverbrauch drastisch an. Der Kunde bemerkt das aber meist erst auf der Stromrechnung – wenn überhaupt. Etwas dagegen tun kann er nicht.

Das ist das Ergebnis einer neuen Untersuchung mehrerer europäischer Umweltschutzverbände. Neben Fern­sehern wurden auch Kühlschränke und Gefriertruhen sowie Geschirrspüler ­darauf geprüft, wie weit der offizielle, im Labor ermittelte Stromverbrauch von ihrem Energiehunger im Alltag abweicht. Die Differenzen sind demnach bei Fernsehgeräten teils dramatisch: Mit der aktuellen Software ausgerüstet und beim Abspielen ultra-hochauflösender Inhalte verbrauchten dem Test zufolge beispielsweise drei der getesteten TV-Modelle im Durchschnitt ein Drittel mehr Strom als versprochen. Bei einem Gerät war es sogar weit mehr als das Doppelte.

Veraltete Tests

Trotz der gewaltigen Unterschiede steckt dahinter in den meisten Fällen kein Betrug, sondern ein Fehler im System: So müssen die Hersteller für viele Geräteklassen zwar seit Jahren die Energieeffizienz ihrer Produkte messen und ausweisen, derzeit noch auf einer Skala zwischen A+++ und G. Das scheinbar eindeutige System hat aber Tücken. Denn die jeweiligen Grenzwerte werden zwar von der EU vorgegeben, die genauen Bedingungen für die Messung werden aber in einem komplexen Abstimmungsprozess zwischen Industrie, Behörden und Konsumentenvertretern ausgehandelt und in internationalen Normen festgelegt. Hauptziel solcher Prüfstandards ist allerdings nicht, den Alltag möglichst ­getreu nachzubilden, sondern vergleich- und wiederholbare Ergebnisse zu liefern: Egal wer misst oder wo, stets sollen für das gleiche Modell die gleichen Werte herauskommen.

Für die von ihnen in Auftrag gegebene Studie liessen die Umweltschutzorganisationen Clasp, Ecos, EEB und Topten nun eigene Prüfmethoden ent­wickeln, die sich stärker am Alltag im Haushalt orientieren sollen. Deren Ergebnisse wurden dann mit den offiziellen Messwerten verglichen. Das Ergebnis ist den Studienautoren zufolge eindeutig: Fast alle Modelle, egal ob Fernseher, Kühlschrank oder Geschirrspüler, verbrauchen unter alltagsnahen Bedingungen deutlich mehr Strom als bei den Versuchsreihen im Labor.

Egal ob Fernseher, Kühlschrank oder Geschirrspüler – fast alle Geräte brauchen im Alltag mehr Strom.

Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die offiziellen Testverfahren nur selten angepasst werden. Das zehnminütige Standardvideo etwa, mit dem weltweit der Stromverbrauch von Fernsehgeräten bestimmt wird, ist zehn Jahre alt. Es enthält 261 Bildschnitte, eine Szene dauert durchschnittlich knapp zweieinhalb Sekunden, und damit deutlich weniger lang als eine normale Sendung. Das Bildmaterial ist in Normal- und in HD-Auflösung gedreht. Inzwischen aber beherrschen viele TV-Geräte den höher auflösenden Ultra-HD-Standard, oft ergänzt um schärfere Kontraste (HDR). Beides erhöht den Energiebedarf der Bildschirme. Viele Fernseher sparen inzwischen wiederum Strom, indem sie das Bild automatisch an die Lichtverhältnisse der Umgebung anpassen. Der Studie zufolge kann das den Energieverbrauch je nach Modell um bis zu drei Viertel senken. Nichts davon berücksichtigen die aktuellen Tests.

Software-Updates verboten

Zugleich haben es die Hersteller leicht, sich auf jahrelang unveränderte Tests einzustellen – oder sie sogar zu manipulieren. Technisch ist das angesichts der Computer in Haushaltsgeräten längst kein Problem mehr. Im vergangenen Herbst beispielsweise lieferte eine Untersuchung im Auftrag der amerikanischen Umweltschutzorganisation NRDC Hinweise darauf, dass einige Fernsehmodelle die Labortests erkennen und den Stromverbrauch daraufhin aktiv nach unten regeln – ganz ähnlich, wie die Autos von VW im Abgasskandal. Die Tester beobachteten kurz nach Beginn des Prüfvideos ein «unerklärlich starkes und dauerhaftes Abfallen im Energieverbrauch bei Geräten verschiedener Hersteller». Im Klartext: Sie vermuteten Betrug.

So weit gehen ihre europäischen Kollegen nicht, sie nennen auch keine Hersteller oder getestete Modelle, weil von jedem Modell nur ein Gerät getestet wurde. Standard sind normalerweise mindestens vier, um falsche Messungen wegen fehlerhafter Geräte auszuschliessen. Offenbar fürchten die Umweltschützer, sich angreifbar zu machen. Ohnehin geht es ihnen weniger um die Industrie als um die Politik: Sie müsse, so die Forderung, sicherstellen, dass sich die Konsumententests näher am Alltag und dem aktuellen Stand der Technik bewegen und die Laborergebnisse auch unter Haushaltsbedingungen überprüft werden. Ausserdem müssten die Konsumenten informiert werden, wenn der Energieverbrauch wegen Änderungen an den Geräteeinstellungen steigt.

Die EU-Kommission verweist darauf, dass es Sache der Standardisierungskommissionen sei, die Regeln für die Tests zu erarbeiten. Zudem liege der Fokus nun darauf, die vom EU-Parlament verabschiedeten überarbeiteten Regeln für das Energielabel umzusetzen. Die Regeln gelten auch für die Schweiz, weil die hiesige Energieetikette eins zu eins dem EU-Energielabel entspricht. Für die ersten Geräte werden die neuen Regeln frühstens ab Ende 2018 gelten. Eines ist aber schon jetzt klar: Software-Updates, deretwegen ein Gerät in eine schlechtere Effizienzklasse fällt, sind künftig verboten – genauso wie alle Mechanismen, mit denen ein Gerät den Test erkennen und das Ergebnis manipulieren kann. Die aber sind schwer nachzuweisen: Bei Elektrogeräten ist das erst einmal gelungen, bei einem Kühlschrank in Australien.

Erstellt: 21.06.2017, 13:06 Uhr

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