Erst ab jetzt geht es in die eigene Tasche

Der «Tax Freedom Day» ist der erste Tag im Jahr, an dem ein Durchschnittsschweizer seinen Verdienst für sich behalten kann.

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Die Schweiz gilt weitherum als Steuerparadies. Doch das entspricht nicht der Realität. Die erweiterte Fiskalquote, welche alle Gebühren und Abgaben mit einbezieht und vom Volkseinkommen ausgeht, betrug 2017 in der Schweiz 45 Prozent. Das berechnete Marco Salvi, Forschungsleiter beim Thinktank Avenir Suisse, mit den neuesten verfügbaren Daten. Daraus ergibt sich der 14. Juni als der erste Tag im Jahr, an dem ein Durchschnittsschweizer nicht mehr für die staatlichen Zwangsabgaben, sondern für sich selbst arbeitet.

Die Schweiz ist so betrachtet kein Tiefsteuerland. Der Wert war noch nie so hoch wie 2017. Er stieg im Vergleich zum Vorjahr um 0,9 Prozentpunkte. Seit 1995 (38,3 Prozent) hat sich der Anteil um fast 7 Prozentpunkte erhöht. Die Mitte Mai beschlossenen zusätzlichen Lohnabzüge für die AHV werden die Quote weiter ansteigen lassen. Weitere zusätzliche Abgaben, sei es im Sozialbereich für die AHV, die berufliche Vorsorge, die Invalidenversicherung, einen Vaterschaftsurlaub oder die Erhöhung der CO2-Steuer und die Einführung einer Flugsteuer würden den Wert ansteigen lassen.

Knapp hinter Kanada

Auch international steht die Schweiz deutlich schlechter da, als es ihrem Ruf als Steueroase entspricht. Insbesondere angelsächsisch geprägte Länder wie Australien (13. April), die USA (16. April), oder Grossbritannien (9. Mai) zahlen einen geringeren Teil des Einkommens an Zwangsabgaben. Die Schweiz liegt knapp hinter Kanada (10. Juni), aber noch vor Schweden (23. Juni). Abgeschlagen liegen einige Nachbarländer der Schweiz wie beispielsweise Deutschland (10. Juli) oder Frankreich (27. Juli).

International steht die Schweiz deutlich schlechter da, als es ihrem Ruf als Steueroase entspricht.

Trotzdem schneidet die Schweiz bei internationalen Vergleichen der Fiskalquote meistens gut ab. 2016 lag dieser Wert offiziell bei 27,6 Prozent. Die Schweiz läge damit deutlich unter dem Mittel der OECD, welches im selben Jahr bei 34,4 Prozent lag. Die offizielle Statistik täuscht jedoch, denn neben den direkten und indirekten Steuern berücksichtigt sie bloss die Abgaben an staatliche Institutionen wie beispielsweise die AHV. Deshalb fehlen im Schweizer Wert die ebenfalls obligatorischen Abgaben an andere Sozialversicherungen wie die Pensionskassen, die Krankenkassenprämien oder die Unfallversicherung.

Vorstösse scheiterten

Bei allen anderen Ländern der OECD sind diese Abgaben jedoch in der Statistik enthalten. Rechnet man diese Abgaben hinzu, wie es der Ökonom Hans Baumann für die Gewerkschaftszeitung «Work» kürzlich machte, liegt die Schweiz mit einer korrekt berechneten Fiskalquote von 41,7 Prozent (2016) deutlich über dem Schnitt der OECD. Vorstösse, die Schweizer Statistik jener der OECD anzupassen, scheiterten bis jetzt im Parlament. Für den Tax Freedom Day wird statt auf die gesamte Wirtschaftsleistung auf das Nettoeinkommen der Bevölkerung abgestellt. Dann steigt die Quote noch einmal an.

Der Tax Freedom Day wird von verschiedener Seite kritisiert. Einerseits bemängeln liberale Kreise, es gebe den durchschnittlichen Steuerzahler gar nicht. Insbesondere für den Mittelstand sei die Berechnung falsch. Das tatsächliche Datum liege deutlich später. Andererseits gibt es Kritik von links, weil die Zwangsabgabenquote nur die Kosten der Steuern und Abgaben berechne, deren Nutzen aber vernachlässige. Ein Teil der Steuern fliesst zurück in Form von Transfers – beispielsweise als Sozialleistungen und Renten, und zwar an jene Personen, die zuvor Steuern bezahlt haben.

Erstellt: 12.06.2019, 21:48 Uhr

Wie die Zwangsabgabenquote berechnet wird

Die Berechnung des «Tax Freedom Day» beruht auf einem Ansatz der privaten Tax Foundation mit Sitz in Washington. Gemäss dem französischen Star-Ökonomen Thomas Piketty muss als Ausgangspunkt für die Berechnung allerdings das «Nettonationaleinkommen» verwendet werden, um tatsächlich abzubilden, wie viel ein durchschnittlicher Bewohner von seinem Einkommen dem Staat abliefert. Die Zwangsabgabenquote ist dann der Anteil aller Steuern, Gebühren und Abgaben, die ein Durchschnittsschweizer zu bezahlen verpflichtet ist – inklusive aller Sozialversicherungen, eines Drittels der CO2-Abgabe, der nicht an die Bevölkerung zurückverteilt, sondern für Gebäudesanierungen ausgegeben wird, der Abgabe auf Strom für die Einspeisevergütung für erneuerbare Energien und die Mediensteuer für die SRG sowie Tabak- und Alkoholsteuern. So berechnet, liegt der Anteil der Zwangsabgaben vom Einkommen bei 45 Prozent (2017). Legt man den Wert auf das Kalenderjahr um, ergibt sich der Tax Freedom Day – für die Schweiz heuer der 14. Juni. (fi)

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