Erst warnt Sommaruga – dann höhnt Trump

Simonetta Sommaruga und Donald Trump eröffneten das WEF. Zwischen dem, was sie sagten, lagen Welten.

Während drinnen gesprochen wird, demonstrieren draussen Aktivisten fürs Klima. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Während drinnen gesprochen wird, demonstrieren draussen Aktivisten fürs Klima. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Was für eine Paarung. Was für ein Kontrast. Mit je einer Rede eröffneten Simonetta Sommaruga und Donald Trump am Dienstagvormittag das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos. Doch zusammen aufgetreten sind die beiden nicht. Und ihre Reden hätten sich nicht stärker unterscheiden können. Sie stehen für komplett unterschiedliche Sichtweisen der aktuellen Themen, das gilt ganz besonders für den Klimawandel.

Die Schweizer Bundespräsidentin sprach über nichts anderes. «Die Welt brennt», erklärte sie gleich zu Beginn – mit Verweis auf eine entsprechende Aussage des UNO-Generalsekretärs. Und es ging in ähnlich dramatischen und warnenden Worten weiter. Schliesslich spielte sie dem Publikum einen Ausschnitt aus dem Schweizer Dokumentarfilm «More than Honey» vor, um am Schicksal von Bienen deutlich zu machen, wie bedrohlich die Lage mittlerweile sei. Just als eine Protestwanderung von Klimaaktivisten in Davos eintraf, resümierte Sommaruga: «Heute blicke ich mit Besorgnis auf den Zustand unserer Welt.»

US-Präsident Donald Trump auf dem Flugfeld von Davos beim Verlassen seines Helikopters Marine One. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

Einige Bemerkungen Sommarugas lassen sich leicht als Kritik an Trumps Politik interpretieren. Etwa indem sie sagte: «In der Politik und im Umgang mit der Umwelt sind die Suche nach dem guten Gleichgewicht, nach faktenbasierter Rationalität und nach Konsensbildung von allergrösster Wichtigkeit.» Um auf ein solches Gleichgewicht für die Zukunft hinzuarbeiten, dafür seien ja alle nach Davos gefahren, meinte die Bundespräsidentin. Während sie eindringlich vor den Gefahren des Klimawandels warnte, war das Land, das sie als Bundesrätin vertrat, kein Thema. Die Schweiz: existiert nicht in ihrer Rede.

Ganz anders bei Trump. Seine Rede war zum allergrössten Teil ein Lobgesang auf die USA und seine Errungenschaften als Präsident. Der Klimawandel: Nebensache. Damit schert sich Trump wie schon bei seinem ersten Besuch am WEF 2018 einen Deut um die sonst in den offiziellen Reden in Davos hochgehaltenen Prinzipien.

Er warnt vor den Warnern

Aber selbst was Trump zum Klimawandel sagte, unterschied sich fundamental von allem, was in Davos bisher zu diesem Thema vorgebracht wurde. Es sind für Trump gerade die Warnungen vor den Folgen des Klimawandels, die gefährlich sind: «Um die Möglichkeiten von morgen zu nutzen, müssen wir die ewigen Untergangspropheten und ihre Vorhersagen der Apokalypse ablehnen», sagte er wörtlich.

Dann zählte er frühere Negativszenarien auf, die nie eingetreten seien: eine Überbevölkerungskrise in den 1960er-Jahren, Massenhunger in den 1970er-Jahren und ein Ende der Ölvorräte in den 1990er-Jahren. Die «Alarmisten» würden immer dasselbe wollen, erklärte Trump: «Absolute Macht, um jeden Aspekt unseres Lebens zu dominieren, zu verändern und zu kontrollieren.» Er werde nie zulassen, dass «radikale Sozialisten» die US-Wirtschaft oder die Freiheit zerstören.

Indirekt griff Trump nicht nur Simonetta Sommaruga an, sondern auch WEF-Gründer Klaus Schwab. Denn auch dieser hat in seiner Eröffnungsrede erklärt: «Die Welt befindet sich in einem katastrophalen Zustand, und die Zeit läuft uns davon.» Trump dagegen erklärte gerade umgekehrt dazu: «Dies ist nicht eine Zeit für Pessimismus, dies ist eine Zeit für Optimismus – für enorme Hoffnung, Freude, Optimismus und Tatkraft», wie Trump nachdoppelte.

Dass er mit fossilen Brennstoffen weiterhin kein Problem hat, machte Trump ebenfalls deutlich: Stolz erklärte er, dass die USA bei weitem der grösste Produzent von Erdöl und Gas sei. Das sichere seinem Land eine unabhängige Energieversorgung. Die Europäer forderte er auf, von den USA mehr flüssiges Erdgas einzukaufen. Während die Energiekosten auf dem alten Kontinent stiegen, würden sie in den USA sinken – auch an der Tankstelle. Darin sieht Trump nur Vorteile. Dass damit der Benzinverbrauch und der Ausstoss von Kohlendioxiden ansteigt, ist für ihn kein Thema.

So sauber sind die USA

Wohl auch deshalb nicht, weil die USA gemäss Donald Trump ohnehin zu den Ländern mit der saubersten Luft und dem saubersten Trinkwasser der Welt zählen. Er fühle sich verpflichtet, erklärte der US-Präsident, «die Erhabenheit von Gottes Schöpfung und die natürliche Schönheit unserer Welt» zu bewahren. Aus diesem Grund wollen sich die USA auf Initiative Trumps hin an einer Initiative des WEF beteiligen, 1 Billion Bäume zu pflanzen. Das wurde von der versammelten Weltelite mit einem lauwarmen Applaus bedacht.

Die Aussagen von Trump zielten weder auf die Schweizer Bundespräsidentin ab noch auf die in Davos anwesende Greta Thunberg oder den Fokus des WEF: Zielpublikum war sein heimisches Publikum in den USA. Auch deshalb ging es in der Rede primär um die Lage der US-Wirtschaft. Unzählige Statistiken führte Trump an, gemäss denen die ökonomische Lage nicht nur aussergewöhnlich gut ist, sondern so gut wie noch nie in der amerikanischen Geschichte – und dies, obwohl die Notenbank des Landes die Zinsen gegen seinen Willen deutlich zu hoch gehalten habe. Kein Präsident vor ihm hätte Vergleichbares zustande gebracht. Und dies nicht nur für die US-Elite: Es war Trump ein besonderes Anliegen, viele Beispiele aufzuzählen, wonach gerade Vertreter der Unterschicht oder Farbige mehr als alle anderen von seiner Präsidentschaft profitiert hätten. Dem Eindruck, dass unter ihm die Ungleichheit zugenommen hat, will er offensichtlich entgegentreten.

Trumps Liebe zu China

Der Handelskrieg, der während der letzten Jahre die Weltwirtschaft in Atem gehalten hat, scheint für Trump vorerst abgehakt. Nach dem sogenannten Phase-I-Abkommen mit China seien die Beziehungen zwischen den USA und China jetzt besser denn je, dröhnte Trump. Zwar setze sich der chinesische Staatschef für China und er sich für die USA ein, aber abgesehen davon würden sich die beiden Politiker lieben, erklärte der US-Präsident. Die Bemerkung wurde im Saal mit Gelächter quittiert. Wohl auch deshalb, weil Trump den Phase-I-Deal offensichtlich im Bemühen angestrebt hat, im Wahljahr die Wirtschaft und die Börse auf keinen Fall zu belasten. Kaum jemand geht davon aus, dass der Handelsfrieden von Dauer sein wird.

Schon bei seinem letzten Besuch in Davos im Januar 2018 reagierte er auf den Vorwurf, die USA hätten sich unter ihm einem nationalen Egoismus verschrieben, andere Länder sollten es ihm gleichtun. Wenn jedes Land in erster Linie das Maximum für sich selbst anstrebe, wären weltweit bessere Ergebnisse zu erwarten. Diese Doktrin vertrat Trump auch diesmal. Die USA – und sich selbst empfahl er als Vorbild für die Welt. Weltweite Herausforderungen, die nicht national gelöst werden können, gibt es für Trump nicht. Der Klimawandel ist dafür nicht das einzige Beispiel. Die Welt soll sich die USA – und damit ihn – zum Vorbild nehmen. Das war diesmal, wie das letzte Mal, die Botschaft von Trump.

Erstellt: 21.01.2020, 22:11 Uhr

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