Es ist Zeit umzukehren

Die US-Zentralbank will die Zinsen doch nicht erhöhen. Aber: Billiges Geld ist ein guter Zunder und deshalb gefährlich.

An den Börsen freut man sich über das geplante nahe Ende der Leitzinserhöhungen. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

An den Börsen freut man sich über das geplante nahe Ende der Leitzinserhöhungen. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

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Die Finanzmärkte sind wieder einmal glücklich. Es ist etwas geschehen, womit sie eigentlich nicht mehr rechnen durften. Jerome Powell, der Chef der US Notenbank, kündigte überraschend das nahe Ende der Leitzinserhöhungen an, nachdem er vor ein paar Wochen noch das Gegenteil gesagt hatte. An den Börsen stiegen danach die Kurse. Billiges Geld ist ein guter Zunder.

Die Wirtschaftswissenschaft ähnelt in einem Aspekt der Juristerei. Man nehme zwei Experten und höre drei Meinungen. Daher gibt es nachvollziehbare ökonomische Argumente für Powells Kehrtwende. Doch der Zeitpunkt macht misstrauisch. Denn der amerikanische Präsident Donald Trump hatte Powell kurz zuvor scharf angegriffen und behauptet, der Fed-Chef schade der amerikanischen Wirtschaft, wenn er die Leitzinsen weiter anhebe.

Der Konflikt zwischen Trump und Powell ist exemplarisch für die aktuellen Beziehungen zwischen Notenbanken und Regierungen. In den westlichen Industriestaaten hatten sich beide Seiten eigentlich darauf geeinigt, dass niemand dem anderen auf die Füsse tritt. Notenbanker sind in vielen Staaten unabhängig. Das bedeutet, sie sind keinen Weisungen von Politikern unterworfen. Doch dieser Pakt ist brüchig geworden. Auch in Europa und Japan machen Regierungen über viele Kanäle Druck, die lockere Geldpolitik fortzusetzen.

Die Währungshüter haben mit ihrer Nullzinspolitik die Welt in einer Zeit stabilisiert, in der die Machtlosigkeit der Politiker offenkundig war. Die Notenbanker konnten auf Knopfdruck so viel Geld erzeugen, wie nötig war, um die Weltwirtschaft nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Die Politiker allein hätten das nicht vermocht. Also liessen die Regierungen den Alchemisten in den Notenbanktürmen gerne den Vortritt, zumal das billige Notenbankgeld keine Kosten zu verursachen schien. Doch gerade dieser falsche Eindruck sorgte dafür, dass die Geldschwemme ihre starke Suchtwirkung entfalten konnte. Die Welt hat sich an die Nullzinsen gewöhnt, und das ist gefährlich.

Viele Immobilienkäufer haben knapp kalkuliert, weil sie seit Jahren nichts anderes kennen als rekordtiefe Hypothekenzinsen. Sie haben das Risiko ausgeblendet. Höhere Zinsen könnten viele Eigenheimbesitzer hart treffen – bis hin zur Zwangsversteigerung. Ausserdem: Viele Anleger haben aufgrund der Nullzinspolitik ihr Geld in riskante Aktien und Anleihen gesteckt. Die Kurse sind zeitweise auf ein Rekordniveau gestiegen.

Es ist Zeit umzukehren. Die Währungshüter müssen in den Ring steigen gegen Politiker, die Angst haben vor höheren Kosten bei der Schuldenaufnahme. Die Notenbanker müssen den Finanzmärkten klar signalisieren, dass die Zeit der leichten Profite vorbei ist. Es gibt keinen wirklich triftigen Grund mehr, alle Welt mit billigem Geld zu versorgen.

Die Finanzgeschichte kennt viele Episoden, in denen Notenbanken vor den Karren der Regierungen gespannt wurden. Es ist nie gut ausgegangen, denn an deren Ende standen meist eine Spekulationsblase und eine Hyperinflation. Der Gedanke, eine Notenbank könne über die Druckerpresse den Wohlstand sichern, ist naiv. Die Alchemisten sind mächtig genug, um eine akute Krise zu bekämpfen. Doch für alles andere müssen die Parlamente die richtigen Entscheidungen treffen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.12.2018, 21:24 Uhr

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