Es profitieren die Kosmopoliten

EU-Bürger zahlen ab sofort keine Roaming-Gebühren mehr. Davon werden auch die Schweizerinnen und Schweizer etwas haben.

Unter dem Strich profitieren von der Roaming-Abschaffung die europäischen Kosmo­politen: jene, die viel reisen und ins Ausland tele­fonieren. Foto: Keystone

Unter dem Strich profitieren von der Roaming-Abschaffung die europäischen Kosmo­politen: jene, die viel reisen und ins Ausland tele­fonieren. Foto: Keystone

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«Das haben wir nun davon, dass wir nicht dabei sind», werden EU-Fans morgen sagen. Die Reaktion ist nachvollziehbar. EU-Bürger zahlen ab morgen keine Roaming-Gebühren mehr. Deutsche, die nach Italien in die Ferien fahren, telefonieren und surfen dort zu gleichen Bedingungen wie zu Hause – und umgekehrt. Solche Verhältnisse erscheinen verständlicherweise auch Schweizerinnen und Schweizern paradiesisch. Dennoch gilt es einige Einwände zu machen.

Erstens werden die Telecomkonzerne in der EU die wegfallenden Einnahmen aus dem Roaming nicht einfach hinnehmen. Sie werden versuchen, die Ausfälle zu kompensieren. Mehrere Unternehmen ­haben bereits ihre Inlandtarife erhöht. Andere dürften die Abopreise nach oben schrauben. Das Phänomen nennt sich Wasserbetteffekt: Drückt die Politik die Preise an einem Ort, gehen sie an einem anderen Ort hoch. Unter dem Strich profitieren von der Roaming-Abschaffung die europäischen Kosmo­politen: jene, die viel reisen und ins Ausland tele­fonieren. Ihre Telefonrechnung wird sinken, auf ­Kosten jener, die im ­Inland arbeiten, Ferien machen und tele­fonieren.

Staatlicher Eingriff in private Unternehmen

Zweitens ist «Roam Like at Home», wie sich das Projekt nennt, ein politischer Eingriff in die Vertragsfreiheit privater Unternehmen. Konsumenten­schützern mag dieser Einwand zwar spitzfindig erscheinen. Die Kundinnen und Kunden hätten ohnehin schon zu lange unter den überteuerten Roaming-Gebühren gelitten, argumentieren sie. Dennoch ist die Frage berechtigt, ob es Aufgabe der Politik ist, ihre Bürger vor hohen Preisen zu schützen, wenn weder Monopole noch Kartelle bestehen.

Auch in der Schweiz wird sich das Parlament dieser Frage bald stellen müssen, wenn es um eine mögliche Obergrenze für Roaming-Gebühren in der Schweiz geht. Unabhängig vom Entscheid: Schweizerinnen und Schweizer profitieren schon heute von der kontinuierlichen Senkung der Roaming-Tarife in der EU. Aus Angst, immer mehr Schweizer könnten im Ausland mit ausländischen SIM-Karten telefonieren, haben die Schweizer Telecomfirmen in den letzten Jahren freiwillig ihre Roaming-Gebühren gesenkt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2017, 19:23 Uhr

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